Wir befinden uns auf einer Fundsachenversteigerung des Auktionshauses Wendt, das regelmäßig im Auftrag von Condor, Lufthansa und dem Frankfurter Flughafenbetreiber Fraport nicht abgeholte Fundsachen unter den Hammer bringt. Die wechselnden Veranstaltungsorte, meist große Stadthallen, füllen sich schon deutlich vor Auktionsbeginn und die Besucher reichen von gewerblichen Wiederverkäufern über neugierige Familien bis hin zu rüstigen Rentnern, die sich eine Portion sonntägliche Unterhaltung erhoffen.

Die Palette der Auktionsgegenstände ist wie immer ebenso bunt gemischt. Einzelfundsachen vom Schminktäschchen bis zur Sonnenbrille, vor allem bei Technikgeräten vom iPhone bis zur Spiegelreflexkamera gehen die Bieterkärtchen fast synchron in die Höhe. Doch niemand weiß genau, ob die Kamera noch funktioniert oder das Handy eine südamerikanische Sim-Sperre besitzt. Es ist ein großes Glücksspiel, aber genau deshalb fasziniert es die Massen. "140 Euro zum Ersten, zum Zweiten, 140 Euro zum Dritten an Bieternummer 96!"

Kofferversteigerung mit vielen Überraschungen

Die größte Aufmerksamkeit, wie könnte es anders sein, erhalten die Koffer: Rot, gelb, schwarz, grün, pink, mit 2 Rollen, mit 4 Rollen, manchmal gibt es auch gar keine Rollen mehr. Designermarken, billige Imitate, manche wie neu, manche notdürftig von Schnüren zusammengehalten. Riesig, winzig, schwer, federleicht. Eines haben sie alle gemeinsam: Der Inhalt liegt im Verborgenen und ist die eigentliche Überraschung! Und so wird bei jedem Koffer das Getuschel im Saal lauter, man tauscht sich aus, analysiert das Gepäckstück aus der Ferne und zieht seine Schlüsse.

"Sieht nach Business-Gepäck aus oder? Vielleicht ist ein Laptop drin!", hören wir von links. "Ich glaub der ist leer, vielleicht ne Unterbuchse, so leicht wie sie den eben hochgehoben hat" schallt es von rechts. Jedes Detail fließt in die Betrachtung ein. Es dauert nicht mal eine Minute, da ist der Bieterwettstreit auf 170 Euro hochgeschnellt. "Niemand mehr? 170 Euro zum Dritten an Bieternummer 213!" Nun will natürlich jeder wissen, was im geheimnisvollen Koffer enthalten ist. 170 Euro, plus 21,42% Aufgeld für den Auktionator. Über 200 Euro hat das gute Stück gekostet, kaum ein Trolley geht an diesem Nachmittag für unter 150 Euro über den Tresen.

Sex-Spielzeug, Kunstwerke oder alte Socken?

Bezahlt wird direkt nach dem erfolgreichen Gebot in bar. Als ein Auktionshelfer den Koffer zum Höchstbietenden zwei Reihen vor uns bringt, lässt eine erste Reaktion nicht lange auf sich warten: "Mensch Carsten, dat is ja gar kein Rimowa!" Tja Carsten, das hat auch nie jemand behauptet. Über den Inhalt lässt er die gaffende Menge im Ungewissen und öffnet seinen Neuerwerb – wie die meisten Besucher – wohl erst zu Hause. Wir selbst haben schon allerlei Skurriles in den Koffern vorgefunden: Sado-Maso-Ausrüstung, japanische Kunstwerke, eine Porzellansammung. Doch allzu oft eben auch nur eine Ladung muffiger Wäsche von C&A und Co.

Währenddessen läuft die Auktion längst weiter, es geht Schlag auf Schlag. Gute 6 Stunden sind für den heutigen Nachmittag angesetzt. Doch wo kommen die vielen Stücke eigentlich her? Und warum hat sie niemand abgeholt? Die Gründe können ganz unterschiedlich sein. Die Fluggesellschaften betreiben ihre eigenen Fundbüros, in denen auch Einzelfundstücke direkt aus den Flugzeugen landen. Bei Fraport sammeln sich hingegen all jene Dinge, die auf dem Gelände des Frankfurter Flughafens und des Terminals liegen bleiben. Die Spielregeln sind für alle gleich: Drei Monate werden die Stücke aufbewahrt und anschließend verwertet (also versteigert). Die Aufklärungsquote liegt immerhin bei über 90 Prozent.

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Geheimnisse fremder Koffer

Der Saal ist bis auf den letzten Platz belegt, das Spektakel begeistert hunderte Gäste.

Aufgepasst: So geht das Gepäck nicht unterwegs verloren

Doch immer wieder gibt es auch Fälle, wo sich die ehemaligen Eigentümer sogar mit dem Fundbüro in Verbindung setzen, aber dann den teuren versicherten Versand in ihr Heimatland nicht bezahlen wollen. Andere machen zu ungenaue Angaben oder vermuten, dass sie bestohlen wurden. Oder der Koffer geht irgendwo in den Wirren aus Sicherheitskontrollen, Gepäckbändern und Umsteigeverbindungen verloren und man wartet bei der Ankunft vergeblich. Hinter jedem Stück, das bei der Kofferversteigerung (die ja weit mehr ist als nur das) unter den Hammer kommt, steht eine kleine Geschichte.

Wir haben Magdalena Hauser, Pressesprecherin vom beliebten deutschen Ferienflieger CONDOR mal gefragt, ob sie Empfehlungen für Reisende hat, damit auf dem Weg zum Urlaubsort oder nach Hause nichts verloren geht. "Bei Handgepäck gilt natürlich die Devise: Am besten bei der Abreise die Gepäckstücke durchzählen und dann immer ganz genau checken, ob man alles beisammen hat, bevor man aus dem Flugzeug steigt", empfiehlt Hauser als Grundschema. Doch auch für das aufgegebene Gepäck hat Condor sechs Empfehlungen parat:

1) Mut zur Farbe! Schwarze Stoff-Trolleys machen etwa 80 Prozent der Gepäckstücke im europäischen Luftverkehr aus. Somit sehen alle Koffer gleich aus und werden viel leichter verwechselt – vor allem von mitreisenden Passagieren, die vermeintlich ihren Koffer vom Band nehmen und erst zu Hause die Verwechslung bemerken!

2) Baggage-Tags von früheren Reisen entfernen! Nicht nur die großen Schlaufentags, sondern auch die kleinen Aufkleber mit Strichcode ablösen, damit sofort erkennbar ist, wohin die aktuelle Reise ging und nicht unterschiedliche Angaben am Koffer hängen.

3) Das Passenger-Receipt, das jeder Passagier am Check-in erhält, unbedingt sicher aufbewahren. Das ist der Personalausweis des Gepäckstückes für diese Reise und mit diesem kann immer und überall nachverfolgt werden, wo sich der Koffer gerade befindet.

4) Rechtzeitiger Check-in: Die Transportwege für das Gepäck sind bei großen Flughäfen unter Umständen sehr lange. Deshalb lieber Zeit einplanen und den Koffer rechtzeitig aufgeben. Stress-Situationen sind ein großer Risikofaktor für Gepäckverluste!

5) Keine verbotenen Gegenstände einpacken! Diese werden bei den Sicherheitskontrollen bemerkt, das Gepäck muss alle Stufen der Überprüfung durchlaufen, wird geöffnet, der Gegenstand entfernt – das kostet Zeit, die der Koffer im Zweifel nicht hat.

6) Anhänger mit Name und Adresse am Gepäck anbringen! Auch die des Zielortes einschließlich des Datums, bis wann man dort verweilt. Diese Daten auch nochmals im (!) Gepäck in Form eines Zettels hinterlegen, falls der Anhänger abgerissen wird. Sicher ist sicher!

Übrigens: Die meisten Gepäckstücke kommen nur mal kurz vom rechten Weg ab und landen letztlich wohlbehalten bei ihren Eigentümern. Wichtige Dinge wie Schlüssel, Medikamente, Wertsachen und Papiere gehören ins Handgepäck. Eine Badehose bietet sich auch an, damit man im Fall der Fälle am Hotelpool oder Strand auf das Gepäck am Zielort warten kann ;-)

Alexander Mirschel reist gemeinsam mit seiner Frau um die Welt und betreibt mit NIEDblog.de seit 2010 den erfolgreichsten Romantik-Reiseblog in Deutschland.