Eine Umweltschutzorganisation hatte mitten im Dschungel im Kongo eine Lichtung entdeckt, auf der sich mehrere Hundert Elefantenleichen befinden sollten. Dieter Herrmann wurde beauftragt, eine Reportage darüber zu drehen und machte sich kurzfristig auf die abenteuerliche Reise dorthin.

Hier lesen Sie den ersten Teil der Geschichte

Nach ziemlich turbulentem Flug waren wir, aus Brazzaville kommend, in Kellé gelandet. Der Regen hatte nachgelassen, das Flugzeug wurde betankt. Mehr und mehr Menschen kommen zum Flugfeld. Die meisten von ihnen wollen in die Hauptstadt und es sieht aus, als würde auch der Rückflug voll werden. Tickets verkauft einer der Piloten. Es klart weiter auf, hier und dort bricht die Sonne durch. Unser Gepäck ist schon im Auto und in ein paar Minuten wird unser Fahrer, dessen Namen ich schon wieder vergessen habe, mit dem Betanken des Flugzeugs fertig sein.

Die neuen Passagiere sind im Flugzeug, alle Türen und der Gepäckraum verschlossen. Einer nach dem anderen werden die vier Motoren angelassen. Eine grüßende Bewegung noch aus dem Cockpit und langsam rollt die Maschine zum entfernten Ende des Grasbahn. Die vier Motoren werden auf Drehzahl gebracht – noch steht der Pilot offenbar auf der Bremse. Beeindruckend, wie die DHC-7 dann beschleunigt. Hoch wirbelt das Wasser hinter den Rädern auf, weiter hinten im Propellerwind wird es fein zerstäubt. Nach ein paar Hundert Metern ist das Flugzeug in der Luft, das Fahrwerk verschwindet langsam in den Gondeln der beiden inneren Motoren. Ein bisschen neidisch sehe ich den Abfliegenden hinterher. Pilot zu sein, ist hier wohl tatsächlich noch ein Abenteuer.

Wir haben es jetzt eilig. Hier, in der Nähe des Äquators wird es um sechs dunkel. Bis nach Mbomo ist es noch ein ganzes Stück. Henri, natürlich französisch ausgesprochen, heißt der GIZ-Mitarbeiter, der uns fährt. Gerade hat er mir seinen Namen noch einmal gesagt. Er ist zuversichtlich und denkt, dass wir höchstens zwei Stunden brauchen werden. Kurz nach Sonnenuntergang sollten wir am Ziel sein.

Zwei Stunden über Stock und Stein und durch tiefe Schlammlöcher – Landstraße im Kongo

In Deutschland würde man das, was wir hier befahren, sicher nicht als Straße bezeichnen. Hier im Norden des Kongo ist es ein Highway. Der Boden ist weich und ausgefahren. Immer wieder müssen wir durch tiefe Seen, die sich in den Spurrinnen gebildet haben. Nach meiner Erfahrung gibt es nicht viele Geländewagen, die für solche Regionen wirklich geeignet sind. Der Toyota Land-Cruiser gehört ganz sicher dazu. Wie nicht anders zu erwarten, hat der Fahrer jede Menge Erfahrung auf den Dschungelstrecken des Kongo. Souverän manövriert er uns durch Schlammlöcher und Furten, über kurze Geröllfelder und tiefe Lastwagenspuren. Die Sonne ist inzwischen nicht mehr zu sehen, sie muss hinter den Bäumen, tief über dem Horizont stehen. Und dann ist es plötzlich dunkel. Jedes mal bin ich fasziniert: die Dämmerung in den Tropen dauert häufig nur ein paar Minuten.

Wenn es hier dunkel ist, dann ist es wirklich dunkel! Kein Mondlicht, ein paar glitzernde Sterne und sonst nur das Licht unserer Scheinwerfer. Dass wir Mbomo erreicht haben, kündigt sich durch nichts an. Kein Lichtschein voraus, die Geräuschkulisse des Urwalds durch die offenen Fenster bleibt immer gleich. Und plötzlich stehen wir mitten im Ort. Rechts und links ein paar Petroleumfunzeln, am Ende der Straße eine helle Gaslampe. Elektrischen Strom gibt es hier nicht, wenn die Mitarbeiter der GIZ ihr Satellitentelefon benutzen möchten, kommt der Strom dafür oft aus der Autobatterie.

Henri hält vor einer mit großen, grünen Blättern gedeckte Hütte. "Euer Hotel", sagt er mit einem Augenzwinkern. Heißen soll es wohl: aussteigen, ausladen! Die Behausung ist gut! Viel Platz, drei Feldbetten, ein Tisch, Stühle – und Imme, Kay und ich haben sie ganz für uns alleine. Auf einem Regal an der Wand steht ein Tropffilter – sauberes Trinkwasser gibt es also auch. Der Fahrer weist auf den mit Gas betriebenen Kühlschrank hin. Da wäre was zu Essen, wir sollten uns bedienen. "Abfahrt zum Fluss morgen früh um sieben", sagt er dann noch. Zum Abendessen gibt es Rührei auf Toast. Zum Frühstück auch.

Das Boot wartet auf uns

Schon kurz vor sieben sitzen wir wieder im Auto. Nur 10 bis 15 Minuten sagt Henri, dann wären wir am Fluss. Das Boot und ein paar Männer würden auf uns warten. Es geht wirklich schnell. Der Fluss, viel schmaler als ich erwartet habe, liegt braun und träge im Licht der gerade aufgegangenen Sonne. Drei große, breitschultrige Männer träumen in der morgendlichen Wärme. Am Boot ein kräftiger Außenbordmotor. Der im schwarzen T-Shirt wird uns als Bootsführer vorgestellt, die beiden anderen, in grün/braunen, uniformähnlichen Klamotten sind Wildhüter. Die Ranger haben beide eine Kalaschnikow AK-47 über der Schulter.

Vanuatu ist ein ambitionierter Inselsaat und echter Geheimtipp für Urlauber.

Schnell unsere Ausrüstung ins Boot, ein kurzer Händedruck mit Henri und wir sind flussaufwärts unterwegs. Das Boot ist vielleicht fünf oder sechs Meter lang und gut einen Meter breit. Dank des kräftigen Motors gleitet es unerwartet schnell über die Wasseroberfläche. Der Fahrtwind ist großartig doch mir ist klar, dass es heute richtig heiß und dampfend feucht werden könnte.

Kontakt mit den drei Afrikanern ist kaum möglich, der Motor ist einfach zu laut. Wenn Äste oder Zweige weit über den Fluss hängen kommt vom Bootsführer hin und wieder ein Warnruf oder ein schriller Pfiff. Kay dreht manchmal für ein oder zwei Minuten – wirklich Interessantes ist nicht zu sehen, es sei denn man hält die hier allgegenwärtigen Büffel für interessant. Für unseren Film ist das Material, was Kay da aufs Band bringt, sicher trotzdem wichtig.

Sackgasse im Schlamm und völlige Stille

Nach knapp zwei Stunden, die Sonne brennt inzwischen kräftig, biegen wir nach rechts in einen engen Flussarm ab. Noch zwei oder drei Minuten, dann ist der Wasserlauf zu Ende. Mit schmatzendem Geräusch gleitet das Boot mit dem Bug in den Schlamm. Plötzlich ist es völlig still um uns herum. Der Dschungel hält den Atem an. Ob wir hier willkommen sind?

Einer den beiden Ranger springt als erster von der Bugspitze des Bootes an Land. Gut, dass wir alle Stiefel anhaben. Er sinkt sofort bis zu den Knöcheln ein. Auch hier oben muss es kräftig geregnet haben. Wir haben unsere Ausrüstung verteilt. Imme trägt die gesamte Tontechnik einschließlich Angel und Mischer, Kay natürlich die Kamera und ich das Stativ, ein paar Akkus und Kassetten. Weiteren Kleinkram hat einer der Ranger im Rucksack. Der Bootsführer bleibt zurück bei seinem Fahrzeug.

"Ruhe!", will uns der Wildhüter damit bedeuten.

Zusätzlich zu ihrer Kalaschnikow sind die Ranger mit Macheten "bewaffnet". Ohne, so habe ich bei meinen ersten Drehs im Urwald gelernt, geht man in einer Gegend wie dieser am besten gar nicht vor die Haustür. Einer der Wildhüter geht voran, Kay folgt ihm, dann Imme und ich. Der zweite Ranger bildet die Nachhut. Ein paar breite, flache Bäche müssen wir durchqueren. Der Boden ist morastig, manchmal ist es schwer, Halt zu finden. Schritt für Schritt bahnen wir uns den Weg durch das hohe Elefantengras. Ab und zu bleibt der Wildhüter vorn stehen, bedeutet uns leise zu sein und lauscht. An besonders matschigen Stellen schlägt er mit seiner Machete ganze Büschel des Grases ab, um damit den Boden zumindest etwas zu befestigen.

Wie ein Pferdeapfel – nur drei mal so groß

Eine Art Pfad öffnet sich vor uns, Gras, das von Tieren platt getreten wurde. Eindeutig Elefanten, beide Ranger sind sich sicher. Ein paar Meter weiter ein großer Brocken Elefantenlosung. Von Form und Farbe etwa wie ein Pferdeapfel – nur ungefähr drei mal so groß. Ganz klar: hier muss jetzt gearbeitet werden. Ich würde gern einen Aufsager machen, auf dem Boden kniend, mit dem Elefantenapfel. "Aufsager", so heißt das in unserer Fachsprache. Dabei steht der Reporter mit seinem Mikrofon vor der Kamera und spricht auf diese Weise sozusagen direkt zu den Zuschauern. Kay muss mit der Kamera auch runter, Imme drückt mir ein Mikro in die Hand. Ich halte das feste und fast trockene Stück Elefantenkacke ins Bild und erzähle was dazu. Unsere Wildhüter gucken etwas ungläubig. Nach knapp fünf Minuten ist alles im Kasten.

Die Reportage wird gedreht

Bäche, Sumpf, Elefantengras und braune Klumpen.

Zusammen mit einem der Machetenträger geht Kay jetzt vor, will drehen, wie Imme und ich uns durch das Dickicht kämpfen. Es ist wirklich nicht so einfach. Das Gras steht an manchen Stellen über zwei Meter hoch, sehen kann man kaum etwas, der Kampf mit den scharfen Halmen ist aussichtslos. Tiergeräusche ganz in unserer Nähe. Wieder legt der Ranger den Finger auf den Mund, möchte lauschen. Eine kleine Lichtung vor uns mit einer Büffelherde. Stampfend und schnaufend ziehen die zwanzig oder dreißig Tiere über die Lichtung. Es sind Rotbüffel, eine kleinere Art des Afrikanischen Büffels. Mit 300 bis 400 Kilogramm Lebendgewicht aber immer noch ziemliche Brocken mit Furcht einflößendem Gehörn. An ihnen sind weder legale Jäger noch Wilderer interessiert. Ihr Fleisch schmeckt nicht besonders gut – vor allem aber tragen sie kein Elfenbein.

Rund eine halbe Stunde noch kämpfen wir uns über die dicht bewachsene Ebene. Die Sonne brennt mittlerweile brutal vom stahlblauen Himmel. Dann sind wir am Ziel. Vor uns liegt die Lichtung, die wir gesucht haben. So groß wie drei Fußballplätze, durchflossen von einem flachen drei bis vier Meter breitem Fluss und umgeben von dichtem Urwald. Zu sehen ist es auf den ersten Blick: die Lichtung ist übersät mit Elefantenkadavern. Tiere jeder Größe und in fast jedem Zustand der Verwesung. Kürzlich getötete liegen neben sauber abgenagten Skeletten. Zwei Dinge sind ihnen allen gemeinsam: die Einschusslöcher im Schädel und die fehlenden Stoßzähne.

Es ist atemberaubend und macht mich traurig. So viele Tiere so sinnlos abgeschlachtet. Und es stinkt erbärmlich nach Tod und Verwesung. Quer durch die Lichtung schlängelt sich der schmale, flache Fluss. Er ist die Tränke für Tausende von Tieren aus der Umgebung, hier dürfte es für Wilderer ein Leichtes sein, Elefanten abzuschießen.

Aufsager im Fluss

Wir laufen weiter auf die Lichtung, um Dutzende Kadaver herum bis zum Fluss. Das Wasser sieht sauber und klar aus, läuft aber über die Überreste etlicher Elefanten. Hier will Kay noch einen Aufsager drehen. Ein guter Platz dafür. Imme gibt mir wieder das Mikrofon, Kay bittet mich, in die Hocke zu gehen, so dass für die Zuschauer besser zu erkennen ist, wie es hinter mir aussieht, wo die Kadaver überall verteilt sind. Das Wasser schlängelt sich um meine Stiefel, der Boden scheint weich zu sein, ganz langsam sinke ich weiter ein.

Von Tourismus keine Spur: Blogger taucht in den Alltag der Menschen ein.

Einer der beiden Wildhüter schaut zu, lächelt mich an und macht Gesten, die ich nicht auf Anhieb verstehe. Mein Aufsager ist rund 20 Sekunden lang und stetig sinke ich weiter in den Boden unter mir ein. Kay wettert, er müsse ja immer weiter runter mit der Kamera, damit ich in Bildmitte bleibe. Egal, das Ding ist im Kasten.

Vorsichtig versuche ich, wieder aufs Trockene zu kommen. Schmatzend ziehe ich meine Stiefel hoch und lasse mir vom Ranger aus dem Wasser helfen. Ganz schön matschig hier. Doch dann kommt der Wildhüter mit seiner Information: Nein, kein Matsch, das war ein halb verwester Elefant, in den du gerade eingesunken bist... Blick zurück. Ja, jetzt kann ich es auch erkennen. Mir ist übel. Nein, eigentlich ist mir sogar richtig schlecht – nicht unbedingt, weil meine Stiefel in einem Kadaver gesteckt haben – vor allem, weil hier so sinnlos so viele Tiere erschossen worden sind.

In ungefähr einer Stunde soll der Hubschrauber hier ankommen. Bis dahin müssen wir noch eindrucksvolle Bilder drehen und einer der Ranger soll uns noch, so gut es sprachlich möglich ist, ein Interview geben. Ganz wichtig ist uns, dass wir die Landung des Helikopters drehen, der uns abholen wird. Es gibt wirklich unzählige Elefanten-Kadaver. Ob es 100 sind, oder 200 oder gar 300? Ich kann es nicht schätzen. Die "frischesten" Opfer der Wilderer sind vermutlich erst vor zwei oder drei Tagen erschossen worden.

Backenzähne – fast so groß wie Ziegelsteine

Von der schieren Größe der Knochen bin ich tief beeindruckt. In den Kiefern sind die Backenzähne gut zu sehen, die Kaufläche hat ungefähr die Größe einer Postkarte. Unmittelbar neben dem Skelett eines besonders großen Tieres liegt ein ganz kleines. Das kleine ohne ein Einschussloch im Kopf. Ob das Jungtier einfach bei seiner erschossenen Mutter blieb, bis es verhungert ist?

Im Südsudan sterben täglich Unschuldige - und keiner berichtet.

Das Interview mit dem Wildhüter klappt gut. Eigentlich will er seine Kalaschnikow auf den Boden legen, ich bitte ihn jedoch, sie auf der Schulter zu lassen. Er erzählt, dass das gesamte Elfenbein von hier aus sofort über die Grenze nach Gabun geht. Bis dorthin sind es vielleicht 10 oder 20 Kilometer. Kontrollieren kann diese Grenze niemand – es ist dichter Dschungel. Zudem ist der Elfenbeinhandel auch für Leute in Gabun ein ziemlich gutes Geschäft. Von Libreville, der Hauptstadt Gabuns, soll das unverarbeitete Elfenbein direkt in die Abnehmerländer China und Japan transportiert werden. Der Handel ist illegal – trotzdem, so sagt der Ranger, hat sich z.b. in Hongkong ein lukrativer Markt für verarbeitetes und rohes Elfenbein etabliert.

Mein erheblich eingerostetes Französisch ist wieder deutlich besser geworden und ich kann den Mann gut verstehen. Er erzählt mir weiter, dass die Wilderer pro Stoßzahn rund 10 Dollar oder eine Flasche Whisky bekommen. Der Marktwert des Materials soll in China angeblich bei rund 2.000 Dollar pro Kilo liegen.

Der Hubschrauber. In der Ferne ist das Geräusch der anfliegenden Maschine zu hören. Haben wir alles gedreht, was wir für den Film brauchen werden? Hoffentlich!

Wie wir den teuren Hubschrauber chartern konnten, welche Überraschung er mit zum Elefantenfriedhof gebracht hat und auf welch abenteuerliche Weise wir nach Brazzaville zurückkehren, lesen sie in der nächsten Folge meines Blogs.

Mehrfach wurde ich gefragt, ob sich eine Reise in die Republik Kongo lohnen würde und wie man dort hinkäme. Das gibt es eine klare Antwort: JA! Fast jede Reise nach Afrika lohnt sich! Die Flugverbindungen sind unproblematisch. Die Direktflüge von Brüssel nach Barazzaville sind zwar eingestellt, aber von Paris aus gibt es wohl auch derzeit mehrmals in der Woche einen Non-Stop-Flug nach Brazzaville. Das zwingend erforderliche Visum zu bekommen kann allerdings eine zähe Angelegenheit sein. Sowohl die Behörden der Republik Kongo als auch die des südlichen Nachbarn (Demokratische Republik Kongo) lassen sich bei der Ausstellung der Visa wohl manchmal sehr viel Zeit. Nicht immer allerdings – wir nämlich konnten mit einem Telefax der Botschaft in unseren Händen nach Brazzaville fliegen und haben unser Visum dort bekommen. Warum das so war? Ich weiß es nicht. Der Sender hatte alles in die Wege geleitet – und wir hatten den Eindruck als wäre unser Besuch dort (und unser Film) auch im Interesse der Regierung gewesen...

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Auf dem Weg zum Elefantenfriedhof

Am Ziel angekommen, bietet sich unserem Blogger ein trauriger Anblick.
Blogger Dieter Herrmann

Beruflich ist Dieter Herrmann immer wieder in Kriegs- und Krisengebieten als Ausbilder unterwegs. Privat will er es jetzt etwas ruhiger angehen und lebt deshalb seit einiger Zeit in Australien und berichtet aus der Region. Im Blog schreibt er auch über seine Erlebnisse auf Reisen.