Es wird langsam dunkel. Wir sitzen im Minivan von Axel. Das Auto sieht milde ausgedrückt "abgerockt" aus. Geputzt wurde es wohl seit der Auslieferung nicht mehr und der marode Zustand der Innenausstattung hat bereits jegliche Toleranzschwellen überschritten.

Es gibt Zeiten für Hiking, und es gibt Zeiten für High Heels!

Sonnenuntergang im Zululand

Passend zum Auto gibt es den Fahrer: Axel hat sein letztes Bad wohl auch vor längerer Zeit genommen. Außer T-Shirt und dünnen Shorts trägt er nur Locken auf dem Kopf und eine Brille. Er fährt barfuß. Was ihn nicht daran hindert, mit dem nackten Fuß ordentlich aufs Gaspedal zu drücken. Denn wir haben eine Mission, die nicht auf sich warten lassen kann: Bald wird die Sonne untergehen und dieses feurige Spektakel auf den Hügeln bei Eshowe wollen wir uns nicht entgehen lassen. Es handelt sich um ein kostenloses Angebot unseres Hostels im Zululand in Südafrika. Als ehrenamtlicher Mitarbeiter des Hostels fährt Axel die Hostelbesucher in die Berge, von wo aus man die beste Aussicht genießen kann.

Das Auto gibt ungesunde Geräusche von sich. Mit jedem Meter droht es, sich in den Autohimmel zu begeben. Axel scheint sich nicht daran zu stören. Mit einer Geschwindigkeit, die wir in Deutschland als äußerst unangemessen bezeichnen würden, fährt er uns über Stock und Stein durch kleine Gebirgsdörfer zielstrebig zum nächsten "Gipfel". Kleine Kinder laufen dem krächzenden Auto entgegen und winken uns energisch zu, um nur wenige Sekunden später genauso energisch zur Seite zu springen, um nicht überfahren zu werden. Denn Axel kennt keine Gnade und weicht nicht aus. Nicht einmal die Hupe bemüht er, um die Kinder zu verscheuchen. Das liegt wahrscheinlich daran, dass diese schon längst nicht mehr funktioniert. Amüsiert hüpfe ich hoch und runter auf meinem Sitz, denn es ruckelt gewaltig und Sicherheitsgurte gibt es in unserem Gefährt nicht. Im hinteren Bereich des Autos kullern zwei größere Behälter hin und her, die wie zwei Gasflaschen aussehen. Ungesichert prallen sie gelegentlich mit voller Wucht gegen die Wand, sobald Axel wieder ein flottes Manöver vollführt. Ich versuche nicht daran zu denken, welch denkwürdiges Inferno die Gasflaschen verursachen könnten... Da gäbe es an diesem Abend möglicherweise mehr als nur einen feuerroten Sonnenuntergang…

Pünktlich kommen wir auf dem Hügel an. Erstaunlicherweise haben weder wir noch die Gasflaschen einen Schaden durch die verrückte Fahrt genommen. Auch alle Dorfkinder sind unversehrt.

Axel steigt aus und holt aus irgendeinem versteckten Loch im Auto einen Schlauch. Dann befördert er eine der Gasflaschen aus dem Autowrack und fängt an daraus Bier zu zapfen. Wild schäumend verteilt er das Bier in unsere Glas(!)becher, die aus unerfindlichen Gründen die Fahrt ebenfalls ohne Verluste überstanden haben.

Feuerrot und dramatisch schön ist der Himmel am Horizont, als sich unsere Biergläser treffen und wir den wohl unvergesslichsten Sonnenuntergang in Südafrika zelebrieren.

Übung macht den Meister

Schwarz ist die Nacht. Und sie kommt einem noch schwärzer vor, wenn man feststellt, dass man sich gerade aus dem eigenen Mietauto ausgesperrt hat. Einfach den Schlüssel aus Versehen stecken lassen, den Knopf an der Tür reindrücken und aussteigen. Funktioniert hervorragend bei älteren Autos. So sichert man sein Hab und Gut vor vermeintlichen Einbrechern. Und auch vor sich selbst.

Genau in dieser Reihenfolge haben wir es auch getan. Alles, womit wir unterwegs sind, Geld inklusive, ist sicher im Auto mitsamt Autoschlüssel aufgehoben. Wir befinden uns irgendwo im Zululand und wissen nicht, wie wir an unsere Sachen herankommen sollen. In Ermangelung kreativer Ideen fangen wir an uns gegenseitig der Dummheit zu beschuldigen. Der Zwist in unseren Reihen lockt schnell diverse zwielichtige Gestalten an. Ein Passant erkundigt sich nach unserem Problem und fragt anschließend, ob wir denn nicht ein Stück Draht hätten. Tja, Draht führen wir komischerweise auch nicht mit - und wenn, dann läge er sicher im Auto.

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Skurriles aus aller Welt

Reisen erweitert den Horizont - diese Bilder beweisen es.

Der Mann verschwindet und kommt wenig später zurück. In der Hand – ein Stück Draht. Ganze anderthalb Minuten braucht er, um damit den Hochsicherheitstrakt – unser Auto – aufzubrechen. Wobei "Aufbrechen" hier das falsche Wort ist. Er führt den Draht durch die Fensterdichtung ein und hebt damit den Knopf an der Tür an. Auto offen, keinerlei Spuren und alles ist nach wie vor völlig intakt.

Schock und Freude wühlen uns gleichermaßen auf - Tag für Tag haben wir unsere Sachen verschlossen im Auto aufbewahrt. Stets überzeugt, dass man erst einen auffälligen Einbruch starten müsste, um an diese Sachen heranzukommen. Und gerade mussten wir zusehen, wie man unsere Sicherheitsvorkehrungen innerhalb von drei Minuten außer Gefecht gesetzt hat. Und das nur, weil der Mann unvorbereitet war und zunächst nach einem Stück Draht suchen musste.

Nichtsdestotrotz sind wir unserem "Retter" mehr als dankbar und lassen uns gemeinsam ablichten - nicht jeder, der dein Auto aufbricht, meint es böse mit dir.

Was tut man nicht alles für die Familie?

Als wir versuchen, ins Taxi von Ahmed zu steigen, bricht auf dem Taxi-Platz in Sous ein Aufstand aus. Vor Ahmed stehen nämlich noch mindestens 20 andere Taxifahrer und warten auf Kundschaft. Er ist noch lange nicht an der Reihe, auch wenn wir ihn persönlich angerufen haben. Seit ein paar Tagen ist Ahmed so was wie unser persönlicher Taxifahrer hier in Tunesien. Wenn wir ein Taxi benötigen, dann rufen wir ihn an. So wie heute.

Von dieser besonderen Kundenbindung haben die anderen Taxifahrer natürlich keine Ahnung. Fuchsteufelswild jagen sie den armen Ahmed quer über den Platz. Einer entreißt ihm gar das Schild "Taxi" vom Autodach. Ohne dieses darf er sein Taxi nicht fahren. Verzweifelt versucht sich Ahmed gegen die wütenden Kollegen zu wehren und ihnen zu erklären, dass wir verwandt seien. Das hilft alles nicht wirklich. Die Menge droht ihn platt zu machen.

Plötzlich bekommt Ahmed Rückendeckung von einem Taxifahrer, der sich später als sein Bruder herausstellt. Dieser kommt gerade um die Ecke gerannt. Er kämpft sich durch die Horde und "entfernt" dabei unsanft ein paar Kollegen, die handgreiflich zu werden drohen. Dann steckt er Ahmed sein eigenes Taxischild wieder auf sein Autodach und schiebt uns ebenfalls unsanft ins Taxi. Ahmed springt beschwingt hinters Lenkrad und laut lachend zieht er mit quietschenden Reifen davon. Im Schlepptau das wertvolle Gepäck, für das er beinahe gelyncht wurde: Wir. Seinen Bruder lässt er zurück.

Ein Ziel haben wir auch schon: Die Wohnung von Ahmeds Verlobter. Wir sind bei ihr zum Abendessen eingeladen. Einfach so - die berühmte arabische Gastfreundschaft. Sie kennt uns nicht bzw. weiß sie von uns nur, da Ahmed ihr von seinen neuen Stammkunden erzählt hat.

Bei unserer Ankunft ist das Abendessen schon fertig. Alle Schwestern und Cousinen seiner Verlobten sind anwesend und haben mitgeholfen, für uns ein üppiges Abendessen zuzubereiten. Es gibt Couscous mit Kürbis und Zimt und diverse andere Leckereien.

Die Menschen nehmen uns auf, als wären wir wirklich miteinander verwandt. Obwohl sie kein Englisch und wir kein Französisch oder Arabisch sprechen, schaffen wir es, uns zu verständigen und haben viel Spaß an diesem Abend. Wir werden mit den verschiedensten Gerichten verwöhnt und machen Fotos fürs Familienalbum. Zum Schluss lädt uns Ahmed wieder in sein Taxi ein und fährt uns sogar noch gratis zurück in unser Hotel. Das Geld für die Fahrt will er nun nicht mehr annehmen - wir gehören ja zur Familie...

"Pünktlichkeit stiehlt uns die beste Zeit" (Oscar Wilde)

Meine Nerven liegen blank. Ich bin gerade dabei meinen Anschlussflug von Hongkong nach Singapur zu verpassen. Der Flug, mit dem ich aus Shanghai komme, hat mich gerade eben mit drei Stunden Verspätung abgeliefert. Verzweifelt schaue ich auf meine Flugzeiten: Boarding nach Singapur um 18:05, Abflug um 18:40. Aktuelle Uhrzeit: 18:20.

Mein Gate ist 30 m Luftlinie von meiner aktuellen Position entfernt. So nah und doch unerreichbar. Denn uns trennt eine dicke Glasscheibe. Wir befinden uns noch am Eingang des Terminals, von wo aus wir von einem Bus abgeholt und zum Hauptterminal gefahren werden sollen. Der Hauptterminal ist etwa 10 Minuten Busfahrt von hier entfernt. Dort müsste ich wieder durch die Gepäck- und Passkontrolle, um in einen Bus zu steigen, der mich wieder hierher zurück bringt. Dass ich das in den verbleibenden 20 Minuten nicht schaffen werde, ist mir jetzt schon klar.

Hastig versucht mein Gehirn eine Lösung zu finden, während ein kleiner Mann, der Anweiser, uns auffordert die Treppe zum Ausgang zu nehmen. Da würde der Bus schon auf uns warten. Ich kann es nicht fassen, dass ich meinen Flug verpassen würde, obwohl ich eigentlich fast direkt vor dem Gate stehe. Ich drehe mich um und verlasse die Menge. Mit zuckersüßer Stimme und Hundeaugen erkläre ich dem Anweiser, in welcher misslichen Lage ich mich befinde und bitte ihn, er möge mich zu meinem Gate durchlassen. Er weigert sich. Ich insistiere. Er weigert sich. Ich insistiere. Bis sich etwas tief in seinem Herzen rührt. Mit einem entrüsteten Seufzer greift er zu seinem Funkgerät und fängt an auf Chinesisch zu sprechen.

18:25. Tick-Tack-Tick-Tack.

Mein Hundeblick wird noch herzzerreißender. Sofern überhaupt noch möglich. Der Mann geht aufgeregt auf und ab und versucht etwas zu klären. Wobei ich gar nicht sicher sein kann, dass es dabei um mich und mein Problem geht.

18:30.

Plötzlich packt er mich an der Hand und sagt mir, ich solle mitkommen. Auch wenn ich keine Hoffnung mehr habe, renne ich ihm hinterher. Ich werde durch mehrere Hintertürchen mit sieben Schlössern hindurch geschleust, durch Gänge, die nur für die Stewardessen und Piloten gedacht sind. Mein Rucksack wird im Schnelldurchlauf durch einen Scanner gejagt. Ich ebenfalls. Piepsfrei kommen wir durch, mein Reisepass wird in Windeseile geprüft und ich bekomme eine Boarding-Karte ausgestellt. An jeder Prüf-Station erzählt der kleine Mann den Leuten von meiner Notsituation und alle stressen sich außerordentlich ab, mir zu helfen und mich möglichst schnell abzufertigen. Dann geht die Rennerei durch endlos lange Korridore weiter, bis wir uns urplötzlich auf der anderen Seite der Trennwand befinden. Mein Gate ist selbstverständlich in der entlegensten Ecke des Gebäudes. Ich schaue auf die Uhr:

18:45... Ach nöööö! Verflixt und zugenäht!

Mein Helfer lässt allerdings nicht los und zehrt mich hinter sich her bis zum Gate. Höchstpersönlich liefert er mich ab - ich bin die letzte Person, auf die sie noch warten.

Völlig entspannt nimmt die Stewardess meine Boarding-Karte entgegen. Sie weiß ja nichts von den turbulenten Minuten, die hinter uns liegen.

"Oooh, you've got a special one!" sagt sie amüsiert und deutet auf meine Boarding-Karte hin. Erst jetzt fällt mir auf, dass diese handgeschrieben ist.

Mein Komplize und ich schauen uns verwegen an und schmunzeln. Gerührt bedanke ich mich bei ihm für seine Hilfe. Stolz und gleichermaßen gerührt strahlt er mich an. Zum Abschied drückt er mir gar ein Küsschen auf die Backe und winkt mir zu, während ich an Bord verschwinde.

So oft sie kann, entflieht Dana Katz ihrem Büro und erkundet die Welt. Das Motto der smarten Computerexpertin: Es gibt Zeiten für Hiking und es gibt Zeiten für High Heels. Mehr auf ihrem Blog "The Hiking High Heel".