Na ja, das mit dem Wort "Berührung" ist nicht so ganz ernst gemeint. Ich lege das heute einmal etwas großzügig aus.

Es sind vier Länder, in denen ich mich mit Walen in der einen oder anderen Weise etwas näher befasst habe: Deutschland, Norwegen, Grönland und Australien.

An meinen ersten Blauwal kann ich mich noch sehr gut erinnern. Zur Schule ging ich in einer Stadt in Niedersachsen, die sich gerade aufmachte, zur Großstadt zu werden – das heißt, die Zahl von 100.000 Einwohnern zu überschreiten.

Der Blauwal auf dem Lastwagen

Auf Plakaten überall im Ort und vor allem bei uns in der Schule wurden uns gleich zwei Superlative angekündigt. Das größte Tier in Deutschland sollte bei uns zu sehen sein – und das auch noch auf dem größten Lastwagen des Landes. "Verkauft" wurde der Blauwal uns als "Moby Dick", obwohl ich auch damals schon wusste, dass DER Moby Dick aus dem Roman von Herman Melville ein Pottwal war.

Und dann kam der Morgen, an dem es hieß: "zu zweit antreten" und wenig später war meine Klasse vollzählig unterwegs zum "Whale Watching" auf einem großen Platz in der Nähe des Rathauses.

Der Truck war schon beeindruckend. Das Fahrzeug war rund 25 Meter lang (16,50 Meter waren eigentlich zulässig) und zwangsläufig auch deutlich schwerer als ein normaler Sattelzug. Er stand quer über den ganzen Platz, gut eingezäunt und natürlich mit Kassenhäuschen.

Im Lastwagen war schummeriges Licht und es roch ganz sanft nach Meer und Fäulnis. Keinesfalls aber nach Verwesung. Das konnte ich als Bauernjunge ziemlich gut beurteilen. Das Tier war wirklich beeindruckend. Groß, lang, unheimlich, dunkelbraun, fast schwarz, mit weit aufgerissenem Maul.

Großartig dekoriert und in Szene gesetzt – jedenfalls für die Zeit meiner Kindheit. So gut, dass ich mich fortan jahrelang für Wale – die von vielen Menschen damals noch als Walfische bezeichnet wurden, interessiert habe.

In Norwegen der Liebe wegen...

Meine nächste "Begegnung" mit einem der imposanten Meeressäuger sollte mehr als zwei Jahrzehnte auf sich warten lassen. Ich hatte mein Studium in Berlin gerade beendet und mich Hals über Kopf in ein Mädchen aus Oslo verliebt. Mit so viel Herzklopfen auf beiden Seiten, dass wir beide in die Nähe der norwegischen Stadt Bergen zogen. Ich bekam einen Job als Pilot, Ann-Kari, so hieß sie, arbeitete als Lehrerin für Norwegisch, Englisch und Deutsch.

Ich hatte einen wirklich schlechten Tag. Mit dem Wasserflugzeug hatte ich vier Touristen direkt am Anlegesteg ihres Hotels abgeholt. Einen einstündigen Rundflug über die Gletscher und Fjorde hatten sie gebucht. Ein Mann hatte sich etwas Mut angetrunken.

Er war noch nie zuvor geflogen – erst recht nicht in einem kleinen Propellerflugzeug. Vorn, vor der norwegischen Westküste kann man manchmal Wale sehen, die im Golfstrom in Richtung Norden oder Süden schwimmen. An diesem Tag nicht.

Manchmal ist es widerlich, als Pilot zu arbeiten

Na ja, es war ein bisschen böig und über den Fjorden und etwas später, über dem Folgefonn-Gletscher hat die Cessna-206 sich, bei kristallklarer Sicht, ganz schön geschüttelt.

Und plötzlich war der Schnaps, mit dem der Luftfahrtneuling sich Mut gemacht hat, wieder da. Zum Vergnügen aller fünf Flugzeuginsassen. Ich war es, der nach der Landung die Maschine reinigen musste (vor allem die Innenseite der Windschutzscheibe ist bei dieser Maschine immer ein hartes Stück Arbeit) und der deswegen zu spät zum verabredeten Abendessen kam.

Ann-Kari war trotzdem gut drauf, die Flasche Chardonnay, die sie im staatlichen Alkoholgeschäft gekauft hatte, war vermutlich ein kleines Vermögen wert und die beiden Filetsteaks auf dem Küchentisch sahen ausgesprochen verführerisch aus. Der Salat war schon fertig und nach wenigen Minuten duftete das Butterschmalz aus der Pfanne.

Filetsteak mit Fischgeschmack?

Kerzenlicht, Harmonie, Musik, Ann-Kari und ein leckeres Essen – was sollte da schon schief gehen? Das Filet hatte eine großartige Konsistenz. Außen leicht knusprig und pfeffrig, innen zart und weich. ABER ES SCHMECKTE NACH FISCH! Fragender Blick zu meiner Freundin, sichtliches Unbehagen bei mir. Dieter, schmeckt es dir nicht? Na ja... Aber es ist das Beste vom Wal und auch ganz frisch!

Begriffe schossen mir durch den Kopf: "Moby Dick", "Greenpeace", "Sea Shepherd", "japanische Wissenschaftler", "Eskimos", "Naturschutz", "Harpunen mit Sprenggranaten", "Filetieren bei lebendigem Leibe", "Lebertran", "Ambra", "mit Walbarten stabilisierte Mieder". Und noch viel mehr.

Verdammt! Das Essen war lecker. Aber das geht doch nicht! Das kann ich nicht. Oder vielleicht doch? Eine so schwierige Entscheidung und eine ziemlich verwunderte Ann-Kari. Ich habe dann nicht aufgegessen, mir eine norwegische Pizza aufgetaut (was die kleine dunkelbraunen Brocken darauf wohl für ein Fleisch sind?) und lange mit meiner Freundin diskutiert. Es war gut!

Und jetzt der Schinken, geräuchert

Weitere zwanzig Jahre später, Ann-Kari war inzwischen verheiratet (nicht mit mir), war ich wieder einmal in Bergen. Diesmal mit Marion, der Frau, die mich sicher für den Rest meines Lebens begleiten wird – oder umgekehrt.

Unbedingt wollte ich ihr den Fischmarkt in Bergen zeigen – und was lag da in der Auslage? Walschinken, geräuchert. Klar war Marion genauso neugierig wie ich. Zwei Scheiben haben wir gekauft (der Händler hat etwas erstaunt geguckt) und am Abend gegessen. Und da war es wieder, das schlechte Gewissen.

Nun behaupten die Norweger ja, ganz anders als die Japaner, dass ihre Walfängerei inzwischen nachhaltig sei. Kann man das glauben? Haben die Bestände sich wirklich erholt, wie die Walfangnationen (natürlich) behaupten? Ist es so, dass auf besonders bedrohte Arten, wie Blau-, Pott- und Finnwale keine Jagd gemacht wird? Ich weiß es nicht, ich kann es nicht nachprüfen und es macht mir erhebliche Schwierigkeiten.

Diese Probleme und das pochende, schlechte Gewissen hatte ich bei meinen beiden nächsten Begegnungen mit Walen nicht. Obwohl auch diese Wale nicht alle überlebt haben.

Mit Dines auf Waljagd

Vor über 10 Jahren war ich zum ersten Mal an der Ostküste Grönlands. Der größte Ort dort heißt Tasiilaq (früher einmal Ammassalik) und hat gut 2.000 Einwohner. Es war Hochsommer und Teile der Küste waren eisfrei. Dort, in Tasiilaq, habe ich Dines kennen gelernt. Er ist Innuit, war schon zu der Zeit als wir uns zum ersten Mal trafen Jäger, Fremdenführer, Hundeschlittenlehrer, Mechaniker, Bootsbauer und ansonsten auch noch "Mädchen für alles".

Narwale waren gesichtet worden und Dines wollte mich zur Jagd mitnehmen. Ein bedenklich kleines Boot, Messer, ein Kleinkalibergewehr, warme Kleidung, Seil und ein Speer mit scharfer Spitze und Widerhaken. Ich war einverstanden und war Stunden später erleichtert. Wir hatten kein Jagdglück.

Eine Tonne Fleisch für eine ganze Stadt

Doch zwei Tage später, vielleicht, weil ich nicht dabei war, kam der Inuit mit einem Narwal zurück. Im Schlepp hinter seinem Boot. Das war jetzt wirklich ein Urvieh, das da mit einer Winde an Land gezogen wurde. Rund vier Meter lang, vielleicht eine Tonne schwer und viel heller, als ich mir das jemals vorgestellt hatte. Und dann natürlich dieser Stoßzahn. Eineinhalb Meter lang, schätzte ich und gedreht, wie eine Schraube. Und zu meiner großen Verwunderung saß er nicht in der Mitte des Kopfes sondern deutlich nach links versetzt.

Kaum war das tote Tier an Land gezogen, gingen Frauen und Männer mit riesigen Messern zu Werke. Zwei Tage wurde gearbeitet, dann war nicht nur der Wal zerlegt sondern jeder Haushalt war mit Fleisch für viele Wochen versorgt. Verwendet wurde fast alles von dem Tier. Speck, Knochen, Haut. Innereien für die Schlittenhunde und der Stoßzahn natürlich für den Jäger.

Na ja, mag ja nahrhaft sein aber...

Hier hatte ich keine Schwierigkeiten, vom Wal zu essen. Es kam mir so vor, als würde der Wal als Nahrung genau hier hingehören. Die Innuit-Familie, bei der ich zu Gast war, wollte mir einen besonderen Gefallen tun, und legte mir ein großes Stück vom Speck auf den Teller. Ich fand den Geschmack widerlich und hoffe, dass niemand meine Abneigung bemerkt hat.

Meine letzte und bisher schönste Begegnung mit Walen war fast bei uns vor der Haustür. Besuch aus Deutschland war hier und "Whale Watching" stand auf der Wunschliste der Freunde. Zwischen Mitte Mai und Ende Oktober ist es fast unmöglich, keine Wale vor der Küste zu sehen. Bootsbetreiber geben sogar eine "Garantie". Gibt es keine Wale zu sehen, ist die nächste "Whale-Watching-Tour" kostenlos.

So finde ich es eigentlich am schönsten!

Lebhafte Buckelwale mit bis zu 15 Metern Körperlänge schwimmen oft in kleinen Gruppen die Küste entlang. Hin und wieder sind ihre Kälber zu sehen. Die Südkaper, oft noch größer als die Buckelwale kommen manchmal besonders dicht an die Küste heran. Und wenn man großes Glück hat, dann kann man hin und wieder auch einen Schwertwal (Orca) mit seiner riesigen Finne entdecken. Deutlich größer als ein Delfin und erstaunlich schnell und wendig.

Nach all meinen Wal-Erlebnissen ist mir eines ganz klar geworden: Ansehen, staunen und sich vorstellen, dass diese Tiere Tausende von Kilometern durch die Weltmeere ziehen, ist eigentlich das größte Wal-Abenteuer für mich.

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Mit Walen durch die Welt

Die Wale sind schon immer ein wichtiger Teil des Lebens für die Bewohner Grönlands gewesen. Für sie bringt das Tier Nahrung - an anderen Orten wiederrum lockt es Touristen in Scharen an.

Blogger Dieter Herrmann

Beruflich ist Dieter Herrmann immer wieder in Kriegs- und Krisengebieten als Ausbilder unterwegs. Privat will er es jetzt etwas ruhiger angehen und lebt deshalb seit einiger Zeit in Australien und berichtet aus der Region. Im Blog schreibt er auch über seine Erlebnisse auf Reisen.