Es ist für viele eine schöne Kindheitserinnerung: An Heiligabend klingelt ein Glöckchen, die Eltern sagen "Das ist das Christkind, das bringt gerade die Geschenke", man stürmt ins Wohnzimmer und siehe da - die Geschenke liegen unterm Weihnachtsbaum. Manche Eltern verzichten jedoch auf diese Flunkerei, sie finden, man müsse Kindern immer die Wahrheit sagen. Wir haben zwei Erziehungsexperten nach ihrer Meinung zum Thema "Darf ich meine Kinder anlügen?" gefragt.

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Das Vertrackte an der Geschichte vom Christkind oder Weihnachtsmann ist ja, dass die Wahrheit auf jeden Fall herauskommt. Kinder unterhalten sich mit anderen Kindern und diejenigen, die wissen, dass Eltern, Freunde und Verwandte die Geschenke besorgen (und nicht das Christkind) werden ihr Wissen unweigerlich teilen.

Manches Kind mag sich dann vielleicht gekränkt fühlen, für die von uns befragten Erziehungsexperten ist das aber noch kein Grund, Weihnachtsmann und Christkind abzuschaffen.

"An den Weihnachtsmann oder an das Christkind zu glauben, ist ein Teil der sogenannten animistischen Phase, in der Kinder alles für möglich halten", sagte der Erziehungsberater Jan-Uwe Rogge im Gespräch mit unserer Redaktion.

In dieser Phase spielen die Kinder mit ihrer Fantasie, integrieren echte und ausgedachte Figuren in ihr Leben, denken sich Geschichten mit ihnen aus.

"Kinder müssen träumen dürfen"

Den Kindern in dieser Phase, die in ihrer stärksten Ausprägung etwa bis zum zehnten Lebensjahr dauert, auszureden, dass diese oder jene Figur nicht "echt" sei, sei kontraproduktiv, so Rogge. "Es entwickeln sich vermeintlich fantasielose Kinder, deren Eltern dann mit ihren Sorgen darüber in die Erziehungsberatung kommen. Kinder müssen träumen dürfen."

Dieser Ansicht ist auch Danielle Graf, Co-Autorin des Blogs "Das gewünschteste Wunschkind aller Zeiten treibt mich in den Wahnsinn", aus dem auch ein Buch entstanden ist. Graf hat grundsätzlich die Einstellung, Lügen zu vermeiden, allerdings mit der Einschränkung: Wann immer es möglich ist.

Auch sie hat ihren Kindern erzählt, dass der Weihnachtsmann die Geschenke bringt. Als sie allerdings fragten, ob das denn wirklich so sei, hat sie ihnen die Wahrheit gesagt - und gleich eine Erklärung mitgeliefert, warum sie ihnen die Geschichte vom Weihnachtsmann erzählt hat.

"Ich habe ihnen gesagt, dass es doch Spaß macht, an den Weihnachtsmann zu glauben und dass es ja vielleicht so ist, dass für die Kinder, die an ihn glauben, der Weihnachtsmann die Geschenke bringt. Und bei den anderen sind es die Eltern", sagte Graf im Gespräch mit unserer Redaktion.

Darf man lügen? Jein.

Von einem Schwarz-Weiß-Denken beim Thema Lügen hält sie wenig, ebenso wie Jan-Uwe Rogge. Er sagt: "Die Frage 'Darf man seine Kinder anlügen' mit Ja oder Nein zu beantworten, wäre sehr dogmatisch. Es gibt ja sehr unterschiedliche Situationen, in denen es um die Frage 'Wahrheit oder Lüge' geht."

Beispiel: Der Hamster ist gestorben. "Da ich nicht gläubig bin, würde ich nicht sagen: Der Hamster ist jetzt im Himmel. Sondern: Wir begraben ihn im Garten und aus ihm wird dann eine Pflanze", sagt Danielle Graf.

Der Schmerz ist dann natürlich erst einmal groß, allerdings müssten Kinder auch lernen damit umzugehen. "Wichtig ist, dass die Eltern das Kind trösten. Aber zu lügen, nur um Trauer zu vermeiden, das ist nicht in Ordnung", erklärt Jan-Uwe Rogge.

Bei Adoption oder Scheidung ist Lügen keine Option

Ähnliches gilt für andere ernste Situationen. Etwa wenn die Eltern sich nicht mehr verstehen und vorhaben, sich zu trennen. "Kinder spüren diese Missstimmung meistens sehr genau und fragen von selbst: 'Habt ihr euch nicht mehr lieb?'", sagt Rogge. In diesem Fall solle man auf keinen Fall lügen, sondern auf die Gefühle der Kinder eingehen.

Das sieht auch Danielle Graf so: "Solche Lügen werden von Kindern kaum verziehen, sie sehen das als massiven Vertrauensmissbrauch." Das gelte auch und vor allem für schwierige Themen wie Adoption. "Kinder sollten unbedingt wissen, wenn sie adoptiert wurden, oder auch, wenn der biologische Vater ein anonymer Samenspender ist."

Doch wie sieht es in typischen Alltagssituationen aus? Beispiel: Mutter oder Vater wollen schnell zu irgendeinem Termin, das Kind will aber lieber spielen. Ist es dann okay zu sagen: "Dann gehe ich halt ohne dich"? "Auf keinen Fall", findet Danielle Graf.

Der Satz spiele mit der Urangst von Kindern, alleine gelassen zu werden, man erpresse sie damit, damit sie so funktionierten, wie die Eltern das wollen. Wenn einem der Satz doch einmal rausrutsche, sei es wichtig, ihn nachher zu erklären. "Man sollte dann einfach zugeben, dass man wollte, dass es schneller geht - und beim nächsten Mal einen Kompromiss finden", sagt Graf.

"Das tut gar nicht weh!"

Manchmal sind Kompromisse aber nicht möglich, wie zum Beispiel beim Blutabnehmen beim Arzt oder einer Impfung, die Eltern für ihr Kind wollen. Lügen ist aus Sicht der Experten aber auch hier keine Option. "Man sollte auf keinen Fall sagen: 'Das tut nicht weh.'", sagt Jan-Uwe Rogge. "Sondern lieber: 'Das tut jetzt weh, der Schmerz geht aber schnell vorüber.'"

Natürlich sind Eltern in dieser Hinsicht für ihre Kinder auch Vorbilder. Wer also selbst wenig lügt, wird von seinen Kindern später wahrscheinlich auch seltener angelogen werden.

Wobei es Lügen gibt, die gesellschaftlich akzeptiert und zum Teil auch gewollt sind. "Meine Tochter sagte zum Beispiel nach einem Essen zum Kellner, der sie fragte, ob es geschmeckt habe: Ja. Später hat sie mir dann gesagt: Mama, eigentlich hat es mir gar nicht geschmeckt", erzählt Danielle Graf.

So eine Lüge, findet sie, ist okay. "Weil das ja nur zeigt, dass meine Tochter sich überlegt hat, ob sie mit ihrer Antwort jemanden verletzen könnte."

Verwendete Quellen:

  • Interview mit Danielle Graf, Co-Autorin von "Das gewünschteste Wunschkind aller Zeiten treibt mich in den Wahnsinn"
  • Interview mit Jan-Uwe Rogge, Erziehungsberater und Autor
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