• Ob von einem Hund eine Gefahr ausgeht, lässt sich an seiner Körpersprache ablesen.
  • Dabei gibt es durchaus Ähnlichkeiten zur Gestik und Mimik von Menschen.
  • Eine Verhaltensbiologin erklärt, wie sich der Gemütszustand eines Hundes einschätzen lässt und wie man im Ernstfall reagieren sollte.
Ein Interview
von Julia Wolfer

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"Der tut nix", sagen Hundebesitzer gerne, wenn sich ihr Liebling fremden Personen nähert. Das kann man als Betroffener nun glauben oder nicht. Besser wäre es, wenn man dem freilaufenden 60-Kilo-Rottweiler an der Nasenspitze ansehen könnte, ob er wohlgesonnen ist oder zubeißen möchte.

Ganz so einfach ist es leider nicht. Zwar kommunizieren Hunde tatsächlich vor allem über Mimik und Körpersprache, doch pauschale Regeln wie "Ein schwanzwedelnder Hund ist ein freundlicher Hund" sind Unsinn, sagt die Verhaltensbiologin und Hundetrainerin Marie Nitzschner. Wolle man die Körpersprache des Hundes richtig lesen, dürfe man sich nicht auf ein Körperteil konzentrieren.

Worauf es bei der Interpretation der Körpersprache von Hunden stattdessen ankommt, welche Parallelen es dabei zur Mimik und Gestik des Menschen gibt und wie man sich im Ernstfall richtig verhält, erklärt die Hunde-Expertin im Interview.

Wenn mir ein fremder Hund im Park begegnet - kann ich auf einen Blick erkennen, ob er gefährlich ist oder nicht?

Marie Nitzschner: Im Regelfall kann man erkennen, ob von einem Hund Gefahr ausgeht, wenn man ein wenig Grundwissen hat. Bei der Einschätzung ist wichtig, dass man sich nicht auf einzelne Körperteile fokussiert. Entscheidend ist die gesamte Körperhaltung und Körperspannung: Wenn der Hund steif und starr dasteht oder in einem langsamen, staksigen Gang auf einen zukommt, dann ist das immer kritischer, als wenn ein Hund fröhlich schlenkernd durch die Gegend hüpft. Das ist analog zum Menschen: Bei jemandem, der mit angespanntem Körper langsam auf einen zugeht, hat man eine andere Empfindung, als wenn jemand locker auf einen zuschlendert.

Das heißt, ohne Erfahrung ist ein Hund schwer einzuschätzen?

Tatsächlich. Einfache Tipps wie "Wenn der Hund mit dem Schwanz wedelt" sind Quatsch. Eine wedelnde Rute zeigt einfach nur Aufregung - aber nicht, ob der Hund dabei auch fröhlich ist. Wenn ein Hund gestresst oder alarmiert ist, dann kann es auch sein, dass er mit dem Schwanz wedelt. Man darf sich nicht auf ein Körperteil allein konzentrieren.

Gilt das auch für die Zähne des Hundes?

Sobald der Hund die Zähne zeigt, würde ich Abstand halten. Es gibt wenige Ausnahmen von Hunden, die grinsen. Auch beim Hecheln sieht man mal Zähne. Aber wenn der Hund die Lippen hochzieht, dann ist das bedrohlich und ich würde mich nicht mehr weiter nähern.

Zeigt ein Hund Zähne, sollte man besser Abstand halten.

Körpersprache im Grunde identisch, aber sie unterscheiden sich nach Rasse

Gibt es bei der Körpersprache Unterschiede zwischen verschiedenen Rassen?

Sie sprechen dieselbe Sprache, aber es gibt zum Beispiel Rassen wie die Französische Bulldogge, die hat keinen Schwanz. Huskys tragen die Rute meist nach oben gekringelt, beim Windhund hängt sie tief zwischen den Hinterbeinen. Da denken Menschen häufig, der Hund sei ängstlich, dabei ist das einfach seine normale Körperhaltung.

Kann es durch solche anatomischen Unterschiede zwischen Rassen auch zu Missverständnissen unter Hunden kommen?

Ja, definitiv. Kurzköpfige Hunderassen wie Bulldoggen oder Möpse haben häufig Probleme beim Atmen und machen dabei schnorchelnde Geräusche, die als Knurren fehlinterpretiert werden können. Oder es gibt auch Rassen, die ihre Rute sehr weit oben tragen und steife Stehohren und Beine haben, das sieht immer imponierend aus.

"Ein Hund lernt, dass wir beim Lesen seiner Körpersprache Tölpel sind"

Ist die Körpersprache von Hunden anders, wenn sie mit einem Menschen oder mit einem Artgenossen kommunizieren?

Es gibt zum Beispiel dieses Grinsen, "submissive grin", das zeigen Hunde in erster Linie Menschen gegenüber. Generell sind Hunde in ihrer Kommunikation untereinander sehr viel feiner als gegenüber Menschen. Ein Hund lernt, dass wir beim Lesen seiner Körpersprache Tölpel sind, und kommuniziert dann nicht mehr so subtil mit uns. Wir übersehen im Alltag trotzdem häufig, was uns ein Hund signalisiert. "Er hat aus dem Nichts gebissen" - das stimmt in den allerwenigsten Fällen. Meistens gibt es eine Vorwarnung, das kann auch nur eine Anspannung, ein Wegducken sein und muss sich nicht immer gleich in Knurren oder gefletschten Zähnen zeigen. Viele Menschen achten nicht auf die Zeichen. Das ist aber extrem wichtig, vor allem wenn Kinder dabei sind. Ich kann Eltern nur raten, genau zu beobachten, ob der Hund die Situation gerade wirklich okay findet. Wenn man aufpasst, muss der Hund dem Kind auch nicht mit den Zähnen sagen: "Lass das!"

Kommunizieren Hunde mit Menschen stärker auf akustischer Ebene als mit ihren Artgenossen? Schließlich hören sie uns die ganze Zeit sprechen.

Hunde untereinander kommunizieren in der direkten Interaktion fast ausschließlich über Körpersprache. Dass sie sich anbellen, ist eher selten. Aber es gibt tatsächlich Hypothesen, dass der Hund im Laufe seiner Domestikation tatsächlich verschiedene Bell-Arten entwickelt hat, um mit dem Menschen zu kommunizieren. Oder andersherum, dass der Mensch den Hund auf dieser Ebene entsprechend selektiert hat.

"Es kommt auf die Intensität an, wie beim Menschen auch"

Spielt Mimik in der Sprachwelt der Hunde eine Rolle?

Sehr sogar, ich würde das aber zur Körpersprache zählen. Ein Hund kann alleine mit seinem Blick so vieles sagen. Es heißt ja immer, wenn ein Hund direkt in die Augen schaut, dann ist das gefährlich. Das stimmt so nicht. Es kommt auf die Intensität an, wie beim Menschen auch. Wir können jemanden mit einem weichen Blick anschauen, aber wenn wir eine Person anstarren, dann kann das sehr wohl bedrohlich wirken. Und das hat mit der generellen Anspannung zu tun.

Wenn mir ein Hund direkt in die Augen schaut und ich mir nicht sicher bin, wie ich das deuten muss: Sollte ich dann besser wegschauen oder den Blick erwidern?

Um ganz sicher zu gehen, ist es besser, nicht darauf einzusteigen. Aber mit ein bisschen Erfahrung sieht man schnell, ob der Hund einfach nur im freundlichen Sinne neugierig oder ob das eine Drohfixierung ist.

Welche Fehler kann ich als Mensch in meiner Körpersprache machen?

Wenn ich möchte, dass ein Hund zu mir kommt, dann sollte ich mich nicht nach vorne beugen und dabei vielleicht noch die Arme ausbreiten. Aus Sicht des Hundes signalisiert diese Körpersprache "Bleib auf Abstand". Oder wenn man einen Hund streicheln möchte, sollte man sich nicht über ihn beugen und von oben auf den Kopf fassen, das kann vom Hund als bedrohlich empfunden werden. Und dann kann es sein, dass er zuschnappt. Besser ist, sich etwas zur Seite zu drehen und dem Hund nicht frontal gegenüberzustehen. Und das Körpergewicht nicht nach vorne verlagern, lieber etwas zurücknehmen.

Wenn mir nun ein Hund begegnet, den ich als weniger freundlich einschätze - wie verhalte ich mich in der Situation am besten?

Ich würde in jedem Fall davon abraten, frontal auf ihn zuzugehen. Wenn ich in seine Richtung gehen muss, dann am besten in einem leichten Bogen um ihn herumlaufen. Das machen Hunde auch untereinander, das wirkt deeskalierend. Und dabei den Körper leicht vom Hund wegdrehen, die Arme unten lassen und ihn nicht mit dem Blick fixieren. Auf keinen Fall sollte man in Panik geraten und wegrennen. Das könnte auslösen, dass der Hund hinterherrennt. Einfach möglichst ruhig bleiben.

Über die Expertin: Dr. Marie Nitzschner hat am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig über die kognitiven Fähigkeiten von Hunden geforscht. Ihr besonderer Schwerpunkt lag dabei auf der Kommunikation und Kooperation zwischen Mensch und Hund. Inzwischen hält sie als Dozentin wissenschaftliche Seminare und Vorträge zum Thema Hund, betreibt einen eigenen Blog und gibt ihr Wissen als Hundetrainerin und Ausbilderin für Hundetrainer bei KynoLogisch auch praktisch weiter.

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