Wenn sie einmal in Rente geht, wird die Reinigungskraft Susanne Holtkotte 715 Euro bekommen – obwohl sie voll arbeitet. Sie ist wütend und hat sich jetzt in einem Buch mit dem deutschen Rentensystem und dem Thema Altersarmut auseinandergesetzt.

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Sie tritt in Talkshows auf und tauschte kurzerhand mit Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) für einen Tag den Job: Susanne Holtkotte ist Reinigungsfachkraft in einem Krankenhaus. Sie arbeitet sieben Stunden am Tag, im Monat verdient sie um die 1.100 Euro netto. Wenn sie später in Rente geht, wird sie voraussichtlich 715 Euro bekommen.

Wie sie mit 1.100 Euro netto privat für das Alter vorsorgen soll, weiß Susanne Holtkotte nicht - ihr Geld reicht aktuell gerade so für Miete, Lebensmittel und notwendige Anschaffungen. Die 49-Jährige hat jetzt ein Buch über ihre Situation geschrieben - und über das Thema Altersarmut in Deutschland.

Frau Holtkotte, in Ihrem Buch schreiben Sie, dass Ihre Rente 715 Euro betragen wird, wenn Sie so einzahlen wie bisher. Wie stellen Sie sich das Leben als Rentnerin mit 715 Euro im Monat vor?

Susanne Holtkotte: Das stelle ich mir lieber erst einmal gar nicht vor. Es ist ja völlig klar, dass 715 Euro nicht reichen. Aber ich will mich heute nicht schon mit Zukunftsängsten fertig machen. Wer weiß, was in 20 Jahren ist? Vielleicht werde ich morgen vom Bus überrollt und dann habe ich mir umsonst Sorgen gemacht. Trotzdem macht es mich bitterböse, wie viele Menschen im Alter mit wenig Geld auskommen müssen.

In Ihrem Buch schreiben Sie, dass Sie aktuell im Monat rund 1.100 Euro netto verdienen. Wie kommen Sie damit zurecht?

Es ist natürlich jeden Monat eng. Wenn ich meine Miete und die Lebensmittel bezahlt habe, bleibt nicht mehr sehr viel übrig. Es darf also besser nichts kaputtgehen. Ich habe zum Beispiel 2008 eine gebrauchte Waschmaschine für 80 Euro gekauft, die zum Glück immer noch funktioniert. Aber ich habe kein finanzielles Polster. Wenn jetzt die Waschmaschine oder der Fernseher kaputtgehen sollten, wäre das schon eine kleine Katastrophe.

Es ist schon lange die Rede davon, dass es nicht ausreicht, sich im Alter alleine auf die gesetzliche Rente zu verlassen. Viele Experten raten, jeden Monat zehn oder besser 20 Prozent des Einkommens für das Alter zu sparen. Schaffen Sie das?

Solche Ratschläge kann ich leider nur belächeln. 20 Prozent wären bei mir 220 Euro. Alleine meine Wohnung kostet 580 Euro und wirklich günstiger lässt es sich hier nicht wohnen. Dann blieben mir noch 300 Euro für Lebensmittel, zum Tanken und für alle Anschaffungen, die im Monat fällig sind. Das funktioniert leider nicht.

Viele Menschen scheuen davor zurück, sich überhaupt mit dem Thema Altersvorsorge zu beschäftigen. Haben Sie eine Idee, warum das so ist?

Das Thema wird häufig sehr trocken dargestellt. Wenn ich in eine Bücherei gehe, um mich darüber zu informieren, dann steht da vielleicht ein Buch, dass das Thema locker streift, und ein Buch, das vor allem Statistiken enthält. Es wird den Leuten nicht leicht gemacht.

Wer sich nicht auskennt, der geht dann zu einem Bankberater ...

... und schafft sich damit ein neues Problem. Bankberater und Versicherungsvertreter wollen natürlich vor allem Verträge vermitteln, an denen sie verdienen. Da kann es dann passieren, dass man völlig unsinnige Verträge abschließt. Ich rate dazu, immer das Kleingedruckte zu lesen. Man darf sich von Fachbegriffen nicht einschüchtern lassen, sondern muss lernen, solange nachzufragen, bis man einen Vertrag wirklich verstanden hat. Sonst passiert es immer wieder, dass Rentnern Lebensversicherungen angedreht werden, bei denen die erste Rate ausgezahlt wird, wenn sie 90 sind.

Wenn Sie nicht mehr arbeiten und stattdessen Hartz-IV-Leistungen beziehen würden, bekämen Sie etwa 900 Euro im Monat. Nun haben Sie nicht wesentlich mehr Geld zur Verfügung - was motiviert Sie, trotzdem zu arbeiten?

Sicher könnte ich es mir bequem machen und hätte dann 150 Euro im Monat weniger. Vielleicht ist es blöd von mir, dass ich weiter arbeiten gehe. Aber ich bin nicht sehr gut darin, mich aus Dingen herauszuwinden und würde dann am Ende doch in einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme enden. Außerdem muss man sich und seine Verhältnisse ziemlich entblößen, wenn man Hartz IV beantragt. Ich habe gerne das Gefühl, etwas für mein Geld getan zu haben.

Sie sagen in Ihrem Buch "man muss auch gönnen können". Trotzdem sprechen Sie sich stark für eine Umverteilung der Vermögen in Deutschland aus.

Ich gönne jedem alles und kann mich für anderen mitfreuen, wenn sie zum Beispiel in einen Urlaub fahren, den ich mir nicht leisten kann. Trotzdem haben wir das Problem in Deutschland, dass reiche Menschen immer reicher werden und arme Menschen kaum eine Chance haben, wirtschaftlich aufzusteigen. Deshalb bin ich für Maßnahmen, die an dieser Stelle ansetzen. Ich bin dafür, dass auch Beamte und Selbstständige in die gesetzliche Rentenkasse einzahlen, denn dann würden die Renten für alle steigen. Außerdem fände ich es gut, wenn Deutschland die Vermögenssteuer wieder einführen würde.

Dass bei der Altersvorsorge Reformbedarf besteht, ist auch Politikern seit Jahren klar. Was wäre Ihrer Meinung nach der nächste sinnvolle Schritt?

Der Mindestlohn müsste weiter angehoben werden. Wenn der Lohn höher ist, dann zahlen die Menschen auch mehr in die Rentenkasse ein und bekommen am Ende mehr ausgezahlt. Außerdem wäre es gut, wenn der Mindestlohn gemessen an der Inflation danach automatisch weiter ansteigen würde. Das ist nur ein kleiner Schritt, aber er würde schon einmal an der richtigen Stelle ansetzen.

Verwendete Quellen:

  • Gespräch mit Susanne Holtkotte
  • Buch: Susanne Holtkotte: 715 Euro. Wenn die Rente nicht zum Leben reicht. Eine Reinigungskraft klagt an, München 2019.
  • Jede zweite Rente unter 800 Euro Auswertung der Antwort der Bundesregierung (PDF) vom 09.07.2018 auf die schriftliche Frage "Armutsgefährdungsquote allein lebender Rentnerinnen und Rentner" von Sabine Zimmermann, Sprecherin für Arbeitsmarktpolitik der Fraktion DIE LINKE im Bundestag.
  • Gutachten zur Altersarmut des BMWI
  • Schattenbericht der nationalen Armutskonferenz
  • World Inequality Report 2018

Wer mehr verdient, ist früher tot

Die Rente hat in manchen Berufsgruppen eine negative Auswirkung auf die Gesundheit. So nimmt die Sterblichkeit bei Mittel- und Gutverdienern zu, wenn sie mit 65 aus dem Berufsleben scheiden. (Quelle: RWI-Institut für Wirtschaftsforschung)