Die ZDF-Doku-Reihe "Achtung, Essen!" nimmt drei gesellschaftliche Konflikte rund um unser Essen unter die Lupe. Im letzten Teil der Doku ging es um Eier. Das Fazit: Wir machen uns was vor - und die Politik schaut zu. Die Infos aus der Doku im Überblick.

Christian Vock
Eine Kritik
von Christian Vock

Es ist eine Frage, die man in Diskussionen immer wieder hört: "Sind Bio-Eier wirklich besser?" Da muss man sofort die Gegenfrage stellen: "In Bezug worauf?" Denn je nachdem, welchen Aspekt man betrachtet, fällt die Antwort unterschiedlich aus.

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Geht es um den Preis? Den Menschen? Die Hühner? Langfristig oder kurzfristig? Der dritte Teil der ZDF-Reihe "Achtung, Essen!" beantwortet zumindest einen Teil dieser Fragen. Die Informationen der Doku im Überblick:

Die Zahlen aus der Doku:

"In Deutschland werden im Jahr rund 1,1 Milliarden Bio-Eier gegessen."

"Jedes Jahr werden in Deutschland rund 45 Millionen Küken getötet. Auch in vielen Bio-Höfen."

Haltungsformen von Legehennen in Deutschland:

  • Ausgestalteter Käfig: 5 %
  • Boden: 62%
  • Freiland: 19 %
  • Bio: 12%

Bio-Ställe in Brandenburg:

  • Haltung in kleinen Herden: 10 %
  • Bio-Massenhaltung: 90%

Problem Kükentötungen:

Jährlich werden in Deutschland 45 Millionen Küken getötet, denn männliche Küken sind für die Eier-Industrie nutzlos und verursachen nur Kosten, wie Bio-Hühnerhalter Lukas Propp erklärt: "Einfacher ist es immer, einen Gewerbebetrieb zu machen und das Futter fertig zuzukaufen, die Junghennen zuzukaufen und die Küken schreddern zu lassen. Billiger geht’s nicht."

Problem Betrug:

Sybilla Keitel engagiert sich in Brandenburg in einer Bürgerinitiative gegen Tierfabriken und benennt ein weiteres Problem: "Bio ist der absolute Trend und Bio scheint die große Zauberformel zu sein, um sich ein gutes Gewissen zu verschaffen. Da setzen jetzt natürlich auch die großen Ketten drauf. Dass Bio aber nicht zum Preis von Ramschware zu haben ist, wird jetzt langsam immer mehr enthüllt."

In der Tat, so zeigt es die Doku, gab es bereits Betrugsfälle, in denen Bio-Richtlinien nicht eingehalten wurden, zudem gibt es in der Gesetzgebung offenbar Möglichkeiten, die Hühnerhöfe mit vielen tausend Tieren zuzulassen. Ob krimineller Betrug ein flächendeckendes Problem ist oder ob es sich um Einzelfälle handelt, sagt die Doku allerdings nicht. Dem Ruf der Branche schaden aber auch die Einzelfälle.

Problem Haltung:

Hier lässt die Doku einen Tierschützer zu Wort kommen, der anonym bleiben möchte und Bilder aus Bio-Ställen zeigt. Und diese Bilder aus dem Inneren einer Bio-Eier-Anlage sehen nicht so aus, wie es Bio-Eier-Verpackungen versprechen: "Drinnen ist es nichts anderes als Bodenhaltung und tagsüber, wenn die Tiere rauskönnen, ist es wie Freilandhaltung mit dem Unterschied, dass dann Biofutter gefüttert wird."

Und der Tierschützer erklärt seine Aufnahmen noch genauer: "Leider können wir vieles von dem, worunter die Tiere leiden, nicht zeigen. Wenn die Hennen vollständig befiedert sind und jetzt gerade keine toten und sterbenden Tiere in einer Anlage zu sehen sind, dann leiden die immer noch unter 20 anderen Sachen: unter der enormen Legeleistung, unter der Trennung von ihren Eltern, darunter, dass sie bald getötet werden, weil sie ausgelaugt sind und, und, und. Das sieht man alles auf diesen Bildern nicht."

Abgesehen von dem Leid der Tiere ist das auch eine Frage der Gerechtigkeit, wenn die idyllischen Bilder auf den Ei-Packungen nichts über die tatsächlichen Umstände verraten: "Das ist natürlich nicht fair, aber das ist der Markt in dem wir uns bewegen", erklärt Lukas Propp, der auf seinem Hof "nur" 6.600 Hennen hält, das Futter selbst anbaut und keine Küken tötet, sondern die Hähne leben lässt.

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Problem Politik:

Eine Ursache, warum sich nichts an der Situation ändert, liegt laut Tier- und Umweltaktivist Matthias Rackwitz an der falschen Politik: "Große Stallbauten wurden bisher in Brandenburg mit hohen sechsstelligen Beträgen gefördert. Das sind über 600.000 Euro gewesen. Das ist katastrophal, weil man mit dem Geld kleinere Betriebe und andere Strukturen aufbauen könnte, was dringend gebraucht wird. "

Auch bei der Kennzeichnung von Produkten, die Eier aus Käfighaltung enthalten, gibt es Handlungsbedarf. Denn obwohl Käfighaltung in der EU eigentlich verboten ist, kommen Käfigeier durch die Hintertür an den Verbraucher - und zwar massiv.

"In verarbeiteten Produkten stecken auch noch Käfigeier. Die kann der Verbraucher gar nicht mehr sehen. Schon jahrelang nicht mehr sehen, aber in den Ei-Produkten kommen sie beispielsweise aus der Ukraine als Käfigeier und werden hier verarbeitet", erklärt Friedrich-Otto Ripke vom Zentralverband Deutscher Geflügelwirtschaft (ZDG).

So kam 2018 jedes zweite Ei, das in die EU importiert wurde, aus der Ukraine und die Bilder, die die Doku hier aus einer ukrainischen Käfiglegebatterie zeigt, sind erschreckend.

Die Gründe für die Probleme bei Eiern:

Wenn man die Gründe für all die Probleme sucht, dann haben die, so kann man aus der Doku schließen, in der Regel einen gemeinsamen Ausgangspunkt: Geld. Georg Obermeyer, Polizeiwachtmeister i.R., war 2013 an den Ermittlungen des Eier-Skandals beteiligt. Er erklärt: "Bei diesem Verfahren ging es in erster Linie ums Geld. Es war eindeutig, dass man durch die Überstallung seinen Gewinn steigern wollte."

Auch die Massentierhaltung, das millionenfache Kükentöten, die Käfigbatterien in der Ukraine und all die anderen Umstände, die selbst die Verbraucher laut Umfragen gar nicht möchten, entstehen aus finanziellen Gründen.

"Wenn wir uns unsere Bruder-Hahn-Aufzuchten angucken, dann ist das das unkomplizierteste Tier, das ich bis jetzt überhaupt gesehen habe. Ganz tolles Fleisch. Der einzige Haken an der ganzen Sache: Es rechnet sich nicht. Das heißt, dass wir unsere Eier um 4 Cent erhöht haben und dadurch die Schwester dem Bruder das Leben finanziert", erklärt Bio-Hühnerhalter Lukas Propp.

Auch sein Kollege, Legehennenhalter Michael Häsch, wünscht sich andere Bedingungen. Für ihn wären Ställe mit 1.000 Tieren optimal, aber auch für ihn ist der Kostendruck der Hinderungsgrund: "Schön wär's mit kleineren, aber wenn ich hier mit Personalkosten und Produktionskosten rechne, dann müsste halt das Ei 40, 50 Cent kosten. Leider, hätte ich bald gesagt, könnte man wesentlich mehr machen, wenn man diesen Kostendruck nicht hätte."

Mögliche Lösungen:

Um die aktuellen Zustände aufzulösen, so liest man es aus der Doku heraus, braucht es mehrere Ansätze. Zum einen Verbraucher, die die Umstände nicht nur in Umfragen, sondern auch an der Supermarktkasse ändern wollen. Dazu braucht es aber Verbraucher, die über die Missstände Bescheid wissen und auch Bescheid wissen wollen. Zum Beispiel über die Käfig-Eier in verarbeiteten Lebensmitteln wie Keksen, Nudeln und Co.

Zum anderen braucht es eine Politik, die ihre Macht nutzt, um diese Veränderungen auch durchzusetzen: "Ich kann mich immer total darüber aufregen, wenn die Politiker uns gesagt haben: Das will der Verbraucher. Solange der Verbraucher das will, machen wir das. Das ist eine sehr billige Ausrede von den Politikern, die alles auf die Verbraucher schieben", erklärt Aktivistin Sybilla Keitel.