Geht es nach der Bundesregierung, sollen sich die Deutschen für den Katastrophenfall für knapp zwei Wochen mit Lebensmitteln eindecken. Das sehen die Checklisten in der neuen "Konzeption Zivile Verteidigung" vor. Experten erklären, wie sinnvoll solche Überlebenslisten sind.

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700 Gramm Kirschen im Glas, 400 Gramm Zwieback, 400 Gramm Dosen-Mais, 10 Eier und 28 Liter Wasser. Dies ist nur ein Bruchteil der Vorräte, die die Bundesregierung in ihre neue "Konzeption Zivile Verteidigung" als allgemeine Empfehlung aufgenommen hat. Damit soll sich jeder Bürger im Fall eines Terrorangriffs, eines Stromausfalls oder einer Naturkatastrophe mindestens zehn Tage selbstständig ernähren können.

Auch die medizinische Versorgung und Bargeldversorgung gehören zum aktualisierten Zivilschutzkonzept. Ziel der Checklisten ist es, im Ernstfall die staatliche Versorgung zu entlasten und Hamsterkäufe zu verhindern. Mit der Konzeption reagiert der Bund auf die verschärfte Sicherheitslage nach den Terroranschlägen im In- und Ausland.

"Jedes Land braucht ganz klare Regelungen für den Katastrophenfall", sagte Peter Schmiedtchen, Professor für Sicherheit und Gefahrenabwehr an der Hochschule Magdeburg-Stendal, dem MDR. Aber wie sinnvoll sind die Überlebenslisten nun konkret?

Regale nach halbem Tag leer

Prof. Thomas Jäger von der Universität Köln hält die Bevorratung von Lebensmitteln ebenfalls für wichtig. Der Politikwissenschafter hat sich beruflich mit dem Thema Zivilschutz befasst. Unweit von Köln, in Bonn, ist das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe angesiedelt. "Wenn es im Ernstfall tatsächlich zu Hamsterkäufen kommt, dann sind die Regale in den Supermärkten nach einem halben Tag leer", erklärt Jäger im Gespräch mit unserer Redaktion.

Das habe sich in Deutschland bei ungewöhnlich heißen Sommern in den vergangenen Jahren gezeigt, als die Wasservorräte bedrohlich knapp wurden. "Deswegen sollten die Menschen sich rechtzeitig um das Auffüllen ihrer Vorräte kümmern", sagt Jäger. "Vielleicht braucht man sie nie, aber was, wenn doch?"

Die nun veröffentlichten Checklisten der Behörden hält der Experte daher für sinnvoll, er kann keine konkreten Kritikpunkte erkennen. Anders sieht es Lars Gerhold von der Freien Universität Berlin. "Über die Menge der Lebensmittel zur Bevorratung kann man streiten", erklärte der Professor für Interdisziplinäre Sicherheitsforschung der Augsburger Allgemeinen. "In einem Land wie Neuseeland, wo täglich Erdbeben drohen, soll man Vorräte für drei Tage anlegen." In Japan werde der Bevölkerung nahe gelegt, einen Notfallrucksack vorzubereiten.

Tofu-Würste statt Bockwürstchen

Aufgrund seiner Forschungen zum Thema Zivilschutz hat Thomas Jäger persönlich genügend Lebensmittel und Getränke auf Lager, um längere Zeit über die Runden zu kommen. Eine Untersuchung der FU Berlin kam zu dem Ergebnis, dass über 80 Prozent der Haushalte in Deutschland über Vorräte für zwei bis drei Tage verfügen.

Doch wie lagert man die Lebensmittel richtig? "So, dass sie haltbar bleiben", sagt Jäger kurz und knapp. Und was machen die Menschen, die aus Platzgründen oder wegen finanzieller Nöte keine großen Mengen an Lebensmitteln bunkern können, etwa Studenten oder Hartz-4-Empfänger? "Wenn 70 Prozent der Bevölkerung genügend Vorräte besitzen", erklärt der Experte, "dann ist das völlig auseichend." Der Rest der Menschen könne im Ernstfall vermutlich ohne größere Probleme durch staatliche Stellen versorgt werden.

Vegetarier oder Veganer werden sich an die Checklisten freilich nicht eins-zu-eins halten wollen: Sie könnten Bockwürstchen durch Tofu-Würste, Streichleberwurst durch Veggie-Aufstrich ersetzen. "Die eher kleinen Bioläden haben allerdings nicht so viele Vorräte auf Lager", gibt Jäger zu Bedenken. Ihn selbst ficht das nicht an, er hätte keine Schwierigkeiten, sich an den offiziellen Überlebenslisten zu orientieren. Jäger: "Ich esse gern mal ein Stück Fleisch."