München (dpa) - Als vor zehn Jahren das World Trade Center zerstört wurde, sahen viele darin auch einen bewussten Angriff auf ein Symbol des Westens. Architekturhistoriker Dietrich Erben sieht das etwas anders - die symbolische Bedeutung bekamen die beiden Wolkenkratzer erst später zugeschrieben, sagt er im Interview mit der Nachrichtenagentur dpa: «Wir wissen nichts über die Intentionen der Attentäter im Hinblick auf die Gebäude.» Zudem spricht er über die wechselvolle Geschichte der Zwillingstürme und darüber, ob Wolkenkratzer überhaupt Sinn machen.

Herr Erben, wurden am 11. September 2001 Symbole der westlichen Welt zerstört?

Erben: «Also ich tue mich da wahnsinnig schwer. Wir wissen nichts über die Intentionen der Attentäter im Hinblick auf die Gebäude, die ihnen unterstellt wurden. Das ist ein großes Problem, dass wir da keine Äußerungen zu haben. Was es umgekehrt sehr wohl gab, in der westlichen Stellungnahme, ist eine symbolische Aufladung dieser Gebäude, die für mich fast ans Obszöne grenzt. Sie ist wissenschaftlich unseriös. Es läuft im Wesentlichen auf zwei Vergleiche hinaus, die damals gezogen wurden und erst aktiviert wurden durch die Anschläge. Das ist die zweitürmige Kathedralfassade und der andere Vergleich war der mit den mittelalterlichen Stadttoren. Das führt für mich in eine völlig falsche Richtung, weil eine Bedeutungsdimension unterstellt wird, die wir vorher in keiner Weise, auch nur ansatzweise, dokumentieren können. Wir können auch nicht davon ausgehen, dass der Architekt Minoru Yamasaki das auch nur irgendwie im Sinn hatte.»

Welche Art von Gebäude haben die Terroristen also zerstört?

Erben: «Die Türme haben in ihrer Akzeptanz einen rasanten Aufstieg genommen. Sie waren sowohl in der Anfangsphase als auch in der Realisierungsphase und noch Jahre später nicht nur in New York, sondern in der globalen Architektenzunft unglaublich verachtet. Sie waren von einer halbstaatlichen Behörde errichtet, als New York finanziell absolut am Boden lag. Ein gewachsenes Stadtviertel wurde zerstört. Kurz zuvor war schon die Penn Station abgerissen worden. Das war ein Trauma, einer der bedeutendsten Bahnhöfe der USA. Außerdem gab es auch riesige Probleme, was die Bautechnik betrifft. Türme in der Höhe gab es noch nicht. Und einen Korruptionsverdacht beim Bau gab es auch noch. Später wurden sie dann trotzdem zu "der" Aussichtsplattform für New York. Für die Attentäter könnte es eine Rolle gespielt haben, dass der Anschlag auf die Gebäude eine völlig neue Dimension von Echtzeitattentat bedeutete. Die Terroristen konnten davon ausgehen, dass die Fernsehkameras stehen, bevor sie in den zweiten Turm flogen.»

Sind Wolkenkratzer eigentlich «sinnvolle» Gebäude? Geht es da nicht doch eher um Statussymbole?

Erben: «Solche Gebäude schaffen tatsächlich gigantische Probleme. Man musste beim World Trade Center zum Beispiel die Fassade klimatisieren, die ganzen Menschen in den Gebäuden schafften ein riesiges Versorgungs- und Müllproblem. Zudem hat man Herausforderungen bei der Konstruktion, denn die unterschiedlichen Sonnen- und Wetterseiten verursachen eine große Materialspannung. Und die starken Winde in den Höhen drücken von außen gegen die Türme. Es gibt eigentlich nur einen Grund, so hoch zu bauen. Nämlich dann, wenn man keine Umgebungsfläche zur Verfügung hat. Das ist zum Beispiel in diesen Golfstaaten in keiner Weise gegeben. Deshalb muss man tatsächlich zu so einem Argument der Renommeebildung kommen. Das betrifft technische Machbarkeit, dass es darum geht, die Finanzpotenz zu zeigen, und vielleicht auch um den Willen, nach oben zu streben, ein Symbol zu errichten. Aber ich bin da sehr, sehr vorsichtig.»

Der Terrorangriff auf die Zwillingstürme bedeutete ja offenbar keineswegs das Ende der Wolkenkratzer, wenn man spätere Hochhäuser, wie zuletzt in Dubai, sieht?

Erben: «Ich war sehr überrascht über die Rückkehr der sogenannten Punkthochhäuser. Wenn man sich die ersten Entwürfe für den Wiederaufbau des World Trade Centers anschaut, dann war das im Grunde Angstarchitektur. Das heißt, es waren immer Hochhausgruppen, die miteinander über Brücken verbunden waren. Kein einzelnes sollte besonders hervorstechen. Und dann hat es doch einen weltweiten Trend gegeben, immer höhere Hochhäuser zu bauen, und das Problem der Fluchtwege zum Beispiel wurde völlig vernachlässigt. Angst ist manchmal auch eine ganz vernünftige Reaktion, das kann man ja auch mal sagen.»