• Aktuell drehen sich viele Diskussionen um Deutschlands Finanzen, Stichwort "Schuldenbremse".
  • Der bekannte Wirtschaftswissenschaftler Marcel Fratzscher sagt, verschiedene Irrtümer würden unseren Umgang mit Geld prägen.
  • Er hält ökonomische Bildung für sehr wichtig und spricht sich für ein verpflichtendes Schulfach aus.
Ein Interview

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Am "Energie-Entlastungspaket" der Bundesregierung wird kritisiert, es werde wieder mal per Gießkannenprinzip Geld verteilt, ohne genauer auf unterschiedliche Problemlagen einzugehen. Verliert sich die Politik bei so etwas immer im Klein-Klein, statt mal eine große Lösung anzupacken?

Marcel Fratzscher: Klein ist das nicht, es geht immerhin um 16 Milliarden Euro und ich erwarte auch, dass die Politik da noch nachlegt. Aber das ist eben diese typische Klientelpolitik, bei der jede Partei ihre Seite bedienen will. Ökonomisch gesehen ist so etwas wie eine Steuererleichterung bei Benzin und Diesel um 30 oder 14 Cent unsinnig. Aber "große Pakete" kann die Politik auch, 2020 hat sie wegen der Pandemie ja mehrere hundert Milliarden Euro zur Verfügung gestellt. Aktuell leben wir in einer extremen Unsicherheit: Wir wissen nicht, wie das mit dem Krieg weitergeht und wie stark die Folgen für die Wirtschaft und die Menschen sein werden. Da ist es seitens der Politik klug, immer etwas in petto zu haben, um zu zeigen: Wir sind bereit, mehr zu tun.

Marcel Fratzscher sagt, Schulden könnten sinnvolle Zukunftsinvestitionen sein.

Ihr neues Buch handelt von Mythen rund um Geld. Worauf sollte man bei den aktuellen Debatten rund um Begriffe wie Inflation, Sondervermögen und die "Schuldenbremse" aufpassen?

Das Problem liegt darin, dass bei manchen immer noch der Eindruck besteht, Schulden seien etwas Schlechtes per se. So einfach ist es nicht. Sie können schlecht sein, wenn sie für Dinge ausgegeben werden, die nicht nachhaltig sind, also langfristig allen auf die Füße fallen. Wir sehen doch gerade in der Pandemie und jetzt auch im Krieg, dass es sich rächt, wenn man in guten Zeiten nicht genug in die Zukunft investiert, also auch Schulden aufnimmt.

"...dann spart man sich irgendwann kaputt"

Woran denken Sie da zum Beispiel?

Die letzten 10 bis 15 Jahre haben wir den Ausbau erneuerbarer Energien zum großen Teil verschlafen und uns dadurch in eine noch stärkere Abhängigkeit von russischem Gas und Öl begeben. Das rächt sich jetzt nicht nur politisch, sondern auch wirtschaftlich. Das Gleiche gilt beim Thema Sicherheit und Verteidigung. Natürlich kann man sagen: Wir wollen mehr sparen, aber dann spart man sich irgendwann kaputt. Fast jede Familie sieht das in den Schulen, jeder sieht es bei Brücken und der schlechten Infrastruktur allgemein. Es gibt viele Fälle, in denen Schulden der einzig richtige Weg sind, um Wohlstand für die Zukunft zu sichern.

Die Bundesregierung sagt, die Folgen des Kriegs würden teuer, große Vermögen sollen aber nicht angetastet werden. Warum?

In Krisenzeiten will man als Staat erst mal helfen und den Menschen nicht mit Steuererhöhungen drohen. Aber wenn Pandemie und Krieg irgendwann einmal bewältigt sind, wird die Politik natürlich darüber nachdenken müssen, wo sie Ausgaben einsparen und wo sie mehr einnehmen kann. Da kommt man sehr schnell zur Frage nach Steuern und selbstverständlich können wir alle über unser jeweiliges Verständnis von Gerechtigkeit streiten. Aber wir schaden uns allen durch das Steuersystem, das wir haben. In keinem Land der Welt werden Vermögen geringer und Arbeit stärker besteuert als in Deutschland. Für viele Menschen mit mittleren und geringen Einkommen lohnt es sich oft gar nicht, zu arbeiten, weil dabei so wenig herauskommt, dass man dann zusätzlich noch beim Staat um Geld betteln muss.

Und was folgt daraus?

Gerade für Frauen, die nach der Familiengründung wieder in den Arbeitsmarkt einsteigen wollen, sind die steuerlichen Rahmenbedingungen so schlecht, dass sie dann nur wenige Stunden oder gar nicht arbeiten. Durch das Steuersystem werden nicht nur den betroffenen Menschen viele Freiheiten und Chancen genommen, sondern auch uns als Gesellschaft insgesamt ein riesiger Schaden zugefügt. Wenn man sieht, wie jetzt schon überall Arbeitskräfte fehlen, dann müssen wir wirklich überlegen, wie wir ein System schaffen, bei dem Arbeit sich wieder lohnt und belohnt wird.

"Wir haben in den letzten 30 Jahren am falschen Ende gespart"

Im geplanten Bundeshaushalt für dieses Jahr ist weniger Geld für Bildung, Umwelt sowie Arbeit und Soziales vorgesehen. Die Politik sagt, die ärmsten Menschen würden nicht vergessen, gleichzeitig sind in dem Entwurf keine Mittel für angekündigte Großprojekte wie Bürgergeld und Kindergrundsicherung vorgesehen. Wie groß ist die Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit?

Die Bundesregierung hat versprochen, dass Bürgergeld und Kindergrundsicherung kommen. Den Fehler, das doch nicht umzusetzen und auch beim Klimaschutz zu kürzen, wird man nicht machen. Die Corona-Pandemie und der Krieg in der Ukraine zeigen aber, dass wir in den letzten 30 Jahren am falschen Ende gespart haben. Wir haben wegen beider Krisen eine deutlich höhere Staatsverschuldung, müssen diese über die nächsten fünf Jahre aber noch mal deutlich erhöhen ­­- damit wir in 10, 20, 30 Jahren noch den gleichen Wohlstand wie heute haben. Den künftigen Generationen dürfte egal sein, ob der Staat 0,4 oder 0,5 Prozent der Wirtschaftsleistung an Zinsen auf seine Schulden zahlt. Wichtiger wird ihnen sein, dass sie in Frieden sowie einer intakten Umwelt mit sozialer Sicherheit und guter Bildung leben.

Wirtschaftswissenschaftliche Debatten sind oft politisiert. Ihnen wird zum Beispiel vorgeworfen, ein "linker Ökonom" zu sein. Sind solche Etiketten ein Problem?

Es ist ein Kampf von manchen in den Medien gegen die Wissenschaft. Das sehen wir auch an den Attacken gegen jemanden wie Christian Drosten und anderen Fachleuten für Virologie. So wie manche in der Pandemie nicht hören wollen, was Experten zu sagen haben, ist es auch in der Wirtschaftswissenschaft. Manche Journalisten wollen Ökonominnen und Ökonomen in eine politische Schublade stecken und marginalisieren. Das ist unanständig und meistens auch falsch. Da sollten sich Bürgerinnen und Bürger lieber eine eigene Meinung bilden und nicht auf manche Journalisten hören, denen die guten Argumente ausgehen.

Sie betonen, ökonomische Bildung sei wichtig. Worauf sollte man da achten? In manchen Bundesländern gibt es entsprechende Schulfächer, aber auch Kritik, dass etwa Banken und Konzerne mit kostenlosem Unterrichtsmaterial versuchen würden, Einfluss zu nehmen.

Ich würde mir wünschen, dass es Wirtschaft und Finanzen als drei- oder vierjähriges Pflichtfach gibt. Denn es geht ja nicht nur darum, zu lernen, was in der Wirtschaft passiert, sondern auch um die Gestaltung des eigenen Lebens: Wie geht man mit Geld um, wie spart man, wie trifft man wichtige Entscheidungen? Deswegen sollten wir das Thema in der Schule ernster nehmen.

Zur Person: Marcel Fratzscher ist Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) und Professor für Makroökonomie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Im März ist sein Buch "Geld oder Leben. Wie unser irrationales Verhältnis zum Geld die Gesellschaft spaltet" im Berlin Verlag erschienen.
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