Kanada, Dänemark und Russland – alle drängen in die Arktis: Sie wollen nicht nur von riesigen Öl- und Gasfunden profitieren, sondern auch politische Signale setzen. Worum geht es bei dem Rennen um das ewige Eis? Fragen und Antworten im Überblick.

"Seweromorsk" und "Kondopoga" sind eigentlich die Namen unscheinbarer Städte in Russland – doch beide Namen spielen eine zweite Rolle. Denn so heißen auch russische Kriegsschiffe, die am Dienstag in See gestochen sind: "Seweromorsk" ist ein U-Boot-Abwehrschiff und "Kondopoga" eines von zwei Landungsschiffen, die gemeinsam mit einem Tanker, zwei Hebeschiffen sowie einem Bergungsschlepper in der Nordmeerpassage unterwegs sind. Ihr Ziel: die Arktis.

Erst vor kurzem hatte Russland mit einem Antrag bei den Vereinten Nationen seinen Anspruch auf Teile der Arktis bekräftigt. "Die Arktis gehört uns", unterstrich Artur Tschilingarow, der Sonderbeauftragte des Kreml. Und im vergangenen Monat hatte Russland seine Marine-Doktrin geändert. Ist das jüngste Manöver also gedacht, um mögliche Ansprüche in der Region durchzusetzen? Worum geht es bei dem Wettrennen genau? Wir beantworten die wichtigsten Fragen rund um das ewige Eis.

Wer interessiert sich für die Arktis?

Eine Reihe von Ländern hat sich bisher Ansprüche auf Teile der Arktis angemeldet. Neben Russland sind das die Anrainerstaaten Norwegen, Dänemark, USA und Kanada. (Bei Dänemark geschieht dies über das autonome Gebiet Grönland.) Dass sie explizit den Nordpol für sich beanspruchen, haben bisher Kanada, Dänemark und Russland mitgeteilt.

Warum beanspruchen so viele Länder die Arktis für sich?

Das United States Geological Survey fand heraus, dass riesige, bisher unentdeckte Erdöl- und Erdgasvorkommen in der Arktis zu finden sein dürften: Etwa 90 Milliarden Fass Öl, 44 Milliarden Fass Flüssiggas und 50 Milliarden Kubikmeter Erdgas könnten dort lagern. Je nach Schätzung würde dies ein Fünftel oder ein Viertel der Weltreserven sein. Außerdem soll es Diamanten, Gold und seltene Metalle wie Zink und Nickel geben. Paradox wirkt allerdings: "In den umstrittenen Gebieten, in denen sich die Ansprüche mehrerer Länder überlappen, sind kaum Rohstofffunde zu erwarten", erklärt Christoph Humrich. Der Politikwissenschaftler von der Universität Groningen forscht seit Jahren zur Arktis und kennt die Schätzungen genau: Demnach würden nur etwa zehn Prozent der Funde in strittigen Gebieten erwartet.

Geht es also um mehr als nur Bodenschätze?

Rechte in der Arktis sind auch ein politisches Signal. "Wladimir Putin braucht Legitimation und will als tatenkräftiger Präsident dastehen. Und in Kanada drehte sich die Rhetorik vor allem dann um die Arktis, wenn Premier Stephen Harper im Wahlkampf war", erklärt Humrich. Für Russland habe die Arktis zudem eine geostrategische Bedeutung: Je mehr das Eis schmilzt, desto mehr schwinde Moskaus natürliche Eisbarriere zur Verteidigung im Norden.

Wenn Russland also Schiffe in Richtung Arktis entsendet, geht es dabei auch um die Sicherung neuer Wasserwege – schließlich ist die Arktis Moskaus einziger Zugang zum Atlantik. Ein Sonderfall ist Grönland: Das Land genießt zwar Autonomie, ist jedoch noch immer Teil des Königreichs Dänemark. Viele Grönländer hoffen deshalb darauf, dass sie mit möglichen Rohstoffverkäufen aus der Arktis auch ihre nationale Souveränität finanzieren könnten.

Und wem gehört die Arktis nun tatsächlich?

Eigentlich müsste die Frage lauten: Wer hat das Recht, in Teilen der Arktis die Bodenschätze zu nutzen? Dieses Recht steht demjenigen zu, der zeigen kann, dass sein Festlandsockel weit genug reicht. Das klingt komplizierter als es ist, internationales Recht hilft beim Verstehen: Grundsätzlich legt das UN-Seerechtsübereinkommen (SRÜ), dass ein Staat das Meer wirtschaftlich bis zu 200 Seemeilen (etwa 370 Kilometer) vom Festland entfernt exklusiv beanspruchen kann – eine "ausschließliche Wirtschaftszone". Außerhalb dieser Zone zählt der arktische Meerboden zum "gemeinsamen Erbe der Menschheit".

Hat ein Staat das SRÜ ratifiziert, kann er jedoch Ansprüche auf einen ausgedehnten Festlandsockel geltend machen. Bei Erfolg ist es ihm erlaubt, auch die Bodenschätze außerhalb der Zone zu nutzen. Dafür muss er mit genügend Daten belegen, dass sein Festlandsockel tatsächlich bis in die beanspruchten Gebiete reicht. Doch selbst wenn das gelingt, gelten Einschränkungen: "Der Festlandsockel gibt nur das Recht, die Ressourcen des Bodens zu nutzen. Man hat jedoch keinerlei Rechte an der Wassersäule, an den Fischen oder ähnlichem", betont Humrich.

Wie lässt sich die Frage nach dem Anspruch klären?

Die betroffenen Länder wollen wissenschaftlich belegen, dass ihr Festlandsockel mit dem beanspruchten Gebiet verbunden ist. Die betroffenen Staaten haben dafür inzwischen einiges an Geld investiert, Forschungsschiffe entsandt, Stationen errichtet. Die Forscher vermessen dabei nicht nur den Meeresboden, auch Gesteine und sogar die Tierwelt können Aufschluss geben.

Um Ansprüche anzumelden, reicht man wie Russland einen Antrag bei den Vereinten Nationen ein, bei der sogenannten Festlandsockelkommission. Deren Mandat ist jedoch begrenzt: Sie gibt nur Empfehlungen ab, die nicht bindend sind. Überlappen sich Ansprüche von Staaten, fällt die Kommission keine Entscheidungen. Die Staaten müssen den Streit dann selbst klären. Ebenso falls ein Land eine Empfehlung einfach ignoriert. "Dann bleiben nur bilaterale Verhandlungen. Oder beide Staaten einigen sich auf ein Verfahren vor einem internationalen Gericht", erklärt Humrich. Der Politikwissenschaftler sieht in den Empfehlungen der Kommission deshalb vor allem ein wichtiges Mittel für Verhandlungen, um die eigene Position zu stärken.

Viele Experten wie Humrich rechnen kaum mit einer Entscheidung innerhalb der nächsten zehn Jahre. Andere Wissenschaftler gehen sogar von bis zu 20 Jahren aus, da die Kommission stark überlastet sei.

Wie viel Konfliktpotential steckt wirklich im Thema Arktis?

Humrich sagt, er habe immer wieder beobachtet, dass das Thema hochgespielt worden sei. Noch vor wenigen Jahren sei die Arktis als möglicher Auslöser für einen neuen Kalten Krieg angesehen worden. Heute herrsche hingegen die umgekehrte Meinung vor, dass andere Konflikte wie die Ukraine-Krise die Streitigkeiten um die Arktis beeinflussen würden. Von einem "Ressourcenkonflikt" zu sprechen, hält Humrich angesichts der wenigen Bodenschätze in den strittigen Gebieten für falsch. "In der Arktis funktioniert Kooperation trotz aller globaler Krisen noch immer. Im Arktischen Rat war es bisher stets möglich, andere Konflikte herauszuhalten." Und das hat einen logischen Grund: "Um unter derart widrigen Bedingungen überhaupt Rohstoffe abbauen zu können, braucht man eine intensive Zusammenarbeit."