Emmanuel Macron geht als Favorit in die Stichwahl um das französische Präsidentenamt. Aber eine niedrige Wahlbeteiligung in der zweiten Runde könnte seiner rechtspopulistischen Konkurrentin Marine Le Pen in die Hände spielen.

Französische Medien sprechen von einem "Erdbeben" – auch wenn die große Überraschung ausgeblieben ist: Aus der ersten Runde der Präsidentschaftswahlen sind die beiden Favoriten als Sieger hervorgegangen. Am 7. Mai werden sich die französischen Wähler also zwischen zwei Kandidaten entscheiden müssen, die unterschiedlicher nicht sein könnten.


Soll der sozialliberale Ökonom Emmanuel Macron das Land führen – ein Freund der EU, der seiner Heimat mit Reformen einen Wirtschaftsaufschwung bescheren will? Oder die rechtspopulistische Marine Le Pen, die die Grenzen schließen und Frankreich raus aus EU und Euro führen möchte?

Macron ist im zweiten Wahlgang der klare Favorit. Allerdings gilt auch, was die Zeitung "Le Monde" am Morgen nach der ersten Runde schrieb: "In dieser Kampagne ohne Gleichen ist das Außergewöhnliche zum Normalen geworden."

Klarer Vorsprung für Macron

Was also spricht für einen Sieg des 39-Jährigen? Macron hat geschafft, woran andere Politiker jahrzehntelang gescheitert sind: Er präsentiert sich als Mann der Mitte, der den tiefen Graben zwischen Links und Rechts überbrückt.

Nicht nur die derzeit noch regierenden Sozialisten von Präsident François Hollande haben dazu aufgerufen, im zweiten Wahlgang Macron zu wählen. Auch der Kandidat der konservativen Republikaner, François Fillon, stellte sich hinter ihn.

Laut der ersten Umfrage aus der Wahlnacht wollen sich derzeit 62 Prozent der Franzosen in der Stichwahl für Emmanuel Macron entscheiden, 38 Prozent für Le Pen.

Wissenschaftler hält Sieg von Le Pen für möglich

In ganz Europa äußern Politiker bereits ihre Erleichterung – dabei hat der Front National noch nie so viele Stimmen in einer Präsidentenwahl bekommen wie jetzt mit Marine Le Pen.

Die 48-Jährige kann darauf bauen, dass ihre Wähler ihr auch in der Stichwahl die Treue halten. Schon vor dem ersten Wahlgang hatte sie laut einer Umfrage von "Le Monde" die wenigsten Zweifler in ihren Reihen.

Für Macron dagegen besteht in seinen guten Umfragewerten und den vielen Wahlempfehlungen auch eine Gefahr: Wenn er ohnehin als Sieger feststeht, könnte es für seine Wähler weniger wichtig erscheinen, auch wirklich ihre Stimme abzugeben.

Der Politikwissenschaftler Serge Galam hat in verschiedenen französischen Medien erklärt, dass er einen Sieg von Le Pen durchaus für möglich hält – alles komme auf die Wahlbeteiligung der beiden Lager an.

Eine niedrige Beteiligung dürfte für Macron also gefährlich werden. Er wird deshalb in den kommenden zwei Wochen kaum den Eindruck erwecken wollen, dass er es schon geschafft hat.


Marine Le Pen: Deutlich mehr Stimmen als ihr Vater 2002

Häufig werden jetzt Parallelen zum Jahr 2002 gezogen. Damals hatte es schon Jean-Marie Le Pen, der Vater von Marine, überraschend in die Stichwahl geschafft.

In der ersten Runde hatten sich 16,9 Prozent der Wähler für ihn entschieden. Deswegen trat der Rechtsextreme in der zweiten Runde gegen den konservativen Amtsinhaber Jacques Chirac an, zu dessen Wahl fast alle anderen Parteien aufriefen. Chirac gewann haushoch mit 82,2 Prozent, Le Pen konnte seinen Anteil auf gerade mal 17,8 Prozent steigern.

Noch einmal zum Vergleich: Seine Tochter kommt in den Umfragen zur Stichwahl derzeit auf 38 Prozent. Die heutige Situation ist mit 2002 kaum vergleichbar: Frankreich ist durch Terroranschläge tief verunsichert.

Marine Le Pen hat zudem versucht, den Front National für breite Schichten wählbar zu machen. Außerdem gibt sie sich als Repräsentantin der "kleinen Leute". Jean-Luc Mélenchon, Kandidat eines Bündnisses von Linkspartei und Kommunisten, hat nicht zur Wahl von Emmanuel Macron aufgerufen, denn Le Pens Konkurrent gilt vor allem bei Arbeitern als zu unternehmerfreundlich.


Wahlkampf hat gerade erst begonnen

Trotz ihrer völlig unterschiedlichen Programme: Eines haben Macron und Le Pen gemeinsam. Sie werden es schwer haben, zum Regieren auch eine Parlamentsmehrheit zu erhalten.

Die Besonderheiten des französischen Wahlsystems haben zur Folge, dass die Sitze des Front National in der Regel nicht dessen Stimmenanteil entsprechen: Bei den Parlamentswahlen 2012 erhielten die Rechtspopulisten trotz 13,6 Prozent im ersten Wahlgang am Ende gerade mal zwei von 577 Sitzen in der Nationalversammlung.

Und Macron hat seine sozialliberale Bewegung "En Marche!" erst im vergangenen Jahr gegründet – einen Parteiapparat wie etwa Sozialisten oder Republikaner hat er nicht.

Deswegen dürften auch die beiden Runden der Parlamentswahl, die im Juni anstehen, noch einmal spannend werden. Der Wahlkampf hat nach der ersten Runde der Präsidentenwahl gerade erst begonnen.

"Die Aufgabe wird immens sein", sagte Emmanuel Macron am Wahlabend über seine mögliche zukünftige Präsidentschaft. Der Satz würde auch gut zum Wahlkampf passen, der noch vor ihm liegt.