Folgt nach Brexit und Donald Trump nun ein politisches Erdbeben in Frankreich? Was Marine Le Pen in die Hände spielt - und was gegen einen Erfolg bei der Präsidentenwahl spricht.

Auf den letzten Metern des Wahlkampfs hat Marine Le Pen ihren Tonfall deutlich verschärft. Seit Anfang der Woche zielt die französische Rechtspopulistin mit drastischen Sprüchen zu Einwanderung, Europa und Sicherheit auf ihre Kernwählerschaft.

Wer wird neuer Präsident und was sind die Folgen für uns?


Die Immigration stelle "unsere Identität als Volk" infrage, tönte sie vor einer aufgeheizten Anhängerschaft in einem Pariser Konzertsaal. Einige Zuschauer skandierten: "Frankreich den Franzosen."

Die plötzliche Härte dürfte auch ein Zeichen der Nervosität sein. Wenige Tage vor dem ersten Wahlgang scheint in Frankreich alles offen - vier Kandidaten können sich Chancen auf den Einzug in die Stichwahl ausrechnen.

Doch auch wenn Le Pen in den Umfragen ein wenig abgerutscht ist: Noch nie hatte ihre Rechtsaußen-Partei Front National (FN) im Rennen um das höchste Amt im Staat so gute Chancen. Könnte Frankreich sich tatsächlich von der EU abwenden?

Simple Erklärungen für große Problem

Le Pen hat der FN in den vergangenen Jahren einen neuen Anstrich verpasst und sie damit für breitere Schichten wählbar gemacht.

Terror, Rechtsruck, Arbeitslosigkeit: die Knackpunkte bei der Wahl.


Sie habe es geschafft, die FN "vom Stigma einer rechtsextremen, ausländerfeindlichen Partei zu befreien", heißt es in einer Studie der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP). Zudem ist es Le Pen gelungen, tiefgreifende Umwälzungen zu erkennen und anzusprechen.

Sie bietet simple Erklärungen für die großen Probleme Frankreichs, wie die Arbeitslosigkeit und den Terrorismus. "Technokraten" in Brüssel hätten Frankreich seiner Souveränität beraubt, "massive Einwanderung" bringe Islamismus, so Le Pen. Raus aus dem Euro und raus aus dem Schengen-Raum für Reisen ohne Grenzkontrollen, so ihr Rezept. Dabei kann sie davon profitieren, dass viele Franzosen ein düsteres Bild von der Lage des Landes haben.

Wählerstimmen als Wetteinsatz

Der Soziologe Hervé Le Bras spricht von der "Wette FN". Die Wähler der Partei setzten auf Le Pen aus ähnlichen Motiven, wie man an einer Lotterie teilnehme: Man hat nichts zu verlieren, aber eine winzige Chance, etwas zu gewinnen.

Sie seien blockiert, in der Gesellschaft bewege sich nichts mehr. "Das heißt: Das einzige Mittel, ihre Probleme hinter sich zu lassen, ist ein kompletter Wechsel", sagt Le Bras der Deutschen Presse-Agentur. "Gewissermaßen die Revolution."

Doch in Umfragen für die entscheidende Stichwahl am 7. Mai liegt Le Pen nach wie vor hinten - vor allem, falls sie auf den Sozialliberalen Emmanuel Macron treffen sollte. "Sie hat sehr geringe Chancen, diesmal zu gewinnen", so Le Bras".

Bislang hat etwa bei Parlamentswahlen in Frankreich stets der "republikanische Konsens" gesiegt: In der zweiten Runde machten die anderen Parteien Front gegen die FN. "Trotz ihrer Strategie der Entdiabolisierung macht (Le Pen) Angst", sagte die FN-Expertin Nonna Mayer der Zeitung "Le Monde".

Die jüngste Ausgabe einer jährlichen Befragung zum Bild der FN unterstreicht dies: 75 Prozent wollen nicht, dass Le Pen den zweiten Wahlgang gewinnt. Und 58 Prozent sehen die Front National als Gefahr für die Demokratie.

Restrisiko Le Pen

Doch was, wenn ein großer Teil der Le-Pen-Gegner einfach zuhause bleibt? Der Wissenschaftler Serge Galam rechnet vor, dass die Nichtwähler ihr zum Sieg verhelfen könnten. Eine niedrige Wahlbeteiligung könne Le Pen in die Hände spielen, warnt er - wenn ihre Wähler eher zur Wahl gehen als die der anderen Kandidaten.

Alles wichtige zum Ablauf und wann mit Ergebnissen zu rechnen ist.


Das könnte vor allem im zweiten Wahlgang ein Problem werden. Falls Le Pen dort auf den Konservativen François Fillon trifft, der ein hartes Reformprogramm vertritt, wären viele Wähler aus dem linken Lager in einem Dilemma. "Wenn Le Pen auf Fillon trifft, gehe ich Angeln", sagte etwa ein Mann in Südfrankreich. Eine ähnliche Frage stellt sich bei einem Duell mit dem Linkspolitiker Jean-Luc Mélenchon.

"Letztlich kommt es auf die Kandidaten in der Stichwahl an. Damit bleibt ein Restrisiko, dass die Präsidentschaftswahl auch schiefgehen kann", schrieb Analystin Ulrike Kastens vom Bankhaus Sal. Oppenheim.

Für den Philosophen Peter Sloterdijk wäre eine Präsidentin Le Pen "das Ende Frankreichs, wie wir es gekannt haben". Das Land würde vermutlich auf Jahre unregierbar, sagte er der Wochenzeitung "Die Zeit" (Donnerstag). "Eine rechtsradikale Figur im Élysée wird die landestypischen Geister der Revolte zu neuem Leben erwecken", meint Sloterdijk. "Ein nach innen gekehrtes Frankreich, das seine Zerrissenheit pflegt, würde für Europa unbrauchbar."


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