Am Sonntag sind die Franzosen zur ersten Runde der Präsidentschaftswahl aufgerufen. Was bewegt das Land? Eindrücke aus Straßburg.

Es ist was faul im Staate Frankreich. Das finden zumindest die Franzosen selbst. Laut Umfragen sind 86 Prozent von ihnen der Meinung, dass sich ihr Land im Niedergang befindet. Terror, Arbeitslosigkeit, Kriminalität in den Vorstädten, das Erstarken des Rechtsextremismus – die "Grande Nation" ist verunsichert.

Aber was genau läuft falsch? Und was soll der neue Präsident oder die Präsidentin anpacken? Darüber gehen die Meinungen vor dem ersten Wahlgang am Sonntag weit auseinander. So auch knapp hinter der deutsch-französischen Grenze: in Straßburg.

"Nicht mehr das Recht, Franzose zu sein"

Gautier Deisz ist sich sicher, wer nicht nur den ersten Wahlgang, sondern auch die Stichwahl danach gewinnen wird: Marine Le Pen – die Frau, die Moscheen schließen und Frankreich aus der EU führen will.

Wegen ihres Programms ist er in den rechtsextremen Front National eingetreten, sobald er 18 war. "Man hat in Frankreich nicht mehr das Recht, Franzose zu sein", sagt der Jura-Student.

Deswegen ist der 21-Jährige für den EU-Austritt – damit die Franzosen wieder selbst entscheiden könnten und nicht etwa die Deutschen. Viele Anhänger des Front National sehen das Nachbarland kritisch – weil es in der Europäischen Union angeblich den Ton angibt. "Die Deutschen sind der Kopf, das Herz und die Beine der EU", sagt Gautier Deisz.

Also raus aus der EU? Neue Grenzkontrollen zwischen Straßburg und der deutschen Nachbarstadt Kehl? Für Gautier Deisz ist das kein Schreckgespenst.

"In den 80er-Jahren konnte man ja auch nach Deutschland oder in die Schweiz fahren. Eine Grenze bedeutet nicht, eine Mauer zu bauen." Mit den deutschen Nachbarn könne man durchaus zusammenarbeiten, findet der 21-Jährige. Nur eben außerhalb der EU.

Als rechtsextrem will Gautier Deisz seine Partei nicht bezeichnen. In dieser Wahl geht es seiner Meinung nach auch gar nicht um links oder rechts – sondern um den Gegensatz zwischen den "Globalisierern" und denen, die wie er die Souveränität Frankreichs betonen.

"Angst ist ein schlechter Ratgeber"

Bruno Studer steht auf der anderen Seite. Der 38-Jährige sitzt in einem Café in der Nähe der Universität, neben sich einen Stapel Werbehefte für "En Marche!", die Partei des ehemaligen Wirtschaftsministers Emmanuel Macron. Die Kellnerin fragt, ob sie eines davon mitnehmen dürfe.

Bruno Studer erlebt das öfter, seit er Wahlkampf für Macron macht. Der Linksliberale liegt in den Umfragen ganz knapp an erster Stelle vor Le Pen, auch in der Stichwahl hätte er gute Chancen.

"Für mich ist Macron der dynamischste Kandidat", sagt Studer. Mehr Dynamik und echte Reformen erhofft er sich zum Beispiel für den Arbeitsmarkt. Die Arbeitslosenquote in Frankreich schwankt seit Jahren um die zehn Prozent.

Bruno Studer hat eine Zeit lang in Leverkusen gelebt, für ihn ist die EU eine Herzensangelegenheit. "Manche Probleme kann man nur auf europäischer Ebene lösen", sagt der Geschichtslehrer – wie etwa den Klimaschutz.

Emmanuel Macron ist für ihn nicht nur der Kandidat Europas, er stehe auch für Optimismus. "Angst ist immer ein schlechter Ratgeber."

In Europa die Grenzen wieder zu schließen, hält er für eine Schnapsidee – gerade für eine Region wie das Elsass. Schließlich würden dort jeden Tag Zehntausende Menschen die Grenze überqueren, um auf der anderen Seite zu arbeiten.

"Aus der Atomenergie aussteigen"

Lange galt es als ausgemacht, dass Le Pen und Macron sich am Sonntag die beiden Plätze für die Stichwahl am 7. Mai sichern. Aber etwa jeder vierte Franzose ist noch unentschieden, und aus dem Duell ist ein Vierkampf geworden:

Auch der Konservative François Fillon rechnet sich Chancen aus – obwohl die Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts der Veruntreuung öffentlicher Gelder gegen ihn ermittelt.

Aufgeholt hat aber vor allem Jean-Luc Mélenchon, Kandidat des Bündnisses "Das aufständische Frankreich" von Linkspartei und Kommunisten.

Ihm drückt Floriane die Daumen – eine 26-jährige Straßburgerin, die ihren Nachnamen lieber nicht nennen will. "Wir müssen aus der Atomenergie aussteigen", sagt sie. Außerdem ist sie für mehr ökologische Landwirtschaft.

Jean-Luc Mélenchon hat diese grünen Themen in den Mittelpunkt seiner Kampagne gestellt. Auch er hat sich kritisch über die EU geäußert – doch der Linkskandidat sei nicht für den Austritt aus der Union, sagt Floriane. "Er will die Verträge neu verhandeln."

Die Deutschen sieht sie dabei durchaus als Partner. "Ich hoffe, dass Martin Schulz Bundeskanzler wird, mit ihm kann man das bestimmt machen."

Entscheidung für zweiten Wahlgang schwerer

Zuerst haben aber die Franzosen die Wahl. Der Wahlgang am Sonntag ist für viele noch ein "vote de cœur", eine Stimme für den Lieblingskandidaten. Wenn danach zwei Kandidaten übrig bleiben, werden sich viele Wähler für das kleinere Übel entscheiden müssen.

Front-National-Anhänger Gautier Deisz will bei der Stichwahl lieber einen leeren Stimmzettel abgeben, wenn es Marine Le Pen wider Erwarten nicht dorthin schafft. Und Bruno Studer von "En Marche!" will darüber lieber noch nicht nachdenken. "In diesem Moment zählt nur der erste Wahlgang."