Die Kritik am republikanischen Präsidentschaftskandidaten Donald Trump wird in den USA lauter. Wäre er aber vielleicht nicht doch ein angemessener Regierungschef? Unsere Redaktion sucht im Gespräch mit zwei USA-Experten Antworten auf diese Frage.

Am 8. November endet der Wahlkampf in den USA mit der Abstimmung über den 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten. Prominente, führende Politiker und Amtsinhaber Barack Obama warnen die Wähler nachhaltig vor Donald Trump, dem Kandidaten der Republikaner.

Im Gespräch mit zwei USA-Experten beleuchtet unsere Redaktion anhand von drei Politikfeldern, ob der 70-Jährige nicht doch als Regierungschef und oberster Repräsentant eine Chance für sein Land sein könnte.

Wirtschaftspolitik: Industriearbeiter bauen auf Trump

"Seine Anhänger glauben fest daran, dass er ihre wirtschaftliche Lage verbessern wird. Das sind überwiegend Menschen, die Jobs in der verarbeitenden Industrie verloren haben", erklärt Dr. Martin Thunert von der Universität Heidelberg. Der Dozent des Heidelberg Center for American Studies analysiert in seiner Arbeit gesellschaftliche Entwicklungen in den USA.

Thunert sagt: "Trump hat eine protektionistische Handelspolitik. Er will das transpazifische Handelsabkommen kündigen." Heißt: weniger Außenhandel, weniger Importe, mehr Waren von Amerikanern für Amerikaner. Besagte Wählerschicht glaube tatsächlich, dass Trump durch eine solche Wirtschaftspolitik plus Einwanderungsbeschränkungen Jobs wieder zurückbringen könne, erklärt Thunert. "Sein Kalkül ist, Wähler mit eher mittlerer Ausbildung etwa aus Ohio oder Pennsylvania zu bekommen", sagt er, "Leute, die früher in der verarbeitenden Industrie gut verdient haben."

Aber: Viele Ökonomen bezweifelten ein solches Wirtschaftsprogramm. Das sagt auch Prof. Dr. Thomas Jäger im Gespräch mit unserer Redaktion. "Der Grundgedanke ist: Wir entlasten die Unternehmen steuerlich, investieren mehr und erzielen größere Gewinne. Das schafft Arbeitsplätze zu Hause, damit steigen die Löhne und so weiter."

Die Vorstellung sei jedoch irrig, dass Arbeitsplätze, die wegen billiger Löhne woanders hin abgewandert seien, wieder in die Vereinigten Staaten zurückkämen, meint der Politikwissenschaftler der Universität Köln. "Dieses Programm funktioniert nicht, für Arbeiter ist aber zumindest die Vorstellung attraktiv."

Außenpolitik: Trump könnte gut mit Putin

"Trump hat gesagt, dass er einen Neustart in den Beziehungen mit Russland möchte. Er glaubt, dass die USA und Russland in einigen Punkten dieselben Interessen haben", erklärt Thunert, "nicht zuletzt bei der Bekämpfung des islamistischen Terrors." Andererseits schreibe man Trump Eigenschaften Putins zu, zum Beispiel, dass er durchsetzungsfähig sei, meint der Heidelberger Wissenschaftler. "Ob er sich in allen Punkten an Russland annähern würde, wage ich aber zu bezweifeln." Eine gute Chemie könnte zumindest garantieren, dass Konflikte nicht sofort eskalieren.

Laut Jäger ist es ein konstantes Muster, "dass sich die Kandidaten entweder vorwerfen, nicht hart genug mit Russland zu sein oder die Annäherung nicht geschafft zu haben". Trump dagegen habe gar keine Russland-Politik, er sage nur, dass es schön wäre, wenn sich beide Länder annäherten. "Dem Ganzen ging ein verdecktes Lob von Putin an Trump voraus. Das ist deshalb so interessant geworden, weil Trump gleichzeitig die Nato in Frage gestellt hat", erzählt Jäger. "Das ist neu: Trump hat gesagt, dass die Nato den Sicherheitsproblemen nicht mehr angemessen sei."

Die Nato sei jedoch im amerikanischen Interesse, erklärt Jäger. Und es liege im amerikanischen Interesse, dass die USA weiter mit der Europäischen Union zusammenarbeiteten. Das sehe Trump anders: "'America first ist ein Programm, das besagt, wir müssen eigensüchtiger werden", so Jäger. Ergo: Trump und Putin würden sich sicher gut verstehen, die Nato-Partner und die EU müssten sich mit Trump aber erstmal arrangieren.

Anti-Establishment-Politik: Trump ist (weitgehend) frei von Lobby-Einfluss

"Aufgrund seines persönlichen Reichtums ist er finanziell unabhängiger", meint Thunert. Eine Folge: Bis auf die Waffen-Lobby sei er auch in punkto Klüngel und möglicher Einflussnahme von Interessensverbänden unabhängiger. Thunert: "Hier schützt ihn sicher der Reichtum vor zu viel Lobby-Einfluss."

Jäger sieht es ähnlich. "Washington wird von zwei Dritteln der Amerikaner als korrupt angesehen. Sie sind der Ansicht, dass in der Politik Geld eine viel zu große Rolle spielt", erklärt der Kölner Dozent. Trump sage dagegen, er habe sowieso genug Geld. "Mit diesem Argument konnte er sich abheben. Jetzt kommen aber langsam die Berichte raus, bei wem er Schulden hat und mit wem er Geschäfte macht", sagt Jäger. "Wer von sich behauptet, er besäße zehn Milliarden Dollar, ist mit einer ganzen Reihe an Einrichtungen wirtschaftlich verbunden. Bisher war aber in der Wahrnehmung der Wähler ein klarer Pluspunkt, dass er sagen konnte, dass der Lobbyismus ihn nicht erreicht."

Dr. Martin Thunert ist Dozent am Heidelberg Center for American Studies (HCA) der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg. Sein Institut erforscht und analysiert interdisziplinär historische, kulturelle, wirtschaftliche, politische und gesellschaftliche Entwicklungen in den USA.
Prof. Dr. Thomas Jäger ist seit 1999 Inhaber des Lehrstuhls für Internationale Politik und Außenpolitik an der Universität Köln. Zudem ist er Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat der Bundeszentrale für politische Bildung und Herausgeber der Zeitschrift für Außen- und Sicherheitspolitik.