Nach seiner Nominierung auf dem Parteitag der Republikaner steigen die Chancen von Donald Trump, der nächste US-Präsident zu werden. Der Politikwissenschaftler Christian Hacke erklärt, warum man Trump nicht dämonisieren sollte und warum seine Wahlchancen hoch sind.

Donald Trump polarisiert enorm. Warum ist er trotz seiner bisweilen verletzenden Rhetorik, seiner anti-mexikanischen, anti-islamischen sowie frauenfeindlichen Aussagen so erfolgreich?

Christian Hacke: Donald Trump sagt, was er denkt und denkt, was er sagt. Das kommt im Land der Political Correctness an, denn viele Menschen, gerade die Zu-kurz-Gekommenen, misstrauen den Wohlfühl-Parolen des politischen Establishment mehr und mehr.

Trump ist schon in viele Fettnäpfchen getreten. Aber gibt es etwas, was er sich auf keinen Fall erlauben sollte vor der Wahl?

Er sagte, er könne jemanden auf der 5th Avenue in New York auf offener Straße erschießen und es würde ihm nichts passieren. Diese Übertreibung zeigt, wie sicher sich Trump fühlt.

Warum ergibt es keinen Sinn, ihn zu dämonisieren, wie sie in einem früheren Interview gesagt haben?

Trump zu dämonisieren heißt, den Kern seiner Attraktivität und seines politischen Sex-Appeals zu verkennen: Das hat das liberale Establishment bisher getan, und diese Dämonisierung hat ihm noch mehr Zustimmung eingebracht.

Kann er die Wahl ohne nennenswerte Unterstützung der Minderheiten überhaupt gewinnen?

Er kann die Wahl nur gewinnen, wenn er seine weiße Stammwählerschaft mobilisiert und zwar in höchstem Grade. Von den elf "Swing States", also den besonders umkämpften Bundesstaaten, hat derzeit Hillary Clinton in neun eine zum Teil knappe Mehrheit. Dort muss er also punkten. Da er klassische konservative Positionen in Lebensstil-Fragen vertritt, ist nicht auszuschließen, dass Latinos, Kubaner, Schwarze und andere Minderheiten ihm stärker folgen als heute angenommen. Denn gerade bei diesen ist die Toleranz gegenüber Lesben und Schwulen nicht besonders groß.

Ist es ein Vor- oder ein Nachteil, dass Trump gegen eine Frau antritt?

Frau hin Frau her, es interessiert heute kaum einen Amerikaner, dass die Demokraten eine Frau aufgestellt haben. Hillary Clinton steht nicht für feminine Erneuerung, sondern für Gestern. Ein alter Titel der Rolling Stones aus meiner Zeit lautet: "Who wants yesterday`s papers? Who wants yesterday`s girls?". Für viele ist Clinton ein Yesterday Girl, eine Frau von gestern. Viele wollen sie auch deshalb einfach nicht mehr sehen, geschweige denn im Weißen Haus.

Werden Trump die Vorkommnisse auf dem Republikaner-Parteitag, also die fehlende Unterstützung durch Ted Cruz und Teile des Partei-Establishments, noch schaden?

Trump hat die Republikanische Partei zertrümmert und sich gefügig gemacht. Cruz' Auftritt war ein opportunistisches Nachglühen der Trump-Widersacher ohne Chance. Jeder weiß, dass Cruz sich jetzt als Trump-Gegner für die Zukunft positionieren will.

Trump vertritt nicht durchweg klassische konservative Positionen. Welchem Spektrum würden Sie ihn zuordnen?

Er hat gar kein einheitliches Programm. Das ist seine Schwäche, aber noch viel mehr: seine Stärke! Clinton macht auf Klein-Klein, was kaum einen interessiert. Trump betont seine Vision "to make America great again". Genialer Slogan, unbezahlbar. Da ist alles drin: Amerika ist nicht mehr das, was es war und ich werde es euch wieder groß machen. Natürlich verkörpert er eine für gebildete Europäer leicht vulgäre Version dieses American Dream, aber für die Zu-kurz-Gekommenen, die Abgehängten, hat das Strahlkraft.

Die Stimmung im US-Wahlkampf scheint hitziger als bei anderen Wahlen zu sein, teils sogar vergiftet. Teilen Sie diese Beobachtung?

Schauen sie in die Geschichte der US-Wahlkämpfe, da ist dieser Wahlkampf im vergleich gemäßigt. Im 19. Jahrhundert warfen sich die Kontrahenten wie selbstverständlich Korruption, Vetternwirtschaft und Hurerei vor. Nein, nein, die Wahlkämpfe konnten schon immer ganz munter sein und jeder wusste, es wird nicht alles so heiß gegessen wie es gekocht wird.

Sie deuteten in einem früheren Interview an, Trump könne ein passabler Präsident werden. Warum?

Er vertritt keinen liberalen Hegemonialismus oder keine Idee von den USA als Weltordnungsmacht, weil diese in den vergangenen 15 Jahren überwiegend von Fehlern, Schwächen, Fehleinschätzungen und enormen Kosten für die USA und die Bevölkerung gekennzeichnet war. Seine protektionistischen und neo-isolationistischen Vorstellungen kommen deshalb der Stimmung in der Bevölkerung entgegen. Auch fordert er mehr Leistungen von den Verbündeten. Deren Trittbrettfahrer-Mentalität war den Amerikanern schon immer ein Dorn im Auge.

Er sieht den Ausgleich mit Putin und Russland, er wird mit China sachlich zu verhandeln wissen und: Er steht innen- und außenpolitisch für die Wiederherstellung von Amerikas Wirtschaftsmacht. Das ist die klassische Position der USA in der Welt, ihr bestes Mittel zu beeinflussen, und hier haben die USA immer punkten können.

Wird das die Wähler überzeugen?

Ja, das überzeugt die Menschen, weil er die Wirtschaftskraft und die US-Unternehmen wieder stärker in die USA bringen will und damit wieder mehr Amerikaner in Lohn und Brot. Ob ihm das alles gelingt, ist natürlich eine andere Frage. Ein Letztes: Bislang konnte fast immer der Kandidat gewinnen, der mehr Wärme und Emotionalität ausstrahlte. Da wird sich Clinton noch mächtig anstrengen müssen.

Wird Trump nächster US-Präsident?

Nur wenn Clinton ihr kaltes und karriereorientiertes Image ändern kann. Nur wenn sie mit großer Emotion und Überzeugungskraft die Person Trump "zerlegen" und seine sachlichen Widersprüchlichkeiten bloß legen kann, hat sie eine Chance. Derzeit spricht die Wahlkampfdynamik für Trump. Der Niedergang des Landes, die Frustration großer Teile der Bevölkerung und die zum Teil irrealen Hoffnungen auf eine Wende unter Trump könnten weiter bis zum November anhalten. Dann hat er eine sehr reelle Chance zu gewinnen.

Prof. Christin Hacke (Jg. 1943) war als Professor an der Universität der Bundeswehr Hamburg und der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn tätig. Der Politikwissenschaftler befasst sich u.a. mit amerikanischer Geschichte und Außenpolitik sowie den transatlantischen Beziehungen.