Donald Trump hat sich im Nachgang der Terrorattacke von Orlando weit aus dem Fenster gelehnt - und damit auch US-Präsident Obama aus der Fassung gebracht. Erstmals scheinen die verbalen Entgleisungen nicht spurlos an ihm vorbeizugehen.

Donald Trump hat wenige Sicherheitsberater, aber viele Wahlkampfberater. Das merkt man. Es mag der Grund sein dafür, warum er sich nach dem Terrorangriff auf eine Schwulenbar in Orlando sicherheitspolitisch geradezu töricht verhielt, sich so tollpatschig bewegte, dass Präsident Barack Obama vor laufenden Kameras zornig wurde und ihm "leeres Geschwätz" vorwarf.

Viel gravierender für Trump ist, dass vor allem in seiner eigene Partei ein Rumoren losbrach, das die Frage nach seiner Tauglichkeit als Präsidentschaftskandidat noch vor dem Nominierungsparteitag in Cleveland im Juli neu aufkommen ließ.

Obama gegen Trump

Mit dem Ziel, seine Klientel zu bedienen und nach neuen Wählern zu fischen, beging Trump in seiner Rede zu den Terrorattacken einen Grundfehler im politischen Kampf gegen den Terror. Er warf alle Muslime in einen Topf, erneuerte seine umstrittene Forderung nach einem Einreisestopp - und machte sich damit zum Feind der Muslime. Er warf einen Graben zwischen den Religionen auf, statt die friedlichen Muslime in den Kampf gegen den Terror einzubeziehen.

Dass er den Geburtsort des Attentäters falsch vom Teleprompter abliest, ist längst nicht der größte Fehler des Polit-Novizen. "Er macht den Job der Terroristen", wetterte Obama in einer Wortwahl, wie sie für einen US-Präsidenten zumindest in der Öffentlichkeit nicht an der Tagesordnung ist. Viele langjährige Beobachter der US-Politik äußerten sich erstaunt, über den Grad des Zorns, den Trump bei Obama ausgelöst hatte.

Emotionen anstatt Tatsachen

Der politische Quereinsteiger Trump geht mit seinen Tiraden nach Meinung von Politologen und Terrorexperten nicht nur den Terroristen auf den Leim, er stellt auch mit seinen maßlosen Übertreibungen die Anti-Terror-Strategie Obamas infrage, die in Libyen, Syrien und im Irak gerade auf die Erfolgsspur zurückgekehrt ist.

Obama und sein Sicherheitsteam haben nicht nur Erfolge vorzuweisen, aber zumindest ein weltweites Bild des islamistischen Terrors im Auge, schauen auf die Wurzeln und wie man sie kappen kann.

Trump blickt nur nach innen. Wenn die USA nun nicht schnell und klug handelten, stünde ihr ganzer Staat auf dem Spiel, nichts werde mehr übrig bleiben. Wenn er Frankreich, Belgien, Deutschland überhaupt erwähnt, dann nur, um seine eigenen Thesen zu stützen. Ganz zu schweigen von Ländern in Nahost und Afrika, wo einer Studie der Universität Maryland zufolge der Großteil der Opfer islamistischen Terrors zu beklagen ist. Trumps Kontrahentin Hillary Clinton sprach in diesem Zusammenhang von einem "pathologischen Hang zur Selbstgratulation."

Bei einem Anteil von nur einem Prozent Muslimen an der US-Bevölkerung und einer vergleichsweise geringen Zahl von Terrorattacken auf heimischen Boden ist Trumps Betrachtungsweise eine maßlose Übertreibung, wie John Horgan, Professor und Terrorismusexperte an der Georgia State University erklärt. "Am Ende haben wir eine Anti-Terror-Politik, die auf Emotionen gründet und nicht auf Tatsachen", befürchtet er.

Probleme mit der eigenen Partei

In Trumps Partei herrscht Ratlosigkeit. "Bei allem Respekt, aber es ist wohl klüger, bei der Einreise Sicherheitstests zu machen, statt Religionstests", sagte Paul Ryan, Vorsitzender des Repräsentantenhauses und derzeit einflussreichster Politiker des republikanischen Establishments.

Ryan unterstützt Trumps Kandidatur zwar offiziell, ist thematisch aber seitdem schon mehrmals mit ihm aneinandergeraten. Ob gesunkener Umfragewerte sind vor allem Senatoren und Abgeordnete von dem unvorsichtigen Vorgehen ihres mutmaßlichen Präsidentschaftskandidaten entsetzt. Sie sehen ihre Wiederwahl in Gefahr, die parallel zur Präsidentenwahl am 8. November ansteht.

Entertainment statt seriöser Politik

Trumps Reaktion auf Obama ist die eines Wahlkämpfers, folgt der Strategie, auch unangenehme Situationen möglichst für sich zu nutzen. "Obama ist ärgerlicher auf mich als auf den Terroristen", sagt Trump.

Was in vielen Situationen originell ist, kommt im Angesicht von 49 Opfern unpassend herüber. Bei den Republikanern lassen solche Äußerungen die Ahnung aufkommen, dass Trump möglicherweise den Ernst der Lage nicht erkennt, dass er seriöse Politik nicht von Wahlkampfshow unterscheiden kann.

Trumps Sympathiewerte sind in neuen Umfragen auf ein neues Ein-Jahres-Tief gefallen, sein Rückstand zu Hillary Clinton hat sich vergrößert. Das mag fünf Monate vor dem Wahltermin nicht allzu viel bedeuten. Aber es zeigt, dass die Luft dünner geworden ist für Trump, Fehltritte und Verbalentgleisungen des 70-Jährigen scheinen anders als im Vorwahlkampf nicht mehr spurlos an dem Kandidaten vorbeizugehen. Der Sender CNN sprach am Mittwoch von Trump als einem "Selbstverletzer".