Alexis Tsipras hat die Wahl in Griechenland ganz klar gewonnen - obwohl es zunächst nicht danach aussah. Für die Presse ist klar: Das griechische Volk schert sich wenig darum, ob Wahlversprechen eingehalten werden oder nicht. Für die Medien ist Tsipras ein "Blender", "Wortbrüchiger" und Enttäuscher" - einer, den die Griechen im Amt behalten wollen.

Sueddeutsche.de: "Griechenland ist nach dieser Wahl ein anderes Land. Es gibt keine Hoffnung mehr auf eine schnelle, auf eine bequeme Lösung der Schuldenkrise. (...) Sieben Monate hat Tsipras gebraucht, um sein Land zu desillusionieren. Ist das nun das bittere Ende? Nein, das ist der Anfang. Diese Wahl hat ein sehr klares Resultat hervorgebracht. Die große Mehrheit der Bürger hat akzeptiert, dass Griechenland nur innerhalb der Euro-Zone zu sanieren ist. Früher verlief die Trennlinie zwischen links und rechts, dann zwischen Befürwortern und Gegnern der Sparpolitik. Mit dem qualvollen Kurswechsel von Tsipras ist auch diese Kluft aufgehoben. (...) So bitter das klingt: Sie (Anm. der Red.: die Griechen) haben sich mittlerweile daran gewöhnt, dass Wortbruch anscheinend zur Politik gehört. Auch die Nea Dimokratia war einmal eine Anti-Sparpolitik-Partei, bevor sie selbst den Rotstift ansetzte. Wäre es danach gegangen, hätten die Wähler keiner der großen Parteien ihre Stimme geben können. Tsipras ist nur der Letzte in der Reihe der Enttäuscher."

Spiegel Online: "Alexis Tsipras triumphiert bei der Wiederwahl, doch die Auflagen der Gläubiger lassen ihm künftig kaum Spielraum (...) Fremdbestimmung gefährdet die Demokratie, die extrem niedrige Wahlbeteiligung vom Sonntag ist ein erstes Anzeichen dafür. Doch in Tsipras' begrenzten Möglichkeiten steckt auch eine Chance: Er kann jetzt eine eigene Handschrift für die Reformen zuhause entwickeln, statt weiter den Kurs der gesamten europäischen Politik verändern wollen zu müssen."

Welt.de: "Das griechische Volk will einen Blender: Der überraschend klare Wahlsieg von Alexis Tsipras lässt nur einen Schluss zu: Das griechische Wahlvolk will getäuscht werden, sonst hält es das Ausmaß des Desasters nicht aus. (...) Er hat seinen Wählern das Blaue vom Himmel versprochen und in allen zentralen Bereichen das Gegenteil davon umgesetzt. Die Griechen hatten ihm im Januar ihre Stimme gegeben, damit er die Troika aus dem Land wirft, das Spardiktat beendet und das Volk aus dem Elend heraus führt. Freilich ist nichts davon geschehen, im Gegenteil: Die Troika ist zur Quadriga angewachsen, die Griechen müssen künftig noch mehr sparen und aus den Bankautomaten wollte zeitweise überhaupt kein Geld mehr kommen. So weit, so schlecht. Das Verblüffende daran aber ist: Nichts davon lasten die Griechen ihrem Premier an, obwohl dieser als Partei- und Staatschef klar die Verantwortung für die Zustände trägt. Mit Logik ist das Ganze längst nicht mehr zu erklären."

Neue Zürcher Zeitung: "Triumph von Syriza stellt sicher, dass (Parteichef Alexis) Tsipras innenpolitisch die dominierende Figur bleibt. Dennoch wird die neue Regierung wenig Spielraum besitzen, da sie unter internationaler Aufsicht Spar- und Reformauflagen umsetzen muss. Und doch haben die Griechen klargemacht, dass sie Tsipras' neuen Kurs unterstützen, und trotz Krise links- und rechtsradikalen Alternativen wie der Goldenen Morgenröte eine Absage erteilt. Dass Tsipras ein ideologisch durchaus wandelbarer politischer Überlebenskünstler ist, hat er eindrücklich bewiesen. Dass seine Mannschaft auch den Willen und vor allem die Kompetenz hat, das Land zu reformieren, muss sie erst noch zeigen."

Le Figaro: "Was wird Alexis Tsipras mit diesem Sieg anfangen? Da er versprochen hat, den Rettungsplan der Geldgeber umzusetzen, wäre eine stabile Koalitionsregierung ein beruhigendes Element. Das Interesse der Europäer am Geschehen in Athen ist sehr konkret und lässt sich in Milliarden Euro zählen. Die Rückzahlung von 86 Milliarden Euro wurde bis 2018 versprochen, hinzu kommen mehr als 260 Milliarden, die seit 2010 an Athen überwiesen wurden. Hoffentlich wird sich Alexis Tsipras jetzt in einen verantwortungsbewussten Politiker verwandeln. Eine Umstrukturierung der Schulden, die das Land ersticken, würde ihn sicherlich ermutigen."

Der Standard: "Nach einem halben Jahr Achterbahnfahrt mit ihrem linksgerichteten Regierungschef geben die Griechen Alexis Tsipras eine zweite Chance. Was er dieses Mal machen soll? Das Spar- und Reformprogramm, das er mit Griechenlands Gläubigern ausgehandelt hat, wenigstens sozial verträglich umsetzen. Und Korruption, Cliquenwirtschaft und Steuerhinterziehung bekämpfen, wozu sich die Konservativen nie aufraffen konnten. (...) Doch hier beginnen schon die Probleme. Alexis Tsipras nannte das Kreditabkommen das Ergebnis einer Erpressung durch die Gläubiger in der Eurozone. Er glaubt wohl auch jetzt nicht daran. (...) Verwaltungs- und Wirtschaftsreformen sind allenfalls von einem seriösen Koalitionspartner zu erwarten."

Mannheimer Morgen: "Aus Alexis Tsipras, dem Kämpfer für ein stolzes, selbstständiges Griechenland, ist erst ein wortbrüchiger Politiker wie viele vor ihm geworden. Nun muss er sich als Reformer bewähren und das tun, für das er nie gewählt werden wollte: das Land umbauen, die Verwaltung reformieren, die Privatisierung anschieben. Das kann nur funktionieren, wenn der mutmaßliche neue Regierungschef seine Ideologie in die Ecke stellt und ein parteiübergreifendes Bündnis bildet, das über eine breite Mehrheit verfügt, breit genug, um den Griechen nicht nur viel abzuverlangen, sondern auch Hoffnung zurückzugeben."

Pforzheimer Zeitung: "Wie bereits in den vergangenen Monaten wird Tsipras eine Politik umsetzen müssen, die er von Herzen ablehnt. Reformen, Sparmaßnahmen, schmerzhafte Einschnitte, die er mit den Geldgebern aus Europa und vom IWF bereits ausgehandelt hat, wird niemand zurücknehmen. Doch zumindest eins hat diese Wahl gezeigt: Jene Ultralinken, die sich von Syriza abgespalten haben, spielen keine Rolle mehr. Die Griechen haben Tsipras' Reformkurs wider Willen bestätigt. Gleichzeitig schwindet das Vertrauen des Volkes in die Politik, wie die geringe Wahlbeteiligung von rund 60 Prozent zeigt. Zu viele Versprechen wurden gebrochen, zu desaströs ist die Lage des Landes. Tsipras mag strahlen, doch Griechenland steht ein harter Weg bevor - mit ungewissem Ausgang."

Thüringische Landeszeitung: "Ob diesem Votum die Einsicht der Wähler in die Alternativlosigkeit zugrunde liegt oder aber die Hoffnung, dass Griechenland mit Syriza doch noch ohne harte Einschnitte wieder auf die Beine kommt, ist schwer zu sagen. Gewiss ist aber, dass die Wahlbeteiligung niedrig war, das Mandat für die Tsipras-Partei mithin kein sonderlich stabiles ist. Und die Syriza mit dem Sieg allenfalls ein Minimalziel erreichte." (far/dpa)