War's das schon für Martin Schulz? Die SPD erlebt in NRW ein historisches Debakel, die CDU jubelt über den dritten Wahlerfolg in Serie. Was das für das Land und den Bundestagswahlkampf bedeutet - die Analyse.

Es steht 0:3! Die SPD hat die dritte Landtagswahl in diesem Jahr verloren. Dabei hatten die Genossen nach der überraschend klaren Niederlage im Saarland zwei Siege in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen eingepreist.

Aber nichts da - auch in Nordrhein-Westfalen, eigentlich Stammland der Sozialdemokraten, hat es nicht gereicht.

Die Hochrechnungen sehen die CDU deutlich vorne, Landeschef Armin Laschet wird Ministerpräsidentin Hannelore Kraft, die bereits von ihren Parteiämtern zurückgetreten ist, aus der Düsseldorfer Staatskanzlei verdrängen.

Ein Sensationserfolg für die Union, ein historisches Debakel für die SPD - und ein schwerer Rückschlag für Kanzlerkandidat Martin Schulz (Verfolgen Sie den Wahlabend im Liveticker).

Die FDP mit Frontmann Christian Lindner legt kräftig zu, die Grünen stürzen ab.

Die Rechtspopulisten von der AfD schaffen auch in NRW locker den Einzug in den Landtag, auch die Linke wird wohl drin sein, muss aber noch zittern.


Was bedeutet dieses Wahlergebnis - für das Land und für die Bundestagswahl im September?

1. Martin Schulz braucht jetzt ein Wunder: Schulz-Effekt? War da was? So belebend die Euphorie für eine Weile in der SPD war, so weh tut den Genossen jetzt der Absturz. Plötzlich herrscht eine ganz andere Dynamik, ein Sieg im Herbst bei der Bundestagswahl - vor ein paar Wochen noch greifbar - scheint auf einmal so weit weg wie Nordkorea von der Demokratie.

Wo soll jetzt im Bund noch die Wechselstimmung herkommen?

Schulz wird natürlich nicht aufgeben, es liegen ja noch einige Monate Wahlkampf vor ihm. Aber die Debatte in der SPD hat spätestens an diesem Sonntag, 18 Uhr, begonnen:

Was müssen wir ändern? Welche Trümpfe haben wir überhaupt noch? Wo können wir Angela Merkel angreifen?

Am Wahlabend gibt es erst mal nur Durchhalteparolen.

Die Kanzlerin dagegen kann gelassen dem 24. September entgehen sehen. Drei Landtagswahlen gewonnen, in den bundesweiten Umfragen der SPD wieder davongezogen - es läuft für Merkel und die CDU.

Und, schöner Nebeneffekt aus Sicht der Parteichefin: Mit Armin Laschet gewinnt in NRW einer, der in der Flüchtlingskrise loyal an ihrer Seite stand.

Ihre wichtigste Aufgabe wird jetzt vorerst wohl sein, keinen Übermut und keine Überheblichkeit in der Partei aufkommen zu lassen.

2. Rot-Grün ist abgewählt: Die NRW-Regierungskoalition hat keine Mehrheit mehr - beide Regierungsparteien haben dramatisch verloren, ein deutliche Botschaft der Unzufriedenheit der Wähler.

Armin Laschet dürfte der künftige Ministerpräsident sein. Am wahrscheinlichsten ist, dass er künftig mit der SPD als Juniorpartner regiert. Für eine Koalition mit der FDP wird es in einem Sechs-Parteien-Landtag wohl nicht reichen, ein Jamaika-Bündnis ist rechnerisch möglich, politisch aber schwierig.

3. Kraft verspielt den Amtsbonus: Im Dezember 2012, wenige Monate nach der letzten Landtagswahl, hatte die Ministerpräsidentin noch Zustimmungswerte von 73 Prozent (Infratest dimap).

Kurz vor dem Wahltag kam sie noch auf 55 Prozent. Damit lag sie immer noch deutlich vor ihrem CDU-Konkurrenten Laschet, doch ein Nimbus der Unantastbarkeit sieht anders aus.

Dabei galt Laschet nicht unbedingt als starker Herausforderer, nicht einmal in seiner eigenen Partei waren alle von seiner Qualität überzeugt.

Gereicht hat es trotzdem, seine Kampagne, NRW als Schlusslicht zahlreicher Bundesländer-Ranglisten von der Bildungspolitik bis zur inneren Sicherheit darzustellen, scheint Wirkung gezeigt zu haben.

Es ist ein politisches Erdbeben in NRW: Die CDU wird stärkste Kraft, Rot-Grün ist Geschichte. Ministerpräsidentin Hannelore Kraft räumte ihr Scheitern schnell ein.


4. Lindner macht die FDP wieder stark: Die Liberalen verzeichnen ein sattes Plus im Vergleich zur Wahl vor fünf Jahren. Das hat sie wohl vor allem Christian Lindner zu verdanken.

Der FDP-Landes- und Bundeschef ist die One-Man-Show der Partei - und war vor der Wahl der beliebteste Politiker Nordrhein-Westfalens. Dass er offen erklärt hat, NRW nur als persönliche Zwischenstation auf dem Weg zurück in den Bundestag zu betrachten, hat ihm nicht geschadet.

5. Die Grünen suchen nach der Notbremse: Es gehe um die parlamentarische Existenz der Grünen, warnte Spitzenfrau und nun Ex-Bildungsministerin Sylvia Löhrmann kurz vor der Wahl.

Nicht ganz zu Unrecht, wie die Zahlen der Wahlforscher zeigen: Nur 25 Prozent der NRW-Wähler waren mit der Regierungsarbeit der Grünen zufrieden.

Der Totalabsturz ist ausgeblieben, aber das Ergebnis von vor Jahren haben die Grünen nahezu halbiert. Auch für die Bundestagswahl ist das ein erneuter Rückschlag.

Die Debatte über den künftigen Kurs und auch das Spitzenduo Cem Özdemir/Katrin Göring-Eckardt wird nun an Fahrt aufnehmen.

6. AfD-Erfolge werden zur Routine: Es sind nicht die triumphalen Ergebnisse, die die AfD noch vor einigen Monaten bei Landtagswahlen erreichte.

Aber der Einzug der Rechtspopulisten in die Landesparlamente gehört inzwischen zur politischen Normalität in der Republik.

Wahl-Beben in Nordrhein-Westfalen: Die CDU geht als deutlich stärkste Partei aus der Landtagswahl hervor, die rot-grüne Koalition ist abgewählt. Nun beginnt für Wahlsieger Laschet die Suche nach einer stabilen Mehrheit. Der Wahlabend in der Ticker-Nachlese.


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