Testlauf für den Bund: In NRW will Ministerpräsidentin Kraft der SPD und Martin Schulz endlich ein Erfolgserlebnis bescheren, die CDU hofft auf einen Überraschungscoup. Die Hintergründe zur Wahl.

Es ist der große Testlauf vor der Bundestagswahl: 13,1 Millionen Menschen können in Nordrhein-Westfalen über einen neuen Landtag abstimmen. Das sind mehr als ein Fünftel aller Wahlberechtigten in Deutschland.

Kanzlerin spricht zum Wahlkampfabschluss Klartext.

Die Landtagswahl in NRW wird nicht nur deshalb auch "kleine Bundestagswahl" genannt. Gleich zweimal bahnten sich hier in der jüngeren Geschichte politische Zäsuren auf Bundesebene an: 1995 brauchte die SPD in Düsseldorf die Grünen zum Regieren, drei Jahre später löste Rot-Grün Dauerkanzler Helmut Kohl ab. Und 2005 übernahm die CDU erst in Düsseldorf die Macht - und dann in Berlin.

Auch diesmal könnte der Ausgang der Wahlen an Rhein und Ruhr Signalwirkung für den Bund haben. Die deutsche Sozialdemokratie braucht nach den Niederlagen im Saarland und in Schleswig-Holstein den Sieg von Ministerpräsidentin Hannelore Kraft. Sie muss dem so stark gestarteten, zuletzt aber schwächelnden Kanzlerkandidaten Martin Schulz endlich ein Erfolgserlebnis bescheren.

Seit 1966 regierten die Genossen in NRW mit nur fünf Jahren Unterbrechung. Landet die SPD diesmal auch im roten Stammland hinter der CDU, wird ein Wahlsieg gegen Angela Merkel im Herbst immer unwahrscheinlicher.

Meinungsforscher sagen ein knappes Rennen voraus. In Umfragen lag die CDU von Herausforderer Armin Laschet zuletzt mal knapp hinter, mal knapp vor der SPD. Den Grünen prophezeien die Demoskopen ein deutlich schwächeres Ergebnis als vor fünf Jahren (2012: 11,3 Prozent), die FDP könnte zweistellig werden (2012: 8,6 Prozent). AfD und Linkspartei hoffen auf den Einzug in den Landtag, die Piraten werden sich wohl aus dem letzten Landesparlament verabschieden.

Hier sind die Hintergründe zur Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen:

Die wichtigsten Personen

Natürlich geht es am Ende auch um Angela Merkel und Martin Schulz. Für das Land aber sind andere entscheidend: Hannelore Kraft, 55, regiert seit 2010 mit einer rot-grünen Koalition - zunächst toleriert von der Linkspartei, seit 2012 mit einer eigenen Mehrheit. Im Wahlkampf gab die Sozialdemokratin die Kümmerin, sie hofft auf den Amtsbonus. Bei den persönlichen Sympathiewerten liegt Kraft deutlich vor ihrem CDU-Herausforderer.

Der heißt Armin Laschet, 56, und kämpfte in den vergangenen Wochen gegen das Image, dass er zu nett sei. Eigentlich ist das ja kein schlechter Charakterzug. Aber in der Politik wird ein ausgleichendes Wesen auch als mangelnder Kampfeswille gedeutet - gerade von den eigenen Leuten.

Mindestens auf Augenhöhe mit den beiden Kandidaten der Volksparteien sieht sich Christian Lindner, 38. Der FDP-Parteichef will in NRW die Basis für den Wiedereinzug in den Bundestag legen. Spitzenkandidatin der Grünen ist Bildungsministerin Sylvia Löhrmann, 60, sie gilt als Pragmatikerin, ihr Landesverband als eher links.

Die Linkspartei hofft mit der Doppelspitze Özlem Demirel, 33, und Christian Leye, 36, auf den Wiedereinzug in den Landtag. Die AfD will mit Marcus Pretzell, 43, den jüngsten Abwärtstrend stoppen. Pretzell ist verheiratet mit AfD-Bundeschefin Frauke Petry.

Die Top-Themen

Im Wahlkampf ging es vor allem um Bildung, innere Sicherheit und Verkehr. 2016 hätten die Menschen in Nordrhein-Westfalen 100 Stunden im Stau verbracht, kritisiert die FDP. Hintergrund sei der stockende Autobahnausbau. Allerdings ist NRW schon immer ein Stauland gewesen - egal wer regiert hat.

In der Schulpolitik wirft die CDU Rot-Grün eine schwache Bilanz vor, mit hohem Unterrichtsausfall und Problemen bei der Inklusion. Die Regierung wirbt hingegen damit, 200 Milliarden Euro mehr für Bildung ausgegeben und die Zahl der Kita-Plätze verdoppelt zu haben.

Größter Buhmann der Opposition ist Innenminister Ralf Jäger. Die Union hält dem SPD-Mann zahlreiche Fehler vor, vor allem im Umgang mit der Kölner Silvesternacht und dem Berliner Attentäter Anis Amri. Auch hohe Einbruchszahlen und eine wachsende Salafisten-Szene habe Jäger zu verantworten, kritisiert Innenpolitiker Wolfgang Bosbach, den Laschet zur Verstärkung im Wahlkampf holte.

Der CDU-Spitzenkandidat setzte auf eine Schlusslicht-Kampagne: Das Land liege in bundesweiten Vergleichen stets auf den hinteren Plätzen, moniert er. Wie es um NRW wirklich steht, können Sie in unserem Faktencheck nachlesen.

Die möglichen Bündnisse

In NRW grassiert die sogenannte Ausschließeritis: Die FDP will keine Ampel-Koalition mit SPD und Grünen, die Grünen wollen kein Jamaika-Bündnis mit CDU und Liberalen. Kurz vor der Wahl schloss Kraft dann noch ein Bündnis mit der Linkspartei aus - Rot-Rot-Grün soll es also auch nicht geben.

Weil weder die amtierende rot-grüne Koalition noch Schwarz-Gelb laut Umfragen auf eine Mehrheit kommen, könnten am Ende nur zwei Alternativen bleiben: ein sozialliberales Bündnis oder eine Große Koalition. Letzteres ist die wahrscheinlichste Option, auch wenn es eine Premiere wäre: Bis heute haben CDU und SPD in NRW noch nie gemeinsam regiert. Fragt sich nur, wer am Ende den Ministerpräsidenten stellt.

Die Folgen für die Bundestagswahl

Landtagswahlen in NRW haben immer besondere bundespolitische Implikationen - diesmal erst recht. Viereinhalb Monate vor der Bundestagswahl geht es am Sonntag für den SPD-Kanzlerkandidaten fast schon um alles: Entweder die SPD stoppt nach den Niederlagen im Saarland und in Schleswig-Holstein den Abwärtstrend. Dann könnte Martin Schulz seine Ambitionen im Rennen gegen Angela Merkel aufrecht erhalten. Oder die Genossen verlieren auch die Düsseldorfer Staatskanzlei - und damit wohl fast schon die Chancen auf das Kanzleramt. Denn: Wo soll noch die Wechselstimmung im Bund herkommen? Entsprechend groß ist der Druck bei den Sozialdemokraten.

Viel entspannter kann CDU-Chefin Angela Merkel nach Düsseldorf schauen. Dass ihr Parteifreund Laschet das schwache Ergebnis von vor fünf Jahren deutlich verbessert (Kandidat: Norbert Röttgen, 26,3 Prozent), scheint sicher - alles weitere wäre eine Zugabe. Mit einem Ministerpräsidenten Laschet hat in der Union eigentlich niemand gerechnet.

Auch das Abschneiden der kleinen Parteien hat bundespolitische Bedeutung. Etwa für die FDP: Schneidet die Lindner-Partei wirklich so gut ab wie prognostiziert, wird auch der Wiedereinzug in den Bundestag wahrscheinlicher. Die FDP würde dann auch als Macht- und Koalitionsfaktor wichtiger.

Die Grünen riefen in Düsseldorf zuletzt den Kampf um die parlamentarische Existenz aus. Der Totalabsturz wird wohl nicht kommen. Einen Schub für den Bundestagswahlkampf kann die Partei aber nicht erwarten - obwohl sie ihn so dringend brauchen könnte.© SPIEGEL ONLINE

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Teaserbild: © picture alliance / Bernd Thissen