Seit Wochen kommt die CSU nicht aus dem Umfragetief. Erhebungen bescheinigen ihr 33 bis 36 Prozent der Stimmen. Andere Parteien wie die Grünen profitieren davon. Doch wie wahrscheinlich ist es, dass die CSU wirklich die absolute Mehrheit verliert und wie sehr beeinflussen Umfragen die Wähler?

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Herr Brettschneider, wie hat sich die Wahlberichterstattung in den letzten Jahren geändert?

Frank Brettschneider: Es gibt eine Zunahme bei den Wahlumfragen. Das liegt daran, dass sie zum einen schneller und günstiger durchgeführt werden können. Deshalb gibt es häufiger Stimmungsbilder darüber, was die Menschen über Kandidaten und Themen denken. Auch die Sonntagsfrage steht öfter im Mittelpunkt.

Wie wird heute über Umfragen berichtet?

Heute werden Umfrageergebnisse sehr häufig in Artikeln als Zusatzinformationen präsentiert. Doch zur Beurteilung der Güte fehlen viele Kriterien etwa über Methoden oder statistische Fehler. Diese Art der Berichterstattung, der Verweis am Rande, hat massiv zugenommen. Es gibt aber auch Artikel, bei denen die Umfragen selbst im Mittelpunkt stehen und die alle Kriterien mitliefern. Diese Berichte sind sehr wertvoll. An ihrer Zahl hat sich im Vergleich zu früher allerdings nicht viel geändert.

Wie können Umfragen Wähler hinsichtlich Wahlbeteiligung und Stimmabgabe beeinflussen?

Etliche Untersuchungen – insbesondere aus den USA – zeigen, dass Umfragen die Wahlbeteiligung erhöhen können, wenn deutlich wird, dass der Wahlausgang sehr knapp sein wird. Warum? Weil vermittelt wird, dass jede Stimme zählt. Die eigene Stimme erhält dann ein höheres Gewicht und das motiviert zum Urnengang. Davon profitieren in der Regel alle Parteien.

Außerdem gibt es noch den sogenannten Fallbeil-Effekt. Droht eine Partei an der Fünf-Prozent-Hürde zu scheitern, befürchten deren Anhänger, ihre Stimme zu verschenken – da sie vermuten, dass die Partei es nicht in den Bundes- oder Landtag schafft. Sie wählen dann lieber die zweitbeste Partei. Das ist häufig eine Gefahr für die FDP oder für die Links-Partei. Deswegen sollten Umfrageinstitute und Journalisten mit Aussagen die Fünf-Prozent-Hürde betreffend sehr vorsichtig sein.

Wie sind Umfragen zu bewerten? Gerade im letzten Jahr gab es viel Kritik …

... die Kritik kommt meistens von denen, die in den Umfragen hinten liegen. Von einer Pauschalkritik halte ich nichts. Umfragen sind per se nicht gut oder schlecht. Es hängt davon ab, ob sie gut gemacht sind. Und das wiederum hängt von den durchführenden Instituten ab. Sind sie seriös, dann werden sie entsprechende Qualitätskriterien berücksichtigen. Also: Wurde eine ausreichend große Zahl an Menschen befragt? Entspricht die Zusammensetzung der Befragten hinsichtlich Alter, Geschlecht und Bildung tatsächlich der Realität? Große Institute wie Emnid oder Infratest dimap sind diesbezüglich sehr gut.

Worin liegen die Schwierigkeiten bei Umfragen?

Es wird immer schwerer abzuschätzen, wie sich das Stimmungsbild von Umfragen am Wahltag in Wählerstimmen abbildet. Als noch viele Wähler Stammwähler waren, ging das recht einfach. Doch es hat sich viel bewegt. Es gibt immer mehr Wechselwähler. Und es gibt Menschen, die früher nicht gewählt haben und jetzt wählen gehen – häufig die AfD. Da kann man mit der Frage „Wen haben Sie denn früher gewählt?“ nicht viel anfangen.

Außerdem gibt es noch die sogenannte soziale Erwünschtheit. Das betrifft die Wähler extremer Parteien, die in den Umfragen oft verschweigen, wen sie wirklich wählen wollen. Und gerade bei der AfD fehlen diese Erfahrungswerte noch. Deshalb gibt es eine Fehlerspanne. Bei den Bundestagswahlen war sie allerdings nicht so groß.

Die CSU dümpelt seit Wochen in den Umfragen bei 33 bis 35 Prozent, verweist aber darauf, dass Umfragen nur Umfragen seien und der Wahltag zählt. Partei-Chef Horst Seehofer zeigte sich sogar äußerst optimistisch und hält eine absolute Mehrheit noch für möglich. Wie bewerten Sie die aktuellen Ergebnisse? Kann die CSU das Ruder noch herumreißen?

Die CSU sollte nicht darauf hoffen, dass sie auf über 40 Prozent kommt. Die Ergebnisse sind sehr deutlich. Die Werte der meisten Institute liegen in den letzten beiden Wochen dicht beieinander. Bis zum Wahltag kann sich zwar immer noch etwas ändern, aber sehr wahrscheinlich ist das nicht.

Es gibt allerdings noch viele unentschlossene Wähler …

… die verteilen sich relativ ähnlich auf alle Parteien. Aber es stimmt, bei den Unentschlossenen haben wir häufig eine Orientierung an den Themen, die in den letzten zwei, drei Tagen vor der Wahl dominieren. Gäbe es einen Terroranschlag oder eine Reaktor-Katastrophe, könnte das bei diesen Wählern noch etwas bewegen. Das müssten wirklich herausragende Ereignisse sein, welche die Medien dominieren und somit die gesamte Wahrnehmung prägen.

Die Grünen liegen in den Umfragen momentan bei 18 Prozent. Das erinnert an ähnliche Umfrageergebnisse früherer Jahre. Diese Höhenflüge hatten sich dann in den Wahlen nicht widergespiegelt. Droht den Grünen in Bayern der Fluch der Wahlurne?

Ich denke nicht. Die angesprochenen Höhenflüge der Grünen waren zwischen den Wahlen. In den Umfragen direkt vor den Wahlen waren die Grünen damals nicht bei 20 Prozent. Da gab es eine ziemliche Annäherung an die Umfrageergebnisse. Bei der letzten Bundestagswahl sogar in die andere Richtung. Da waren die Werte schlechter als am Wahltag.

Wieso profitieren die Grünen gerade jetzt?

Sie profitieren sehr stark von der Themensetzung der CSU und von dem Gezänk, das die CSU-Führung anzettelt. Es gibt Wähler, die eher auf Seehofer-Linie sind, was die Flüchtlingspolitik betrifft. Die wandern dann schon mal zur AfD. Und wir haben Wähler, denen die CSU nicht mehr liberal genug ist. Die entscheiden sich vermutlich zum ersten Mal für die Grünen. Das hatten wir in Baden-Württemberg auch. Die bayerischen Grünen sind nicht besonders links. Sie sind weitgehend bürgerliche Repräsentanten.

Zur Person: Frank Brettschneider ist Professor für Kommunikationstheorie an der Universität Stuttgart-Hohenheim. Brettschneider hat unter anderem die Studie "Wahlumfragen in den Massenmedien. Die Bundestagswahl 2017 im langfristigen Vergleich" geleitet.