Mit Andrea Nahles könnte erstmals eine Frau den Vorsitz der SPD übernehmen - zunächst zumindest kommissarisch. Doch gegen ein solches Verfahren gibt es massive Bedenken. Und plötzlich auch eine Gegenkandidatin. Die punktet vor allem mit Bürgernähe.

In der SPD formiert sich massiver Widerstand gegen eine vorzeitige Übergabe des Parteivorsitzes an Andrea Nahles.

Die SPD in Schleswig-Holstein wandte sich gegen Überlegungen der Parteispitze, dass die SPD-Fraktionsvorsitzende den Parteivorsitz kommissarisch von Parteichef Martin Schulz übernimmt, bevor ein Parteitag über die Neubesetzung entscheidet.

Auch die Berliner SPD ist strikt dagegen. Der Landesverband stelle sich zwar hinter eine mögliche Kandidatur von Nahles, betonte eine Sprecherin des Landesverbandes, aber er plädiere dafür, dass zunächst einer der sechs stellvertretenden SPD-Vorsitzenden die Aufgaben des scheidenden Parteichefs Martin Schulz kommissarisch übernimmt.

Das fordert auch die SPD Sachsen Anhalt. "Es gibt sechs Stellvertreter, die genau dafür da sind", sagte Landesverband-Sprecher Martin Krems-Möbbeck.

Krems-Möbbeck verwies zudem auf rechtliche Probleme. Die Satzung sehe vor, dass beim Rückzug eines Vorsitzenden zunächst einer der Stellvertreter kommissarisch übernimmt.

Gerade angesichts mehrerer Bewerber für den SPD-Vorsitz, sei es geboten, sich an dieses Verfahren zu halten.

Simone Lange bewirbt sich ebenfalls

Simone Lange (SPD), Oberbürgermeisterin von Flensburg.

Und es gibt mehrere Bewerber. Denn neben Nahles will auch die Flensburger Oberbürgermeisterin Simone Lange Parteivorsitzende werden.

"Ich werbe für eine Basiskandidatur und möchte den Mitgliedern wieder eine Stimme geben und sie an diesem Entscheidungsprozess ernsthaft beteiligen", begründete die 41-Jährige ihren Schritt in einem Schreiben an den Bundesvorstand, das der Deutschen Presse-Agentur vorliegt.

Sie wolle den Mitgliedern wieder das Gefühl geben, "dass sie es sind, die die Stimmung und die Richtung der Partei bestimmen".

Zuletzt wurden die Stimmen innerhalb der SPD immer lauter, die eine Urwahl des Parteivorsitzenden gefordert haben.

Dass Lange in so einem Fall eine Chance gegen Nahles hätte, mag ebenso unwahrscheinlich erscheinen, wie eine Wahl durch einen Parteitag.

Doch Lange will die Basis stärken. Und einer ihrer größten Trümpfe ist zumindest in Flensburg ihre Bürgernähe.

Das ist Simone Lange

Jahrelang hat die in Rudolfstadt in Thüringen geborene Lange als Kriminalbeamtin in Flensburg Verbrechen aufgeklärt. 2012 ist sie dann für die SPD in den Kieler Landtag eingezogen.

Dort kümmerte sie sich zunächst vor allem um Polizei-Politik, war stellvertretende Vorsitzende des Innen- und Rechtsausschusses.

Abgeordneten-Kollegen schätzen neben ihrer fachlichen Kompetenz vor allem auch ihre Offenheit und Freundlichkeit.

Seit einem Jahr amtiert die gebürtige Thüringerin als Oberbürgermeisterin von Flensburg.

Mit ihrer Bürgernähe wurde die verheiratete Mutter von zwei Kindern schnell zu einer beliebten Verwaltungschefin.

Mit der überraschenden Kandidatur für den Bundesvorsitz ihrer Partei schrieb sie sich nun quasi über Nacht bundesweit in die Schlagzeilen - und könnte Nahles' Durchmarsch an die SPD-Spitze zumindest verzögern. (cai/dpa)

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