• In Umfragen zur Bundestagswahl liegen die Grünen auf dem dritten Platz. Annalena Baerbock hat kaum noch Chancen, Bundeskanzlerin zu werden.
  • Bei ihrem Wahlkampfauftritten lässt sich die Kandidatin der Grünen davon aber wenig anmerken.
  • Öffentlich hält sie am Kanzleramt fest, macht jedoch auch deutlich: Sie würde nicht alleine regieren.
Eine Analyse
von Fabian Busch

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Die Grünen haben reichlich Platz geschaffen für ihre Kanzlerkandidatin: In München ist ein fünfspuriger Abschnitt der Ludwigstraße gesperrt. Wo sonst der Verkehr an der Universität vorbeibraust, sind am vergangenen Donnerstag ein Bühnenpavillon und Absperrgitter aufgebaut, umringt von Hunderten Menschen.

Viele von ihnen recken die Köpfe und bringen die Handykameras in Stellung, als gekonnt inszeniert der große grüne Doppeldecker-Bus anrollt. Mit ihm tourt Annalena Baerbock gerade durch die Republik.

Vor knapp fünf Monaten ist Baerbock als erste Kanzlerkandidatin ihrer Partei ins Rennen um das Spitzenamt eingestiegen. Ihre Ernennung brachte die Grünen nach ganz oben in den Umfragen: 27 Prozent der Deutschen hatten damals vor, ihr Kreuz bei der Öko-Partei zu machen. Eine grüne Kanzlerschaft erschien greifbar.

Stetiger Sinkflug in den Umfragen

Und heute? Seit Baerbocks Ernennung ist es in den Umfragen fast stetig bergab gegangen, auch weil sie selbst Fehler machte: Zu ihrem Buch wurden Plagiatsvorwürfe laut. Baerbock hatte vergessen, Nebeneinkünfte beim Bundestag korrekt anzugeben und ihren Lebenslauf etwas zu blumig formuliert. Selbst als die Hochwasserkatastrophe in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen im Juli den Klimaschutz wieder prominent auf die politische Agenda spülte, konnten die Grünen davon kaum profitieren.

Grüne Kanzlerin Baerbock wohl nur noch ein Traum

Inzwischen schwankt die Partei in Umfragen zwischen 15 und 19 Prozent. Die politische Konkurrenz von Union und SPD liegt je nach Institut drei bis acht Prozentpunkte davor.

Eine Kanzlerin Baerbock klingt da eher wie ein grüner Traum. Bei der Regierungsbildung wird zwar kaum ein Weg an der Partei vorbeiführen, aber die Grünen spielen am 26. September eher auf Platz als auf Sieg.

Ist es Realitätsverweigerung oder zeugt es von Durchhaltevermögen? Öffentlich lässt sich Baerbock jedenfalls nicht anmerken, dass ihr der Sinkflug in den Umfragen zusetzt. Bei ihren Wahlkampfauftritten hat sie das Ziel Kanzleramt nicht aufgegeben. "Drei Parteien stehen ganz, ganz eng beieinander", sagt sie in München.

Fehlende Regierungserfahrung für Baerbock kein Mangel

Die Bundestagswahl ist für Baerbock eine Schicksalswahl: die letzte Gelegenheit, um die Weichen für konsequenten Klimaschutz zu stellen. "Die Weichenstellung wird nur gelingen, wenn die Bundesregierung grün angeführt wird. Dafür braucht’s – so ehrlich muss man sein – noch ein paar Stimmen."

Dass sie selbst noch nie ein Ministerium geführt hat, will sie nicht als Mangel gelten lassen: "Ja, andere haben mehr Regierungserfahrung", ruft sie der Menge zu. "Aber wo hat uns diese Regierungserfahrung in den letzten 16 Jahren denn hingebracht?"

Für jedes politische Problem nennt Baerbock ein passendes Gesetzesprojekt. Die Wochenzeitung "Die Zeit" hat deshalb kritisiert, sie verstehe Politik nur als Umsetzungsgeschäft und habe die große Erzählung aus dem Blick verloren. Eine Zuschauerin in München sagt dagegen, dass ihr gerade das gut gefällt: "Ich finde sie sehr konkret."

Baerbock will weiter eine grün geführte Bundesregierung

Trotzdem: Nur noch 16 Prozent der Deutschen würden Baerbock inzwischen zur Kanzlerin wählen. Das hat das aktuelle ZDF-Politbarometer ergeben. Die Grüne hat das Glück, dass ihre Partei zumindest öffentlich weiter hinter ihr steht – im Gegensatz zur Union, die angesichts des Umfragetiefs von Armin Laschet deutlich nervöser wirkt.

Doch Baerbock merkt offenbar auch, dass sie die Wählerinnen und Wähler nicht im Alleingang überzeugen kann. Sie spricht in ihrer Rede selten von "ich", häufiger von "wir", sie erwähnt ihren Co-Vorsitzenden Robert Habeck. Sie spricht nicht von sich als Kanzlerin, sondern von einer "grün angeführten Bundesregierung".

Und sie spart nicht mehr mit deutlicher Kritik an der Konkurrenz: Der Großen Koalition wirft sie angesichts der Lage in Afghanistan Verantwortungslosigkeit vor. Die Klimapolitik der anderen Kanzlerkandidaten bezeichnet sie als "unredlich".

Nichts dem Zufall überlassen

"Townhall-Meetings" nennen die Grünen die Wahlkampfauftritte ihrer Spitzenfrau. Das klingt nach ungezwungenem Dialog, allerdings wird in München wie auch in anderen Städten kaum etwas dem Zufall überlassen. Für Spontanes ist in dieser Inszenierung kein Platz.

Zu Beginn haben Helferinnen und Helfer leuchtend grüne Klemmbretter ausgeteilt, auf denen Zuschauerinnen und Zuschauer ihre Fragen an Baerbock notieren können. Viele von ihnen greifen zu und schreiben drauf los: Fragen zu Baerbocks Verständnis einer aktiven Außenpolitik oder zum Umgang mit der Katholischen Kirche.

Zur Sprache kommen dann auf der Bühne aber nur drei Fragen, die zuvor nach unklaren Kriterien ausgewählt wurden. Es geht um Gleichstellung und die Haltung zu China – Baerbock kann dadurch Themen ansprechen, die in ihrer Rede keinen Platz gefunden hatten. Über störende Pfiffe und Rufe von Personen aus der Querdenker-Szene, die sich am Rande des Publikums postiert haben, redet sie einfach hinweg.

Wahlkampf in der "Todeszone"

Wer Kanzler werden wolle, der begebe sich in die "Todeszone der Politik", hat der frühere grüne Außenminister Joschka Fischer einmal gewarnt. Baerbock hat sich offenbar entschieden, diese Prüfung trotz der mauen Umfragen durchzuziehen. Wie Armin Laschet und Olaf Scholz leistet sie ein kräftezehrendes Programm ab. Mehrere Auftritte pro Tag, dazwischen Interviews und Podcast-Aufnahmen im grünen Tourbus.

Bei den "Townhall-Meetings" lassen sich schöne Bilder für die sozialen Medien produzieren. Ob die Kanzlerkandidatin damit die nötigen Massen erreicht, bleibt abzuwarten: Wer zu einem Wahlkampfauftritt kommt, ist vom Kandidaten oder der Kandidatin meist ohnehin schon überzeugt. Ja, man könne sich eine Kanzlerin Baerbock sehr gut vorstellen, sagen drei junge Leute nach dem Auftritt. Einer von ihnen blickt aber etwas skeptisch: "Ich weiß nicht, ob man mit diesen Wahlkampfauftritten wirklich viel erreicht."

Eine ältere Dame erzählt, dass sie eher durch Zufall vorbeigekommen sei. Bis jetzt hat sie zwischen SPD und Grünen geschwankt. "Aber eigentlich hat Baerbock mich überzeugt. Ich denke, jetzt weiß ich, wo ich meinen Haken mache", sagt sie – mit einem letzten Zweifel in der Stimme.

Verwendete Quellen:

  • ZDF.de: Politbarometer
  • Zeit.de: Annalena Baerbock - Nichts zu erzählen
  • Dresdner Neueste Nachrichten: Die Grünen brauchen einen Kanzlerkandidaten – und kommen damit in die „Todeszone“ der Politik