Es wird viel komplizierter als 2013, die SPD hadert mit einer großen Koalition, will sich eigentlich in der Opposition erneuern. Der Führung wird unterstellt, sie träume schon von Ministersesseln. Und ein GroKo-Verfechter wird böse abgestraft. Das hat einige Folgen.

Die Klebezettel-Wand mit den Argumenten gegen eine große Koalition wird immer voller, bis hin zu nicht ganz so tief gehenden Gründen wie: "Mit den Arschlöchern koalieren wir nicht", hat jemand am Stand der Jungsozialisten hinterlassen.

Die Jusos sind bei weitem nicht die einzigen, die nun so richtig mobil machen gegen diese in Teilen der SPD verhasste Koalitionsvariante mit der Union.

Irgendwie steht diese Mission für SPD-Chef Martin Schulz bisher unter keinem guten Stern - einige in der Partei halten ihn für überfordert mit der Situation. Wer diesen verunsicherten Bundesparteitag in Berlin erlebt, der ahnt, nach Jamaika könnte auch der Anlauf für eine erneute große Koalition scheitern.

Mit unabsehbaren Konsequenzen für den mit mäßigen 81,9 Prozent wiedergewählten Schulz, den angeschlagenen CSU-Chef Horst Seehofer und die zunehmend im eigenen Lager unter Druck geratene CDU-Chefin Angela Merkel.

Die drei größten Verlierer bei der Bundestagswahl, was die Stimmenzahl ihrer Parteien anbelangt, wollen nun versuchen, ein Bündnis zu schmieden - oder die Möglichkeit einer von Minderheitsregierung ausloten, was Merkel, die dann ständig mit der SPD oder anderen Parteien im Bundestag über Mehrheiten für jedes Projekt verhandeln muss, aber nicht will.

Kaum Grundlage für eine GroKo

Ein SPD-Politiker, seit 15 Jahren im Deutschen Bundestag und mit feinem Gespür für die Parteistimmung ausgestattet, sagt, die Option große Koalition werde scheitern.

Nach einem ersten Gespräch der Spitzen von Union und SPD am kommenden Mittwoch und weiteren Treffen würde im Januar ein SPD-Sonderparteitag (Kosten: rund eine Million Euro) über die Aufnahme von Koalitionsverhandlungen entscheiden: "Da wird es keine Mehrheit geben", prophezeit er.

Es gibt bisher außer dem Ziel einer Krankenversicherung für alle, in die auch Beamte und wohlhabende Bürger einzahlen, kaum klare rote Leuchtturmprojekte.

Basis für die SPD sind die Angebote, die die Union schon FDP und Grünen bei den Jamaika-Verhandlungen angeboten hat. Aber entgegen der Wünsche an der Basis und anders als 2013, als rote Linien wie 8,50 Euro Mindestlohn und die doppelte Staatsbürgerschaft für hier aufgewachsene Migranten genannt und dann auch durchgesetzt wurden, ist heute völlig unklar, womit die Partei bewegt werden soll, doch noch einmal Ja zu der Koalition mit CDU/CSU zu sagen.

Fraktionschefin Andrea Nahles sagt: "Man geht nicht in Verhandlungen mit einem riesen Rucksack von roten Linien." Ein Riss geht durch die Partei.

Das Misstrauen ist groß

Der Widerstand wird angeführt von Juso-Chef Kevin Kühnert, der sagt: "Ich will, dass noch was übrig bleibt von dem Laden hier." Denn nach der letzten GroKo landete die SPD mit Schulz als Kanzlerkandidat bei katastrophalen 20,5 Prozent; die AfD sitzt der ältesten demokratischen Partei im Nacken.

In Sachsen-Anhalt zum Beispiel lag die SPD bei der Landtagswahl bei 10,6 Prozent, die AfD bei 24,3 Prozent. In der SPD fürchten manche schon einen Untergang wie bei den französischen Parteigenossen, die bei der letzten Wahl bei 7,4 Prozent landeten.

Und schon 2013 scheiterte eine vom damaligen Parteichef Sigmar Gabriel versprochene gründliche Aufarbeitung der schlechten Wahlergebnisse an dem Gang in die GroKo - da war für so etwas keine richtige Zeit, eine umfassende Parteireform blieb aus.

Der Parteilinke Ralf Stegner meint mit Blick auf die große Koalition: "Ich find' die so attraktiv wie Fußpilz." Nun hat man sich zu ergebnisoffenen Gesprächen durchgerungen - doch die Argumente ähneln denen von 2013: Staatspolitische Verantwortung, sozialdemokratische Politik durchsetzen.

Die Basis unterstellt den führenden Genossen, klammheimlich schon an die Ministersessel zu denken, das Misstrauen ist groß.

Ein gestärkter Parteichef für eine nervöse Partei

Ein Befürworter der großen Koalition und Schulz-Kritiker, Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz, wird bei der Wahl der stellvertretenden Vorsitzenden mit 59,2 Prozent böse abgestraft. Damit dürften sich die Spekulationen erledigt haben, dass Scholz mal Schulz als Parteichef ablösen könnte.

Schulz selbst sieht sich gestärkt nach dem Parteitag, aber das kann sich auch wieder schnell ändern, die Lage ist hochfragil, die SPD nervös.

Er muss nun mit Nahles möglichst viel herausholen bei den Gesprächen mit Merkel und Seehofer - sonst drohen Neuwahlen, womöglich noch einmal mit Schulz als Kanzlerkandidat, wovon seine Unterstützer fest ausgehen?

Das Misstrauen gegen ihn hängt auch damit zusammen, dass er nach der Wahl und dann noch einmal nach dem Jamaika-Aus klipp und klar den Gang in eine große Koalition und ein Ministeramt für sich ausgeschlossen hat.

#SPDerneuern" prangt groß über der Parteitagsbühne in der Berliner Messe, dazu der Slogan. "Das ist unser Weg: Modern und gerecht." Doch was genau ist dieser Weg, was ist die Idee in einer zunehmend digitalisierten Welt, wo Millionen Arbeitsplätze nach und nach durch Roboter ersetzt werden könnten?

Ein Hoffnungsträger ist der neue Generalsekretär Lars Klingbeil, der den direkten Kontakt per Twitter und WhatsApp mit der Basis sucht und die Parteistrukturen moderner gestalten will, um wieder mehr junge Leute für die Partei zu begeistern - gerade im Osten und Süden wächst die SPD-Diaspora.

Was will Schulz?

Die Linie von Schulz ist es, die Partei auch mit dem Europa-Argument zu locken. Von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron bis zu Griechenlands Premier Alexis Tsipras werde aus halb Europa ein Eintritt der Sozialdemokraten in die Regierung gefordert, um angesichts des Aufstiegs rechtspopulistischer Bewegungen mehr Europa zu wagen.

Aber ist mit dem Ziel der Schaffung der Vereinigten Staaten von Europa bis 2025 der Stahlarbeiter in Duisburg zu begeistern?

Was will Schulz? Führt er wirklich ergebnisoffene Gespräche ohne Automatismus Richtung GroKo? Ihn wurmt der Vorwurf seines Vorgängers Sigmar Gabriel, er führe nicht, sondern sammle die Partei nur lose ein.

Nichts ist klar, eine Regierung bei erfolgreichem Verlauf der Gespräche und den anschließenden Parteibefragungen wird nicht vor März erwartet. Einmalig in der Geschichte der Bundesrepublik.

Eines ist zumindest klar: Die Balkonbilder von der Parlamentarischen Gesellschaft während der Jamaikaverhandlungen von Union, Grünen und FDP soll es nicht geben. Die gelten als schlechtes Omen.

Daher trifft man sich lieber an einem anderen Ort in Berlin. Mittwoch geht es los, Teil zwei der Mission "Deutschland sucht eine Regierung" startet.© dpa

Jamaika war gestern, morgen könnte wieder GroKo sein. Nach dem Parteitag der SPD treffen sich die Spitzen von Sozialdemokraten und Union schon am Mittwoch zu ersten Sondierungen. Beim Parteitag hatte sich die SPD mühsam zu dem Schritt durchgerungen.