Das kann heiter werden: Eine SPD, die die Koalition eigentlich nicht will, und Spitzen aus der Union. Kanzlerin Merkel muss den "Roten" viel bieten, um sie ins Koalitionsboot zu holen - deren Parteichef Schulz hat scheinbar nur die Wahl zwischen Pest und Cholera.

Der Auftritt am Ende darf nicht fehlen, mit weißen Hemden und roten Halstüchern stehen die "Vorwärts-Liederfreunde" auf der Parteitagsbühne. Sie intonieren "Wann wir schreiten Seit' an Seit’", in dem SPD-Klassiker heißt es: "Mit uns zieht die neue Zeit."

In die Gespräche geht es nicht harmonisch

Nur was ist anno 2017 diese neue Zeit? Kanzlerin Angela Merkel (CDU) dürfte nach diesem Parteitag des Vielleicht-Wieder-Koalitionspartners eine Ahnung bekommen haben, wie schwer diese Operation werden dürfte.

Zumal SPD-Chef Martin Schulz im Schlusswort spürbar dünnhäutig auf Kommentare von CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt reagiert, die SPD komme jetzt endlich aus ihrer Schmollecke, wenn sie nach dem Beschluss des Parteitags ab kommenden Mittwoch "ergebnisoffen" mit der Union über eine Regierungsbildung sprechen werde.

"Wir sitzen nicht in einer Schmollecke, aber Ihr habt den Karren an die Wand gefahren", koffert Schulz zurück. Dobrindt war ja schon bei den von der FDP abgebrochenen Jamaika-Verhandlungen mit manch bissigem Kommentar aufgefallen. So richtig harmonisch geht es nicht in diese Gespräche.

Und die SPD schreitet zwar offiziell Seit' an Seit' - aber Schulz steht massiv unter Druck. Scheitert er bei der Mission GroKo und es kommt auch nicht zu der von vielen in der SPD favorisierten, aber von Merkel nicht gewollten Minderheitsregierung, dann drohen Neuwahlen.

Und im Hintergrund lauern schon einige, um Schulz trotz seiner Wiederwahl mit 81,9 Prozent dann doch noch zu stürzen. Dann liefe es womöglich trotz eines Denkzettels bei der Wiederwahl zum SPD-Vize (59,2 Prozent) auf Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz zu, er gilt auch als aussichtsreicher Kandidat, wenn ein neuer Kanzlerkandidat gebraucht würde.

Bei aller Demonstration von Geschlossenheit, es knirscht im SPD-Gebälk, einige halten Schulz für eine Fehlbesetzung.

Deutschland sucht verzweifelt eine Regierung

Zumal er einen dezidiert linken Kurs eingeschlagen hat und zum Beispiel kaum Zuspruch bei der Wirtschaft findet. Er muss Neuwahlen wegen der Gemengelage fürchten, auch weil die AfD dann nahe an die SPD heranrücken könnte. Er kämpft.

Aber das Misstrauen nach seinem zweifachen kategorischen Basta-Ausschluss einer großen Koalition und anschließender 180-Grad-Wende ist spürbar.

Die Jusos konnte er nicht einfangen, sie bleiben bei ihrem Nein zur GroKo, weil sie fürchten, dass die SPD danach noch mehr geschreddert ist - und dann die AfD die größte Oppositionspartei im Bundestag wäre und sich stark profilieren könnte. Denn in der Regel stärkt eine GroKo die radikalen Ränder.

"Eine Woche Hammerschlag, eine Woche Häuserquadern, zittern noch in unsern Adern - aber keiner wagt zu hadern. Herrlich lacht der Sonnentag", singt Schulz bei Seit' an Seit' oben auf der Bühne.

Hammerschläge und Zittern in den Adern haben Schulz, Scholz und die anderen führenden Genossen zuhauf in den vergangenen Wochen und Tagen erfahren können. Und Berlin ist dieser Tage eher dunkel und grau, statt von lachender Sonne gesegnet. Das passt zu diesem Szenario.

Deutschland sucht verzweifelt eine Regierung. Der Stabilitätsanker in Europa ist in eine seltsame Lage geschlittert. Eine Koalition der nach Stimmverlusten größten Wahlverlierer Union (-8,6 Prozentpunkte) und SPD (-5,2) scheint die letzte Option, der Einigungsdruck ist hoch.

Streitthema Nummer 1: Flüchtlinge

Auch Merkels und Seehofers Position ist schwächer als vor der Wahl. "CDU, CSU und SPD wirken in der politischen Landschaft wie drei Krater, in denen es in unterschiedlicher Intensität brodelt und zischt", meint die "Süddeutsche Zeitung".

Die Operation Groko gleicht einer Wundertüte. Schulz braucht ein paar Trophäen, etwa Zusagen zu einer Stärkung Europas, Milliarden für die Pflege und den sozialen Wohnungsbau, eine Sicherung der Renten, ein Rückkehrrecht in Vollzeit gerade für Frauen, wenn sie eine Zeit lang Teilzeit gearbeitet haben.

Richtig dicke Brocken werden die Themen des SPD-Herzprojekts einer Krankenversicherung für alle, die das Nebeneinander von gesetzlicher und privater Versicherung beenden soll - durch das Einzahlen aller in eine Bürgerversicherung sollen bestimmte Gruppen entlastet werden.

Und dann ist da noch die Wiedervorlage des Jamaika-Streitthemas Nummer 1: Flüchtlinge. Die SPD hat die Grünen-Forderung übernommen, wonach der bis März ausgesetzte Familiennachzug bei Flüchtlingen wieder möglich sein soll. Eine rote Linie gerade für die CSU.

Es ist ausgerechnet Schulz Vorgänger Sigmar Gabriel, der bei diesem Thema das einzige Mal beim Parteitag das Wort ergreift. Und der in der Partei nicht beliebte Außenminister, der aber laut ARD-Umfrage zum beliebtesten Politiker Deutschlands aufgestiegen ist, fordert mehr Realitätssinn.

"Auch die deutsche Sozialdemokratie muss sich ehrlich machen über die Probleme und darf sich nicht spalten", sagt Gabriel. Er verweist darauf, dass die Kommunalpolitiker der SPD den Flüchtlingszuzug viel skeptischer betrachten als die Bundespolitik.

Hürde könnte zu hoch sein

Ab Mittwoch treffen sich Schulz, SPD-Fraktionschefin Andrea Nahles, Merkel, CSU-Chef Horst Seehofer, Dobrindt und Unions-Fraktionschef Volker Kauder - erst einmal nur, um einen Plan für die Gespräche auszuloten.

Zwischen Weihnachten und der ersten Januarwoche wird nicht viel passieren, dann kommt eine Hürde, die nach diesem äußerst GroKo-kritischen Parteitag schon zu hoch sein kann: ein SPD-Sonderparteitag müsste über die Aufnahme konkreter Koalitionsverhandlungen entscheiden.

Es gehört zum Kuriosum dieser Tage, dass die SPD-Aufbauten in der Berliner Messehalle "City Cube" wahrscheinlich erstmal stehen bleiben - in der Zwischenzeit gibt es wohl keine Veranstaltungen.

Mitte Januar könnten sich die Delegierten dann hier wieder einfinden. Und müssten entscheiden, in welche Richtung sie mit der neuen Zeit gehen wollen.© dpa

Es wird viel komplizierter als 2013, die SPD hadert mit einer großen Koalition, will sich eigentlich in der Opposition erneuern. Der Führung wird unterstellt, sie träume schon von Ministersesseln. Und ein GroKo-Verfechter wird böse abgestraft. Das hat einige Folgen.