FDP-Chef Lindner soll seine Partei zurück in den Bundestag führen. Seine Rezepte: Kritik an Merkels Flüchtlingspolitik, Unternehmerfreundlichkeit – und seine eigene Geschichte, zu der auch Misserfolge gehören.

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Wer sich mit Christian Lindner anlegen will, kann schnell den Kürzeren ziehen. Das musste ein SPD-Abgeordneter erfahren, als der FDP-Chef 2015 im Landtag von Nordrhein-Westfalen über Existenzgründung redete.

Der Sozialdemokrat machte sich darüber lustig, dass Lindners eigenes Start-Up-Unternehmen nicht lange bestand hatte. Für Lindner war das ein gefundenes Fressen.

Sichtlich erregt holte er zum Gegenschlag aus: "Welchen Eindruck macht so ein dümmlicher Zwischenruf wie Ihrer auf irgendeinen gründungswilligen jungen Menschen?", fragte er.

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Mehr als zwei Minuten lang redete er sich in Rage, dann rieb er sich die Hände und sagte: "So, das hat Spaß gemacht." Das Video wurde ein Hit auf Youtube.

Vom gescheiterten Unternehmensgründer zum FDP-Vorsitzenden: Das Scheitern und anschließende Aufstehen sind so etwas wie der Markenkern von Christian Lindner.

Im September soll er das auch bei der Bundestagswahl vollbringen. Nach dem schmachvollen Ausscheiden aus dem Bundestag 2013 will der FDP-Vorsitzende – derzeit Fraktionschef in Nordrhein-Westfalen – seine Partei wieder über die Fünf-Prozent-Hürde hieven.

Der Auftakt zu dieser Mission findet an diesem Wochenende statt, wenn die FDP ihren Bundesparteitag abhält. Lindner kann dort auf ein Rekordergebnis hoffen, nachdem er vor zwei Jahren bei 92,4 Prozent landete.

"Lichtgestalt" einer gebeutelten Partei

Lindner ist in Wermelskirchen bei Köln aufgewachsen. Mit 19 wurde er in den Landesvorstand der FDP gewählt. In den Jahren nach dem Abi müssen seine Tage mehr als 24 Stunden gehabt haben: Parallel zum Studium in Bonn saß er im Landtag und gründete mit Freunden sein Start-Up, das 2003 wieder aufgelöst wurde.

Hinter Angela Merkel liegt eine bewegte Karriere - vor ihr gewaltige Aufgaben.

Noch vor seinem Uni-Abschluss wurde er 2004 Generalsekretär der Landes-FDP, 2009 gelang ihm dann der Sprung in den Bundestag. Im gleichen Jahr übernahm er mit gerade mal 30 Jahren das Amt des Generalsekretärs auf Bundesebene.

Die Beteiligung an der schwarz-gelben Regierung zwischen 2009 und 2013 wurde für die Liberalen allerdings zum Debakel – dem Aufsteiger Lindner gelang noch früh genug der rettende Absprung: Als die FDP ins Popularitätsloch fiel, eine Landtagswahl nach der anderen verlor, gab er das Amt des Generalsekretärs auf.

2012 trat er als Spitzenkandidat bei den Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen an. Die 8,6 Prozent, die er für die FDP holte, wirkten wie ein Erdrutschsieg.

Die Wahl war der Anfang von Lindners Anlauf zum Sprung an die Parteispitze. 2013 flogen die Liberalen aus dem Bundestag, er wurde Vorsitzender der am Boden liegenden Bundespartei – mit Scheitern und Aufstehen kannte er sich ja aus.

Seitdem ist der 38-Jährige das mit Abstand prominenteste Gesicht der FDP. "Die Partei ist ganz auf ihre Lichtgestalt fokussiert", schrieb der Kölner Stadtanzeiger vor kurzem. Deswegen zieht er vor der Bundestagswahl auch noch in den Wahlkampf zur Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen am 14. Mai.

Lindner will einen "mitfühlenden Liberalismus"

Um das Image der unbeliebten Unternehmerpartei abzustreifen, rief Christian Lindner nach der Wahlschlappe 2013 den "mitfühlenden Liberalismus" aus. Er sagt, dass das FDP-Programm auch Menschen mit niedrigem Einkommen zugute komme. Im Interview mit "Spiegel Online" forderte er mehr Zuverdienstmöglichkeiten für Hartz-IV-Bezieher.

Mit diesem Programm soll die Rückkehr in den Bundestag gelingen.

Trotzdem steht Linder für eine durch und durch wirtschaftsfreundliche Politik. Er macht sich für Steuersenkungen und den Bürokratieabbau stark. Der Staat soll sich aus der Wirtschaft möglichst heraushalten.

Dabei hat auch Lindner schon von staatlicher Förderung profitiert. Wie die "FAZ" berichtete, finanzierte sich der Investor seines letztlich gescheiterten Start-Ups zu zwei Dritteln aus staatlichem Fördergeld. Auf Linders Homepage ist dagegen von einem privaten Risikokapital-Investor die Rede.

In der Flüchtlingspolitik versucht sich der FDP-Chef von der Linie der Großen Koalition abzusetzen, ohne der AfD in die fremdenfeindliche Ecke zu folgen. "Angela Merkel hat eine illiberale Politik gemacht, als sie regellos die Grenzen geöffnet und wieder geschlossen hat", sagte er zu "Spiegel Online". Populistisch fand er diese Aussage natürlich nicht. "Ich rede Klartext", so Lindner.

Lässiger Selbstdarsteller mit Autofaible

Lindner punktet vor allem rhetorisch. Der 38-Jährige kann Philosophen zitieren und gleichzeitig so unverstellt reden, dass ihn wirklich jeder versteht.

Außerdem inszeniert er sich gerne selbst. In einem Image-Video zeigte er sich vor kurzem betont lässig im weißen T-Shirt. Dass er sich vor einigen Jahren Haare in die Geheimratsecken transplantieren ließ, gab er auf Twitter unumwunden zu.

Ob und wie der FDP-Chef nach der Bundestagswahl Regierungsverantwortung übernehmen will, ist weniger deutlich. Die Liberalen setzen auf ein Bündnis mit der CDU. Falls das nicht reichen sollte, hat Lindner auch eine Zusammenarbeit mit SPD und Grünen nicht hundertprozentig ausgeschlossen.

Die dürfte aber schwierig werden, denn sein Programm und Lebensstil stehen gerade zu seinen Lieblingsgegnern, den Grünen, in scharfem Kontrast. Schon zu seinen Vorlesungen soll er früher mit seinem eigenen Porsche gefahren sein.

Sein Lieblingsthema abseits der Politik, so ist auf seiner Homepage zu lesen: "Alles was mit Benzin betankt werden kann."