Der Höhepunkt des Wahlkampfes, das TV-Duell, ist vorbei. Ein klarer Gewinner steht nicht fest, doch beide Parteien reklamieren den Sieg für sich. Wie kommentieren die Zeitungen das Kanzlerduell?

"Spiegel Online" sah ein klares 0:0: "Die Wähler haben im Bundestags-Wahlkampf mehr verdient als solche müden Veranstaltungen. Duell, Zweikampf, es waren große Worte, mit denen die TV-Debatte zwischen Angela Merkel und Peer Steinbrück angekündigt wurde. Stattdessen: gepflegte Langeweile, Herunterbeten von Parteiprogrammen. Keine Leidenschaft, nirgends. Ein Null zu Null zwischen den Kontrahenten ist das Ergebnis. Das war's. Dieses TV-Duell war kein Beispiel für lebendige Demokratie, sondern eine Enttäuschung."

Was Körpersprache und Rhetorik über das TV-Duell verraten.

Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" schreibt von einem allzu netten Schlagabtausch: "Persönliche Attacken gab es nicht. Sie waren nicht böse. Manches Mal gaben die beiden einander recht. Steinbrück hat das vorletzte Wort: Die Wähler allein entscheiden. 'Wir wollen gerechter sein.' Merkel hat das letzte Wort: 'Wir können das nur gemeinsam schaffen, erfolgreich zu sein.'"

"Der Tagesspiegel" sah zwei Sieger an einem Abend: "Sie lullt uns ein? Er überfordert? Nein, können ihre Befürworter sagen, sie hat ihre Art, die Dinge zu sehen und zu sagen, 'Mutti' hat's im Griff und passt auf uns auf. Nein, können seine Befürworter sagen, Deutschland braucht die 'Peerspitze', einen, der die Dinge beschreibt, dass es auch mal weh tut, der was tut, damit es morgen noch so aussieht, wie es heute zu sein scheint. Und das Faszinierende nach diesen mehr als 90 Minuten ist: Irgendwie haben alle recht."

Ein inhaltsleerer Wahlkampf?

"Die Welt" spekuliert über eine große Koalition - weil Steinbrück keinen Klartext redete: "Das Patt spiegelt die heimliche Wunschlage vieler Wähler - eine große Koalition. Steinbrück hat darauf nicht klar antworten wollen. Aber seine Wunschregierung Rot-Grün hat er nicht als Ideal angepriesen. Er hat sogar überhaupt nicht davon gesprochen. Er klang, bei aller bissigen Attacke, so wie der Frosch im Märchen vom Froschkönig zur Prinzessin: 'Deine Kleider, deine Perlen und Edelsteine und deine goldene Krone, die mag ich nicht; aber wenn Du mich lieb haben willst und ich soll dein Geselle und Spielkamerad sein...' Das könnte er. Das fanden die Zuschauer auch."

Die "taz" sah Steinbrück in dem gleichen Dilemma, in dem die SPD schon den ganzen Wahlkampf steckt: "Ganz zum Schluss je neunzig Sekunden der Monolog an die Wähler. In Steinbrücks Ansage offenbart sich sein ganzes Dilemma: Man habe 'Stillstand', die SPD könne 'die Sehnsucht nach Maß und Mitte' in der sozialen Marktwirtschaft stillen. Sorry, aber etwas anderes bietet diese Kanzlerin auch nicht an. Und genau das ist das Problem dieses glänzenden Rhetorikers und seiner Partei. Nur ohne die plautzige Art der Kanzlerin. 'Und jetzt wünsche ich Ihnen einen schönen Feierabend!' sagt sie ganz zuletzt. Ab ins Körbchen, liebe Wähler!"

Die "Bild" kürt die eigentlichen Gewinner des TV-Duells: "Überraschend war auch das souveräne Auftreten von Moderator Stefan Raab. Als bad boy angekündigt, mischte er das TV-Duell mit harten Nachfragen auf. Ein Gewinn! Und: Aus dem Stand heraus kreierte die Kette der Kanzlerin einen eigenen Twitter-Account mit mehr als 4.500 Followern. Ein kraftvolles Zeichen neuer sozialer Medien. Aber auch Ausdruck eines Wahlkampfs, der bisher weitgehend inhaltsleer daherkam. Aber vielleicht ändert sich das von heute an."

Nimmt der Wahlkampf jetzt Fahrt auf ...

Die "Rheinische Post" sieht das Ende des Pannen-Wahlkampfs von Peer Steinbrück: "Auf Augenhöhe mit der Kanzlerin zu sein. Endlich wahrgenommen zu werden als kompetenter Herausforderer. Das sollte das TV-Duell für den bislang durch Missgeschicke und Dünnhäutigkeit aufgefallenen SPD-Kanzlerkandidaten bringen. Und: Peer Steinbrück nutzte die Chance."

Die "Rhein-Neckar-Zeitung" hält das TV-Duell für überbewertet: "Nach dem Duell ist vor dem Duell. Und dass nach einer halben Stunde die Meldung über den Agenturticker lief, Merkel habe zum ersten Mal in diesem Wahlkampf ihren Herausforderer beim Namen genannt, das sagt sehr viel aus über das Niveau, auf dem in Deutschland in diesen Tagen über Politik diskutiert wird."

Die "Leipziger Volkszeitung" hofft darauf, dass der Wahlkampf jetzt so richtig Fahrt aufnimmt: "Heute ist die nächste große Agenda notwendig. Regieren heißt handeln und nicht abwarten. Deshalb ist die Strategie der Entpolitisierung des Wahlkampfes, die Merkel bis zur lähmenden Perfektion so perfekt beherrscht, ein Bärendienst für das Land. Seit gestern Abend, seit Steinbrücks halbwegs gelungenem Versuch der dosierten Zuspitzung, läuft der Wahlkampf vielleicht erst so richtig an. Die vier TV-Moderatoren haben dabei ihre Sache gut gemacht, und Stefan Raab war eine Bereicherung der Runde, ganz ohne Krawatte. Auf Nummer sicher gehen, mit Merkel, oder etwas riskieren, mit Steinbrück. Das ist doch eine Entscheidungslage, aus der sich einiges machen lässt."

... oder bleibt die Ausgangssituation die gleiche?

Die "Stuttgarter Nachrichten" fanden das TV-Duell nicht besonders überraschend: "Peer Steinbrück hat sich gut geschlagen. Mit präzisen Aussagen, mit einem Schuss Humor, mit staatsmännischer Härte auch. Angela Merkel ist sich treu geblieben. Mit großen europäischen Entwürfen, weit weg vom parteipolitischen Kleinklein, mit eisernem Augenzwinkern. Das TV-Duell zwischen dem SPD-Kanzlerkandidaten und der Bundeskanzlerin blieb ohne inhaltliche Überraschungen und neue persönliche Erkenntnisse. Was unter dem Strich bedeuten könnte: Der Herausforderer war stärker als von vielen vorhersagt, die Regierungschefin so souverän wie erwartet."

Für die "Südwest Presse" hat das TV-Duell nichts an der Ausgangssituation für die Wahl am 22. September geändert: "Schlafabtausch statt Schlagabtausch? Nicht ganz: Beide, Merkel und Steinbrück, zeigten zumindest viel von ihrer politischen Persönlichkeit. Präsidial, zum Teil fast gönnerhaft, präsentierte die Kanzlerin staatsmännisch die Bilanz ihrer Regierungszeit. Bissig, im Lauf der Sendung immer aufbrausender griff Steinbrück seine Gegnerin an. Am Ende aber zerschellten die Attacken am Gelassenheits-Bollwerk einer siegessicheren Kanzlerin. All das wusste man bereits vorher. Dieser Sonntagabend hat an der Ausgangssituation für den 22. September nichts verändert."

Auf Seite zwei finden Sie die internationalen Pressestimmen

Die "Neue Zürcher Zeitung" (Schweiz) findet, dass Merkel und Steinbrück viel von sich preisgegeben haben: "Beide Politiker blieben fair und sachlich und verzichteten auf persönliche oder gar herabsetzende Angriffe. Aufschlussreich war die Fragestunde dennoch, denn zur Verblüffung vieler zeigte sie eine kristallklar argumentierende, sehr durchsetzungsfähige Regierungschefin und einen Herausforderer, dem offenbar ans Herz gelegt worden war, sich nicht durch allzu heftige oder gar giftige Attacken auf Merkel die Gunst der Wähler zu verscherzen."

"Die Presse" (Österreich) sieht einen klaren Verlierer des TV-Duells: "Steinbrück verspielt seine Chance."

Keine Wende im Wahlkampf

Die "Kronen Zeitung" (Österreich) hält eine Wende im Wahlkampf durch das Kanzlerduell für ausgeschlossen: "Merkel - sehr staatstragend - und Steinbrück - sehr angriffslustig - hielten Kurs und spulten ihre Argumente ab. Eine Wende durch das Duell im bisher eher farblos verlaufenden Wahlkampf scheint so gut wie ausgeschlossen."

Auch "Le Monde" (Frankreich) sieht keinen Trendwende vor der Wahl: Das Fernsehduell zwischen Kanzlerin Angela Merkel und ihrem sozialdemokratischen Herausforderer Peer Steinbrück wird die Lage wohl nicht ändern. Aber anders als die Deutschen erwartet haben (...) war Angela Merkel ihrem Gegenspieler nicht eklatant überlegen."

BBC (Großbritannien) geht davon aus, dass Merkel ihren Popularitätsvorsprung gehalten hat: "Klar ist, dass keiner der Kandidaten einen K.o.-Schlag lieferte, der den Wahlkampf grundlegend verändern würde. Merkel ist mit überwältigender Zustimmung in die Debatte gegangen, und daran dürfte sich nicht viel geändert haben."

Wer hat denn nun gewonnen?

Die "Gazeta Wyborcza" (Polen) sieht einen minimalen Punktsieg für Steinbrück: "Die Debatte Merkel - Steinbrück endete unentschieden, aber der SPD-Kandidat ging der Kanzlerin unter die Haut."

"El Mundo" (Spanien) sieht es genau andersherum: "Merkel erringt einen hauchdünnen Sieg über Steinbrück."

"Ta Nea" (Griechenland) hat einen ganz anderen Gewinner ausgemacht: "Am Ende siegte Merkels Halsband in den deutschen Farben."

Steinbrück hat letzte Chance wohl verpasst

Den Fernsehsender bTV (Bulgarien) hat Merkel als Krisenkanzlerin überzeugt: "Die Debatte galt als Steinbrücks größte Chance, Merkels Vorsprung in den Meinungsumfragen zu verringern. (…) Angela Merkel nutzte die Gelegenheit, ihre erfolgreiche Amtszeit an der Spitze der größten Volkswirtschaft Europas zu Zeiten einer Krise in der Eurozone zu unterstreichen."

Der staatlicher Radiosender CRI (China) sieht die Wahl schon entschieden: "Auch wenn Umfragen Steinbrück bei der Debatte leicht vorne gesehen haben, ist der Einfluss der TV-Debatte auf die Wähler sehr begrenzt. Deshalb wird Merkel dank ihrer vielen Unterstützer mit großer Wahrscheinlichkeit wiedergewählt werden."

Die "New York Times" (USA) ordnet das TV-Duell als letzte Chance von Steinbrück ein: "Die Auseinandersetzung war eine Sache von größtenteils anständigen 90 Minuten, die als Herr Steinbrücks letzte Chance gegolten hatten, seinen Mut zu zeigen und seine früheren Fehler vergessen zu machen."