Sprachlich aufeinander eingedroschen haben Peer Steinbrück und Kanzlerin Angela Merkel nicht gerade. Dabei hätte das Kanzlerduell als Höhepunkt des Bundestagswahlkampfes so viel Raum dafür geboten. Zwar blieben grobe Patzer bei beiden Kontrahenten aus, doch rein rhetorisch betrachtet hätten sowohl Steinbrück als auch Merkel einiges besser machen können. Kommunikationsexperte Dr. Werner Dieball erklärt im Interview, woran es haperte.

Im gestrigen TV-Duell hat Peer Steinbrück bei den Zuschauern einen ganz knappen Sieg errungen. Wer ist Ihr rhetorischer Sieger und warum?

Werner Dieball: Rhetorisch hat Steinbrück etwas mehr Punkte setzen können als Frau Merkel. Er hat in kürzeren Sätzen geantwortet. Außerdem hat er einige sprachliche Bilder erzeugt. Mit "vielen bunten Schachteln im Schaufenster, in denen nichts drin ist", spielt Steinbrück auf Merkels Versprechen an. Das hat er sich vorher rhetorisch gut überlegt. Als er nach der angemessenen Höhe von Politikergehältern gefragt wurde, hat er Humor und Schlagfertigkeit gezeigt mit der Gegenfrage: "Sie glauben doch nicht im Ernst, dass ich darauf antworte." Das hat er rhetorisch gut gemacht.

Hat sich Frau Merkel weniger Mühe gegeben?

Das denke ich nicht. Laut der Umfragen wurde Steinbrück als deutlich angriffslustiger gesehen, dafür fanden die meisten Merkel sympathischer. Das fand ich auch. Sie hat viel mehr gelächelt und sich nicht provozieren lassen. Sie hat nach der Frage zur EU-Finanzierung von Griechenland, die die SPD ja mitgetragen hat, sehr süffisant mit der Stimme gespielt und sich zu Steinbrück hingedreht, als sie in etwa sagte: "Wenn nicht Wahlkampf wäre, wäre das hier überhaupt kein Thema, Herr Steinbrück." Das war ein klarer Punkt für Frau Merkel. Sie hat Steinbrück auch aktiv zugehört und sich ihm zugewandt. Wenn Steinbrück in der Zuhörerposition ist, entgleiten ihm dagegen schnell die Gesichtszüge, die schmalen Lippen ziehen sich stark nach unten. Dadurch wirkt er sehr ernst und angespannt.

Merkel war sympathischer, Steinbrück angriffslustiger. Trotzdem mangelte es an verbalen Attacken. Hat dieses TV-Spektakel den Namen Duell verdient?

Es war eher harmlos. Allerdings war das Duell vor vier Jahren mit Frank-Walter Steinmeier noch stärker auf Kuschelkurs. Jetzt war es zwar immer noch kein Duell – die Kontrahenten stehen sich ja auch nicht gegenüber. Aber als sie sich warm geredet haben, haben sie sich zueinander hingewandt und damit der Sache etwas mehr Duellcharakter verliehen. Steinbrück hat auch etwas gesagt wie: "Lassen Sie sich nicht von Frau Merkel einlullen." Dennoch hat Frau Merkel es durch ihre Souveränität und einige Angebote an eine große Koalition geschafft zu punkten.

Merkels obligatorisch gefaltete Hände, die eine Art Dach bilden, sind ausgeblieben. Auch sonst war das Duell arm an Gesten. Treiben die Berater das den Duellanten aus, damit sie sich nicht verraten können?

Nein. Das könnte man meinen. 2002 war es so, dass sich Edmund Stoiber und Gerhard Schröder nur am Rednerpult festgehalten haben. Elf Jahre später habe ich aber ein anderes Bild. Die Gesten waren nicht kämpferisch wie bei einer Wahlkampfrede. Das wäre auch unangemessen bei einem TV-Duell. Die "Merkel-Raute", die die Kanzlerin immer dann macht, wenn sie sich sehr konzentriert, hat sie gar nicht gezeigt beziehungsweise war durch die Kameraeinstellung nicht sichtbar. Aber sowohl Steinbrück als auch Merkel haben, als sie sich warm geredet haben und die Stimme nach oben ging, die Faust ausgepackt. Das signalisiert Entschlossenheit. Frau Merkel hat häufig Fingerröllchen gezeigt, also den Zeigefinger an den Daumen gelegt. Das ist ein Präzisionszeichen, das ihre Worte zum Beispiel zum Mindestlohn unterstrichen hat. Bei beiden Kontrahenten kam es zu mehr Gesten, wenn mehr Leidenschaft im Spiel war und die Stimme sich hob.

Ist das einstudiert oder kommt es spontan?

Die Gesten sind im Laufe der Zeit in Fleisch und Blut übergegangen. Das überlegen sich diese beiden Profis nicht erst vor einem 90-minütigen TV-Duell.

Was bei Herrn Steinbrück noch nicht in Fleisch und Blut übergegangen zu sein scheint, ist der konstante Blickkontakt. Steinbrücks Blick ist oft nach unten oder zur Seite ausgewichen. Was verrät Ihnen ein solches Verhalten?

Das hat mich gewundert. Wir kennen das Bild aus dem Volksmund: "Er kann mir nicht in die Augen schauen." Dabei ist Steinbrück ein Profi, was Auftreten und Rhetorik angeht. Er hat Frau Merkel sehr selten angeschaut. Den Blick zu den Fernsehzuschauern hat er auch da, wo es Sinn gemacht hätte, oft vermieden. Das verrät Unsicherheit, die sich in Steinbrücks Rhetorik jedoch nicht zeigte. Merkel dagegen sprach häufiger in Schachtelsätzen, verwendete mehrmals "ähm" oder sogenannte Weichmacher. Das sind Formulierungen wie "sozusagen", "ich glaube". Das wirkt sehr schwammig.

Der Sieg ist extrem knapp ausgegangen. Lag das auch daran, dass beide so undifferenziert waren und es keine richtigen Patzer, aber auch keine Knaller gab?

Richtig, es gab keine Aussetzer und ein wirkliches Highlight blieb auch aus. Dafür hat Stefan Raab das Ganze etwas belebt.