Die Grünen haben wie immer zwei Spitzenkandidaten für die Bundestagswahl gekürt: Katrin Göring-Eckardt und Jürgen Trittin. Letzterer ist seit dem Rückzug von Joschka Fischer aus der Politik der starke Mann der Partei - und er hat große Ambitionen. Trittin will zurück an die Macht. Er möchte Vizekanzler und Finanzminister werden - ein Porträt.

Im Spitzenduo der Grünen gibt Katrin Göring-Eckardt den wert-konservativen Part. Das kommt offenbar bei der in die Jahre gekommenen grünen Klientel gut an.

Aus dem Revoluzzer von einst ist längst ein Politiker von Format geworden. Doch ganz vergessen sind seine Allüren von damals nicht. Der aus einer bürgerlichen Familie stammende Trittin galt lange als Rüpel und gnadenloser Provokateur. Als linker Fundamentalist wurde er oft auf seine Rolle als Ex-Kommunist und ehemaliger Hausbesetzer reduziert. Dabei machte der Bremer zunächst den Eindruck von Schwiegermutters Liebling: 1,96 Meter groß, blond, blauäugig, freundliches Lächeln, hanseatische Zurückhaltung - meist zumindest.

Trittins Rüpel-Attacken

Wenn Jürgen Trittin erst einmal in Fahrt ist, ist er gnadenlos. Mit wenigen, wohl gesetzten Worten, kann er seine Gegner demontieren. Legendär ist seine Attacke auf den CDU-Politiker Laurenz Meyer. Der sehe nicht nur wie ein Skinhead aus, der denke auch so, polterte Trittin 2001 und damit bereits Minister im Kabinett Schröder. Das hätte ihn fast das Amt gekostet.

Dabei ist Trittin beileibe kein Volkstribun wie einst Oskar Lafontaine, sondern eher ein scharfzüngiger Intellektueller. Der brillante Redner hält nichts von langen Ansprachen, er spricht kurz und knapp, bringt seine Position auf den Punkt und weiß zu überzeugen. Diese Fähigkeit verband sich früher gerne mit eher negativen Eigenschaften: Er wurde als stur, arrogant, dozierend und oberlehrerhaft beschrieben. Zudem galt Trittin als unterkühlt und distanziert, er wurde als wenig herzlich und wenig vertrauenerweckend empfunden. Keine guten Voraussetzungen, um bei einer Bundestagswahl gut abzuschneiden.

Vom Kommunisten zum Minister

Ein Blick zurück: Geboren wurde Jürgen Trittin 1954 in Bremen-Vegesack als Sohn eines Prokuristen. Nach dem Abitur 1973 verweigerte er den Wehrdienst und studierte ab 1975 in Göttingen Sozialwissenschaften. Trittin wurde Mitglied des Kommunistischen Bundes und engagierte sich im AStA. Kurz vor seinem Examen zum Diplom-Sozialwirt trat Trittin 1980 den Grünen bei.

1985 wurde Trittin in den niedersächsischen Landtag gewählt und wurde Fraktionsvorsitzender. Ministerpräsident Gerhard Schröder (SPD) machte Trittin zwischen 1990 und 1994 zum Minister für Bundes- und Europaangelegenheiten. Von 1994 bis 1998 war Trittin gemeinsam mit Krista Sager Sprecher des Bundesvorstandes von Bündnis 90/Die Grünen. Von 1998 bis 2005 bekleidete Trittin das Amt des Bundesministers für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit. Seit 2009 führt er gemeinsam mit Renate Künast die Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen an.

Jürgen Trittin - entspannt, locker und beliebt

Schon vor seinem Herzinfarkt 2010 hatte Jürgen Trittin an einem Imagewandel gearbeitet, um im Bundestagswahlkampf zu überzeugen. Diesen Imagewandel kann man als geglückt und abgeschlossen betrachten. Trittin ist inzwischen beliebt, hat einen untadeligen Ruf und gilt als verlässlicher Partner der Wirtschaft. Seine Bilanz als Minister kann sich sehen lassen: Unter seiner Führung wurden Dosenpfand, Atomausstieg, Ökosteuer und das Gesetz über erneuerbare Energien verabschiedet. Das besteht selbst im Vergleich mit Ex-Außenminister Joschka Fischer, dem Übervater der Grünen.

Trittin und Fischer waren nie Freunde, führte doch Trittin als Fundi die Linke bei den Grünen an, während Fischer als Realo den rechten Flügel leitete. So wird es eine späte Genugtuung für Trittin gewesen sein, dass er bei der Bundestagswahl 2009 ein besseres Wahlergebnis einfahren konnte als Grünen-Ikone Fischer in den Jahren davor.

Ohne sich ständig an Fischer reiben zu müssen, ist Trittin lockerer geworden, gelassener und freundlicher. Er wird sogar dafür gelobt, dass er in der Partei ausgleichend wirke. So wundert es nicht, dass er bei der Urwahl der Grünen mit 72 Prozent zu einem der beiden Spitzenkandidaten gewählt wurde, während die zweite Spitzenkandidatin Katrin Göring-Eckardt nur 47 Prozent erhielt.

Für den größten Strategen der Grünen ist die Bundestagswahl 2013 wohl die letzte Chance, noch einmal an die Regierung zu kommen. Mit dem Umweltministerium oder dem Außenministerium will er sich nicht abspeisen lassen. Trittin will das Finanzministerium und den Posten des Vizekanzlers - am liebsten in einer Koalition mit der SPD.

So, wie Trittin sich einst in sein Amt als Umweltminister hineingewühlt hat, so hat er sich - fleißig und zäh - nun die Kompetenz als Wirtschaftsexperte erarbeitet. Ganz oben auf seiner Agenda - und der seiner Partei - stehen soziale Gerechtigkeit und Umverteilung. Trittin will die Volkswirtschaft wieder in eine Balance bringen, will die Schere zwischen Arm und Reich wieder kleiner machen.

Grüne: "Gutverdiener" sollen mehr Steuern zahlen

So haben die Grünen auf ihrem Bundesparteitag beschlossen, "Gutverdiener" etwas mehr zur Kasse zu bitten. Bei Einkommen über 60.000 Euro im Jahr soll die Steuer auf 45 Prozent erhöht werden, bei über 80.000 Euro auf 49 Prozent. Wer ein Nettovermögen von über einer Million Euro besitzt, wird nach Vorstellung der Grünen künftig mit einer Vermögensabgabe von 1,5 Prozent belastet - eine Regelung, die auf zehn Jahr beschränkt sein soll.

Um Geringverdiener zu entlasten, soll der Grundfreibetrag auf mindestens 8.700 Euro (derzeit 8.130 Euro) pro Jahr erhöht werden. Und wer unter 60.000 Euro im Jahr verdient soll steuerlich entlastet werden.

Trittin ist auch für die Einführung eines flächendeckenden gesetzlichen Mindestlohns von 8,50 Euro pro Stunde. Minijobs sollen begrenzt und langfristig abgeschafft werden. Bei Leiharbeitern fordern die Grünen "gleichen Lohn für gleiche Arbeit" vom ersten Tag an. Schließlich soll der Hartz-IV-Regelsatz auf 420 Euro erhöht werden.

In der Rentenfrage plädiert Trittin für eine steuerfinanzierte Garantierente von mindestens 850 Euro. Voraussetzung: mindestens 30 Versicherungsjahre.

Grünes Energiekonzept aus Sonne und Wind

Sogenannte "umweltschädliche Subventionen" sollen etwa bei der Ökosteuer abgebaut werden. Steuern wie die Luftverkehrssteuer sowie die Besteuerung von Diesel und Heizöl sollen reformiert werden. Steuerhinterziehung wollen die Grünen weiter erschweren. Sie wollen die Steuerfahndung ausbauen und eine Bundessteuerverwaltung einrichten.

Die Energiewende steht bei den Grünen erwartungsgemäß ganz oben. Im nächsten Jahrzehnt sollen erneuerbare Energien bereits 50 Prozent des Strombedarfs decken. Dabei sollen die Strompreise fair sein, um private Haushalte zu entlasten. Im Gegenzug werden der Industrie Vergünstigungen gestrichen. Wind und Sonne sollen den Strom hauptsächlich liefern, Kohlekraftwerke sollen nach und nach durch Kraftwerke ersetzt werden, die Biomasse verwenden.

Die Grünen planen ein Klimaschutzgesetz, das die Verringerung der Treibhausgase festschreibt. Die einzelnen Branchen sollen konkrete Einsparziele erhalten.

Das Betreuungsgeld soll zugunsten einer Kindergrundsicherung wieder abgeschafft werden, wobei jedes Kind die gleiche finanzielle Unterstützung vom Staat erhält. Eingetragene Lebenspartnerschaften sollen der Ehe gleichgestellt werden.