Koalitionsvertrag da, alles gut? Auch in der CDU gibt es nach dem mühsamen Abschluss der Verhandlungen für eine neue GroKo einiges Grummeln. Hat sich Angela Merkel für ihre vierte Kanzlerschaft verkauft?

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Finanz- und Innenministerium futsch, harte Kompromisse in Sachfragen: Bei vielen in der CDU herrscht am Tag nach der mühsam erreichten GroKo-Einigung so etwas wie Katerstimmung darüber, wie hoch der Preis fürs Weiterregieren ist.

Um mehr als drei Monate nach der unerfreulichen Bundestagswahl endlich die Kurve zu kriegen, war klar: Ohne Zugeständnisse vor allem an die SPD würde es nicht gehen für Angela Merkel. Dass die Kanzlerin zwei zentrale Ressorts preisgab, sorgt aber für akuten Ärger. Braut sich da was zusammen?

Der Wirtschaftsflügel der CDU ist erbost

Auf der Palme ist vor allem der Wirtschaftsflügel. "Mitten ins Mark der CDU" gehe der Verlust des Finanzministeriums, wettert der Chef der Mittelstands- und Wirtschaftsvereinigung, Carsten Linnemann.

Die GroKo-Einigung am Mittwoch könnte sich "als Zäsur herausstellen, als Anfang vom Ende der Volkspartei CDU". Denn dass die CDU immer Garant für Solidität bei Haushalt und Europa gewesen sei, stehe nun infrage.

Auch Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther, einer der jüngeren christdemokratischen Hoffnungsträger, hat schon zu bedenken gegeben: "Die Sozialdemokraten haben für sich eine Menge rausgeholt." Soll umgekehrt heißen: Die CDU eher nicht so viel.

Große Koalition um jeden Preis?

Überraschen kann die Parteichefin der Unmut natürlich nicht. Denn zu sehr hatte der langjährige Finanzminister Wolfgang Schäuble einen zentralen Markenkern verkörpert, der noch für klare CDU-Identität steht: keine neuen Schulden, standhaft in der Euro-Schuldenkrise.

Doch schon als Merkel noch über eine Jamaika-Koalition verhandelte, wurde Schäuble Bundestagspräsident. Und ohne ihn war das Ressort nicht mehr von vornherein unantastbar, sondern quasi auf dem Markt.

Am Ende sei es in Sachen Ressortverteilung sogar um nicht mehr und nicht weniger gegangen als das Zustandekommen der neuen Koalition, heißt es aus der CDU-Führung. Und dass die SPD dringend Vorzeigbares brauchte, um beim Mitgliederentscheid eine Chance auf Zustimmung zu haben.

Mehrere Spitzenpolitiker springen Merkel denn auch bei. "Ja, das war am Ende ein Kompromiss, den will ich nicht schöner reden, als er ist", sagt der hessische Ministerpräsident und Partei-Vize Volker Bouffier. Aber: "Wir haben eine ganze Reihe wichtiger Ministerien."

Fragiler Unionsfriede

Sorgen vor einer Abkehr von der Schäuble-Linie will die CDU-Spitze auch gleich zerstreuen: Der künftige Chef im Finanzministerium an der Berliner Wilhelmstraße, Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) - ein sachlicher und besonnener Finanzfachmann - sei kein Parteilinker.

Vom Europakurs der Regierung einfach solo abweichen könne ein Minister auch schon mal nicht. Und überhaupt habe die CDU erstmals seit mehr als 50 Jahren wieder das Wirtschaftsministerium bekommen, aus dem politisch durchaus mehr herauszuholen wäre als zuletzt.

Weg für die CDU ist auch noch das Innenministerium, wenngleich es in der Familie bleibt und so dem fragilen Unionsfrieden dienen dürfte. CSU-Chef Horst Seehofer soll als "Superminister" mit für Heimat und Bauen zuständig sein - der bisherige CDU-Ressortchef Thomas de Maizière hat das Nachsehen und scheidet ganz aus dem Kabinett aus.

Stunde der Wahrheit am 26. Februar

Wie stark das Brodeln anhalten wird, muss sich zeigen. Stunde der Wahrheit für Merkel ist der 26. Februar. Dann muss ein ordentlicher Parteitag den Koalitionsvertrag billigen, nachdem dies zuletzt eher kurz und bündig ein Kleiner Parteitag erledigte.

Dass noch in der Schwebe ist, wer von mehreren gehandelten Kandidaten für die CDU ins Kabinett soll, könnte da disziplinierend wirken. Auch wenn Merkel nicht mehr völlig unantastbar ist: Eine Revolte ist nicht in Sicht.

Etwas ganz Neues ist der jetzige Ärger auch nicht. In der vorigen GroKo drückte die SPD gleich eine ganze Reihe Prestigeprojekte wie den Mindestlohn durch.

Merkel musste sich anhören, die CDU habe 2013 die Wahl gewonnen, aber die SPD die Koalitionsverhandlungen. Länger profitieren konnten die Genossen davon aber nicht.

Eine Sehnsucht nach mehr inhaltlicher Präsenz der CDU gibt es in der Partei aber schon. Thüringens CDU-Chef Mike Mohring monierte kürzlich mit Blick auf den Slogan bei der Bundestagswahl, die Menschen erwarteten "mehr als ein Wortspiel über ein Land, in dem wir gut und gerne leben".  © dpa