Das Morning Briefing von Gabor Steingart - kontrovers, kritisch und humorvoll. Wissen, über was politisch diskutiert wird. Heute: die Union führt Wahlkampf gegen sich selbst.

Gabor Steingart
Eine Kolumne
von Gabor Steingart
Diese Kolumne stellt die Sicht des Autors dar. Hier finden Sie Informationen dazu, wie wir mit Meinungen in Texten umgehen.

Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

die Union führt Wahlkampf gegen sich selbst. Wichtige Spieler wie Friedrich Merz, Ralph Brinkhaus und Jens Spahn sind zwar nicht zufrieden, aber für den Moment befriedet. Das Problem ist die CSU, die mit Markus Söder an der Spitze nicht auf das gegnerische, sondern auf das eigene Tor stürmt.

"Natürlich stünden wir mit Markus Söder besser da", sagte erst gestern CSU-Generalsekretär Markus Blume. Und er hat damit zumindest die demoskopische Wahrheit auf seiner Seite:

  • Laut der aktuellsten Forsa-Umfrage würde Söder bei einer Direktwahl des Bundeskanzlers 38 Prozent der Stimmen erhalten und damit das Rennen für sich entscheiden. Laschet kommt nur auf neun Prozent.
  • Im ARD-Deutschlandtrend schafft es der Mann aus Bayern auf Platz drei jener Politiker, mit denen der Bürger am zufriedensten ist. Vor ihm rangieren Angela Merkel und Olaf Scholz. 54 Prozent der Befragten schätzen seine Arbeit – die von Armin Laschet nur 20 Prozent.
  • Vor allem bei Führungskräften genießt Söder starken Rückhalt. Laut dem Allensbach-Führungskräfte-Panel von Januar dieses Jahres zogen 80 Prozent der Wirtschaftselite Söder als Kanzler vor.

Diese Umfragen verwandelt einer wie Söder in jene Munition, die er wie eine guided missile ins Adenauer-Haus steuert. Sein Ziel ist nicht Olaf Scholz. Sein Ziel ist der verrutschte Kanzlerkandidat Armin Laschet. Söder hat weniger den 26. September im Auge als den Tag danach. Denn dann werden drei Dinge passieren:

  • 1. Auch die CSU wird sich öffentlich rechtfertigen müssen für ein Wahlergebnis, das bundesweit nach jetzigem Stand keine fünf Prozent für den Bayern-Ableger der Konservativen bedeutet. Söder braucht dafür eine Erklärung. Laschet ist der perfekte Sündenbock.
  • 2. Der in diesen Wochen verdeckt geführte Machtkampf der Schwesterparteien wird sehr bald und womöglich noch am Wahlabend auf offener Bühne zum Ausbruch kommen. Söder ist bereit, das bürgerliche Lager aus den Niederungen der Niederlage herauszuführen. Sein neues Ziel ist das alte: das Bundeskanzleramt. Laschet ist aus seiner Sicht kein Kanzler, sondern ein Hindernis, das es im zweiten Anlauf, also ab dem 27. September, zu überwinden gilt.
  • 3. Sollte die Laschet-CDU – wider vielen Erwartungen und dank politischer Raffinesse – eine Koalition mit wem auch immer bilden können, wird die CSU auf eine dominante Rolle bestehen: Söder will und muss seinen eigenen Leuten zeigen, dass er auch in Berlin Beute machen kann.

Fazit: Armin Laschet hat einen komplizierten 2-Frontenkrieg zu bestehen. Der bereits sichtlich verwundete Kandidat wird von fremden Truppen und Teilen der eigenen Generalität angegriffen. Rund ums Konrad-Adenauer-Haus haben die Bayern Stolperdraht gespannt. Vor dem Kanzleramt warten die Scharfschützen des Olaf Scholz. Das heimliche Motto von Söder und Scholz lautet: getrennt marschieren, vereint schlagen.

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Wenn Armin Laschet und Markus Söder auf dem CSU-Parteitag am Wochenende einander die ewige Treue schwören, sollten wir den Fernsehbildern misstrauen. Die Wahrheit liegt nicht in, sondern hinter den Bildern. Oder wie Oscar Wilde einst sagte:

"Eine Maske verrät uns mehr als ein Gesicht."

Ich wünsche Ihnen einen nachdenklichen Start in das Wochenende. Es grüßt Sie auf das Herzlichste

Ihr

Gabor Steingart

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