Es ist eine Zäsur in der Geschichte der Republik. Trotz aller Warnungen zieht erstmals seit über 50 Jahren eine Partei rechts der Union in den Bundestag, die SPD stürzt völlig ab. Merkel kann Kanzlerin bleiben - die Koalitionsbildung wird aber nicht einfach.

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Steiler Aufschwung der AfD, historisches Fiasko der SPD, verlustreicher Sieg der Union: Bundeskanzlerin Angela Merkel kann nach der Bundestagswahl trotz schwerer Verluste voraussichtlich vier weitere Jahre regieren.

Ihr bisheriger Koalitionspartner SPD mit dem Herausforderer Martin Schulz stürzt nach den Hochrechnungen aber auf ein Rekordtief.

AfD ist größter Profiteur


Großer Profiteur der Schlappe für die große Koalition ist die Rechtsaußen-Partei AfD. Mit ihr schafft erstmals seit den 50er Jahren eine rechtsnationale Partei den Sprung ins Parlament - und erobert gleich Platz drei.

Der FDP gelingt nach vier Jahren die Rückkehr in den Bundestag. Mit den ebenfalls vertretenen Linken und Grünen ergibt sich erstmals seit den 50er Jahren wieder ein Sechs-Fraktionen-Parlament. Möglich wären so eine Fortsetzung der großen Koalition oder ein bisher im Bund noch nie erprobtes Jamaika-Bündnis aus CDU/CSU, FDP und Grünen.

Nach den ersten Hochrechnungen sackt die Union deutlich ab. Die einstige Volkspartei SPD scheint das Vertrauen der Wähler in der großen Koalition dauerhaft verloren zu haben: Nach zwei bereits schwachen Bundestagswahlen stürzt sie nun auf ein Rekordtief.

Die AfD, 2013 noch knapp gescheitert, legt auf rund das Dreifache zu - ein Resultat, das auch im Ausland mit Sorge beachtet wird.

Die Linken verbessern sich ebenso wie dir die Grünen. Die seit 2013 nicht mehr im Parlament vertretene FDP überspringt locker die Fünf-Prozent-Hürde.

Die AfD ist drittstärkste Partei im deutschen Bundestag. Spitzenkandidat Alexander Gauland kündigte an, die Bundesregierung "jagen" zu wollen - und Frauke Petry will einen Regierungswechsel für 2021 vorbereiten.


Die Wahlbeteiligung wuchs laut ARD auf 75 Prozent (71,5). Zur Abstimmung aufgerufen waren rund 61,5 Millionen Wahlberechtigte.

SPD geht in die Opposition - Schulz bleibt Parteichef

Merkel steht damit vor ihrer vierten Amtszeit. Sie hätte einerseits eine Mehrheit mit der SPD und andererseits mit FDP und Grünen.

Einfach wird das nicht: In der SPD gab es bereits vor der Wahl Vorbehalte, in eine große Koalition zu gehen. Nach der Wahl folgte die kategorische Absage.

"Für uns endet heute die große Koalition", sagte die SPD-Politikerin Manuela Schwesig am Sonntagabend. Das sei ein schlimmes Ergebnis für ihre Partei.

Auch Bundestagsfraktionchef Thomas Oppermann sagte, die SPD werde in die Opposition gehen. Er kenne niemanden in der Partei, der nach dem Ergebnis die große Koalition fortsetzen wolle, sagte Oppermann.

Martin Schulz soll trotz des Desasters Parteichef bleiben. "Er wird diesen Erneuerungsprozess jetzt fortsetzen", sagte Oppermann am Sonntag nach den ersten Prognosen in der ARD. "Wir gewinnen gemeinsam und wir verlieren gemeinsam."

Die frühere Familienministerin und heutige Ministerpräsidentin in Mecklenburg-Vorpommern, Schwesig, sagte, Schulz habe einen engagierten Wahlkampf gemacht. Es sei wichtig, "dass wir jetzt auch gemeinsam diese Niederlage tragen". Schulz als Parteivorsitzender stehe nicht in Frage.

CDU und FDP appellieren an SPD

Martin Schulz bleibt Parteichef - und führt Sozialdemokraten in Opposition.


Die Union will nach den Worten von Kanzleramtschef Peter Altmaier in Gesprächen zur Regierungsbildung dennoch auch auf die SPD zugehen.

Deutschland brauche eine starke und handlungsfähige Regierung. Man müsse zunächst das Endergebnis abwarten, dann werde die Union die Initiative ergreifen.

"Ich glaube, dass alle Parteien sich ihrer staatspolitischen Verantwortung bewusst sein sollten", sagte Altmaier. "Wir reden und schreiben der SPD nicht vor, wie sie zu entscheiden hat. Wir werden aber auf alle Parteien zugehen und mit ihnen Gespräche führen."

FDP-Chef Christian Lindner appellierte an die SPD, sich nicht schon einseitig festzulegen, das sei ein Gebot der staatspolitischen Verantwortung.

Kommt jetzt ein Jamaika-Bündnis?

Grüne und Liberale sehen wegen teils gegensätzlicher Ziele ein Jamaika-Bündnis skeptisch.

Der Einigungsdruck ist aber groß, denn von einer Neuwahl könnte die AfD noch stärker profitieren. Als Koalitionspartner kommt diese für keine andere Partei in Frage.

Auch deswegen zeigten beide Parteien Gesprächsbereitschaft, einen Automatismus für ein Jamaika-Bündnis gebe es aber nicht.

FDP-Vize Wolfgang Kubicki sagte am Sonntagabend in der ARD: "Man kann uns nicht in eine Koalition hineinzwingen." Dies gelte ungeachtet der Tatsache, dass die SPD eine Fortsetzung der großen Koalition ablehne.

FDP-Parteichef Christian Lindner, der nach der Wahl Fraktionschef werden soll, erklärte, dass die Liberalen Verantwortung übernehmen wollen.

Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter sagte, seine Partei werde "sehr ernsthafte Gespräche" mit den anderen demokratischen Parteien führen. Das gute Abschneiden der AfD sei "bitter für alle Bürger".

Schleswig-Holsteins Umweltminister Robert Habeck (Grüne) hat sich zurückhaltend zu den Erfolgsaussichten für eine Jamaika-Koalition im Bund geäußert.

"Es gibt keine Garantie, dass es am Ende funktionieren wird", sagte er in der ARD. Die Union habe eine schwere Niederlage erlitten, seine Partei gehe dagegen gestärkt aus der Wahl hervor. "Und das geht nicht so ohne Weiteres zusammen."

Die Grünen müssten "ernsthaft und seriös versuchen, eine Regierung herzustellen bei dieser Ausgangslage". Seine Partei müsse aber nicht um jeden Preis mitregieren. Die größten Herausforderungen lägen in der Sozialpolitik sowie in der Europa- und Finanzpolitik.


Politikwissenschaftler hält Neuwahlen für denkbar

Doch was geschieht, wenn eine Jamaika-Koalition nicht zustande kommt? Jörg Siegmund, Politikwissenschaftler bei der Akademie für Politische Bildung Tutzing, denkt darüber bereits nach: "Wie diese Parteien zueinander finden sollten, kann ich mir nicht vorstellen."

Möglicherweise könne gar keine Koalition gebildet werden, so der Experte. "Und das würde dann Neuwahlen nach sich ziehen, mit völlig unklarem Ausgang."

Die Folgen aus dem Wahlergebnis

Ein Sieg der Union hatte sich seit Monaten in allen Umfragen angedeutet. Das war aber nicht immer so. Die Nominierung von Schulz zum Kanzlerkandidaten am Jahresanfang ließ die Umfragewerte der SPD zunächst in die Höhe schnellen und bei den Sozialdemokraten Hoffnung auf einen Machtwechsel keimen. Von drei verlorenen Landtagswahlen im Frühjahr erholte sich die Partei aber nicht mehr.

Mit dem Thema soziale Gerechtigkeit konnte Schulz nicht punkten. Auch konkrete Konzepte zu Politikfeldern wie Pflege und Rente verfingen beim Wähler nicht. Andere Streitthemen wie die von der SPD geforderte Ehe für alle räumte Merkel vor der Wahl ab.

Die AfD schaffte es in der Endphase des Wahlkampfs immer wieder, mit provokanten Äußerungen Aufmerksamkeit zu erregen. Ihr nützte es, dass das Thema Flüchtlingspolitik eine größere Rolle spielte, als die zurückgegangenen Zuzugszahlen erwarten ließen.

Wegen des starken AfD-Ergebnisses könnte der Unionsstreit über Merkels Flüchtlingspolitik wieder aufflammen, auch CDU-intern. CSU-Chef Horst Seehofer hat eine Obergrenze für den Zuzug einst als Bedingung für eine Koalitionsbeteiligung genannt. Darauf dürfte er bei der ablehnenden Merkel pochen, um vor der bayerischen Landtagswahl 2018 weiteren Zuwachs für die AfD zu verhindern.

Die Erfolg der erst 2013 gegründeten AfD hatte sich schon angedeutet - weniger in den Umfragen als vor allem auf einigen Marktplätzen: Stärker als frühere Wahlkämpfe war dieser von Anfeindungen und Störungen geprägt. Die Kanzlerin wurde bei Auftritten mehrfach ausgebuht und mit Tomaten beworfen, besonders in Ostdeutschland. (cai/dpa)

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