Das politische Speed-Dating in der ARD-"Wahlarena" erledigt Annalena Baerbock mit souveräner Fadesse. Immerhin macht sie einen grundlegenden Unterschied zu Union und FDP klar. Olaf Scholz und Armin Laschet beschuldigt sie der Unehrlichkeit. Und bei zwei Fragestellern ergeben sich interessante Zufälle.

Fotos zur Ansicht, unbearbeitet, Christian Bartlau
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Eine Kritik
von Christian Bartlau
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Fangen wir damit an, worüber am Montagabend in der "ARD-Wahlarena" niemand mit Annalena Baerbock reden will: Gendersternchen, Unisex-Toiletten und N-Wörter.

65 Menschen hat die Redaktion ausgewählt, um stellvertretend für rund 60 Millionen Wahlberechtigte in Deutschland ihre drängendsten Probleme mit der grünen Kanzlerkandidatin zu diskutieren.

Und siehe da: Was so emotional und ausgiebig in Sozialen Medien und Boulevardmedien aller Art diskutiert wird, interessiert die Wähler offenbar doch nicht so brennend.

Worum es eigentlich geht in der Politik, drückt Baerbock in der Sendung so aus: "Wo stecken wir unser Geld rein?" Und dafür hat sie eine Menge Ideen, die nur schlaglichtartig beleuchtet werden – ein Problem des etwas anstrengenden Formats, das etwas von politischem Speed-Dating hat.

Annalena Baerbock: Alles so wichtig hier!

Die erste Erkenntnis des Abends: Eine Bundeskanzlerin Baerbock müsste als erste Amtshandlung den 25-Stunden-Tag in Deutschland einführen, denn so gut wie alles, was das Publikum umtreibt, hat für sie "höchste Priorität": Pflege, Alltagsrassismus, gesundes Essen, schnelles Internet, US-Atomwaffen. Und dann sind wir noch nicht mal beim Klimaschutz.

Andererseits: Was soll eine Spitzenkandidatin für die Bundestagswahl auch sagen in einem Format, in dem sie blitzschnell auf Einzelfälle reagieren muss. Baerbock beherrscht die Runde mit zugewandter Haltung.

Sie gibt allen das Gefühl, ein wichtiges Anliegen zu haben. Sie geht im wahrsten Sinne des Wortes auf die Fragesteller zu, vor einer Frau im Rollstuhl hockt sie sich hin, um auf Augenhöhe zu diskutieren. Hin und wieder scherzt sie sogar mit dem Publikum, hakt selbst nach, zeigt Interesse.

Wer mit der Antwort nicht zufrieden ist, wird immerhin vertröstet, angeblich werden auch noch einige Telefonnummern getauscht nach der Sendung. Die persönliche Begegnung mit den Wählerinnen ist eine politische Pflichtübung, bei der man viel falsch machen kann, Baerbock erledigt sie souverän - auch wenn das Wort "Charisma" wohl in diesem Wahlkampf nicht mehr auf sie gemünzt wird.

ARD-"Wahlarena": Eine Spitze gegen Laschet

Inhaltlich hält sich Baerbock an ein festes Skript: Empathie zeigen, die Frage einem übergeordneten Thema zuordnen, das entsprechende Kapitel im Wahlprogramm skizzieren.

Beispiel Pflege: Eine junge Altenpflegerin beschwert sich über die schlechten Arbeitsbedingungen in ihrer Branche. Baerbock schickt ihrer Antwort einen "herzlichen Dank dafür, was Sie geleistet haben" voraus und erntet dafür Applaus im Studio, der aber "nix bringt", wie sie einräumt, weil er die Miete nicht zahlt.

Also legt Baerbock ihre drei Vorschläge gegen die Personalnot in der Pflege vor: 35-Stunden-Woche, Lohnerhöhungen in der stationären wie der ambulanten Pflege, mehr Personal.

Mit dieser Methode hakt die grüne Spitzenkandidatin ein Thema nach dem anderen ab, mal mit handfesteren Ansagen (Tempo 130 soll kommen!), mal mit vagen Ankündigungen (ein "Gesellschaftsministerium" soll Deutschland diverser machen). Was komplett fehlt: Ecken und Kanten.

Selbst als eine junge Frau fragwürdige Dinge über Folgewirkungen bei Impfungen von sich gibt, sucht Baerbock den kleinsten gemeinsamen Nenner: Es gehe jetzt um Solidarität mit den Kindern und Jugendlichen.

Eine kleine Spitze setzt es dann aber doch: Für Armin Laschet. Es reiche nun nicht, wie der CDU-Spitzenkandidat einfach zu sagen, es werde keinen Lockdown mehr geben. "Daran hält sich das Virus sicher nicht."

Grüne Kanzlerkandidatin: Öffis ausbauen, Subventionen für E-Autos

Die Moderatoren Andreas Cichowicz und Ellen Ehni geben ein zackiges Tempo vor, mehr als eine Nachfrage ist meist nicht drin, wer noch diskutieren will, wird mitunter recht barsch unterbrochen.

Was auffällt: Die Menschen wollen vor allem lebensnahe Fragen besprechen, Außenpolitik spielt nur eine Nebenrolle, ebenso wie Identitätspolitik – es interessiert hauptsächlich, was das eigene Leben unmittelbar betrifft.

Cichowicz und Ehni rühmen sich, das "Original" des sogenannten Townhall-Formats in Deutschland zu präsentieren, in dem echte Bürger echte Probleme vortragen. Um ein möglichst repräsentative Zusammensetzung zu erreichen, hat sogar das Meinungsforschungsinstitut Infratest einen Teil des Publikums ausgewählt.

Interessante Zufälle bei Fragestellern

Trotzdem ergeben sich interessante Zufälle: Beim Thema Energie werden die Fragen plötzlich etwas bissiger, zwei Männer werfen Baerbock mal indirekt, mal explizit vor, die Versorgungssicherheit in Deutschland zu gefährden.

Ob sie bereit sei, die "Verantwortung zu übernehmen, wenn es zu flächendeckenden Versorgungsengpässen kommt", fragt Joachim Werlich, der sich als Lausitzer vorstellt. Was weder er noch die Moderatoren dazu sagen: Er verdient sein Geld bei Vattenfall und engagiert sich bei der CDU Weißwasser. Sein Vorredner war Dr. Werner Vieler, Mitglied der AfD-Fraktion in der Lübecker Bürgerschaft.

Baerbock beantwortet ihre Fragen ungerührt, beim Kohleausstieg bleibt die Grüne bei ihrer bekannten Position: Schon 2030 muss Schluss sein. "Das gehört zur Ehrlichkeit dazu, und da unterscheide ich mich von Armin Laschet und Olaf Scholz: Wenn die sagen, wir steigen 2038 aus und sind 2040 klimaneutral, passt das nicht zusammen."

Ins Grübeln bringt Baerbock eine skeptische Frau vom Land, die hadert, wie sie Beruf und Familie vereinbaren soll - und das auch noch nachhaltig. Muss sie irgendwann das Auto stehen lassen, und ihren Job aufgeben?

"Genau das ist der Punkt", sagt Baerbock, gerade der ländliche Raum und die Menschen dort sollen nicht zurückgelassen werden. Es gehe jedenfalls nicht darum, nicht Auto zu fahren – nicht der Einzelne muss klimaneutral leben, Baerbock will das Problem politisch lösen.

Bedeutet: Ausbau der Öffentlichen, bis in jedem Dorf stündlich der Bus fährt. Und eine massive Förderung, bis auch einkommensschwächere Familien sich gebrauchte E-Autos leisten können. Bis zu 9.000 Euro Prämie hält Baerbock für angebracht.

"Was ist die Alternative?"

So schwer es fällt in den 75 Minuten Themenhatz: Baerbock schafft es, die wesentlichen Unterschiede zum Ansatz von Union und FDP klarzumachen. Egal ob es um mehr Polizei, bessere Pflege oder mehr Therapiestunden für psychisch Kranke geht – die grüne Kanzlerkandidatin will massiv investieren, Schuldenbremse hin, Angst vor Steuererhöhungen her.

"Wer soll das alles bezahlen", fragt gegen Ende der Sendung ein Wirtschaftsprüfer. Vermögenssteuern, antwortet Baerbock, und ein härterer Kampf gegen Steuerhinterziehung.

Weil der Mann immer noch mit dem Kopf schüttelt, setzt die Grüne noch einmal nach: "Was ist die Alternative? (…) Wenn wir nicht investieren, fahren wir in eine Sackgasse, dann verlieren wir den Anschluss in der Digitalisierung und haben Schulen, die nicht auf der Höhe der Zeit sind."

Eine gute Vorlage für den amtierenden Finanzminister Olaf Scholz – der am Dienstag Abend 20.15 Uhr der nächste Gast in der ARD-Wahlkampfarena ist.