Seit Sonntag hat ein alter Spitzname von Angela Merkel wieder Konjunktur: Jegliche Kritik perle an ihr ab, monieren viele Beobachter, wie an einer teflonbeschichteten Bratpfanne. Wie kann es sein, dass die "Teflon-Kanzlerin" dennoch so fest im Sattel sitzt, ihre Umfragewerte so gut sind? Ein Experte erklärt diese mit der krisenhaften Weltlage - und mit der politischen Weltsicht vieler Deutscher.

"Die Teflon-Kanzlerin ist zurück und lässt sich nicht aus der Ruhe bringen" – so kommentierte die Tagesschau noch am Sonntagabend das ARD-Sommerinterview mit Angela Merkel.

In der Tat war es den Journalisten Tina Hassel und Thomas Baumann nicht im Ansatz gelungen, Merkel aus der Reserve zu locken. Ob G20-Krawalle, Türkeikrise oder Klimapolitik – Angela Merkel antwortete souverän und betont unaufgeregt, manche fanden: langweilig.

"Merkel hält die Deutschen für unpolitisch"

Genau das, meint Ralph Bollmann, komme aber derzeit bei vielen Deutschen sehr gut an.

Der Berlin-Korrespondent der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" ist Verfasser des Buches "Die Deutsche. Angela Merkel und wir". Eine der Hauptthesen seines Buches: Angela Merkel habe im Grund ein sehr negatives Bild der Deutschen. Diese seien in ihren Augen "unpolitisch, naiv, und verwöhnt".

... und Politik war nur Plan B. Kuriose Fakten über die Bundeskanzlerin.


Obwohl die Kanzlerin diese Eigenschaften im Grund verachte, nützten sie ihr:

Deutschlands weltpolitische Rolle sei gerade in letzter Zeit deutlich gewachsen. Vor allem die Währungs- und Brexit-Krise in der Europäischen Union, aber auch die Führungsschwäche der USA unter Donald Trump rückten Deutschland als wichtigstes EU-Land immer mehr in den Vordergrund.

Aber die meisten Wähler, so Bollmann, seien "nicht bereit, das anzunehmen." Das Ideal der Deutschen sei es, "eine große Schweiz zu sein, neutral zu sein, sich aus allem rauszuhalten."

Diese Weltsicht ist in Krisenzeiten immer schwieriger durchzuhalten, und die Wähler spüren das. Umso größer aber, so Bollmann, werde deren "Bedürfnis nach Stabilität" – und dafür stehe die unaufgeregte Kanzlerin.

"Merkel hat in Krisen Profil gewonnen"

Der Vorwurf, sich durch nichts erschüttern zu lassen, aber auch keine mitreißenden Programme und Ziele zu entwickeln, begleitet Angela Merkel schon viele Jahre.

Vor der letzten Bundestagswahl im Jahr 2013, erinnert Bollmann, habe es die Kanzlerin vermocht, die Griechenland-Krise weitgehend aus dem Wahlkampf herauszuhalten. Ihre Devise, ruhig abzuwarten und die Probleme nach der Wahl ohne innenpolitischen Druck anzugehen, habe sich damals ausgezahlt.


Das könnte auch in diesem Jahr so laufen. Er sei sich nicht mehr sicher, sagt Bollmann, "ob dieser Charakterzug durch und durch negativ ist" – oder ob es möglicherweise doch von Vorteil sei, dass die Kanzlerin die Deutschen mit vielem nicht behelligt: "Dass Deutschland in der Krise so ruhig geblieben ist, das liegt ja auch an ihr" – also an Merkels ruhiger, unaufgeregter Art und Weise, sich nicht einmal von Recep Tayyip Erdogans verbalen Ausfällen und diplomatischen Zumutungen aus der Ruhe bringen zu lassen.

In der heutigen Lage, gibt Bollmann zu bedenken, würde eine "Basta-Politik" im Stil von SPD-Kanzler Gerhard Schröder die Situation wohl eher verschärfen als vereinfachen.

Derzeit gebe es keine Krise, von der sich die deutschen Wähler wirklich bedroht fühlten. "Das war in der Flüchtlingskrise anders" – doch die sei mittlerweile kein Angstthema mehr: "Die Flüchtlingsströme sind abgeebbt, die Integrationsmaßnahmen beginnen zu greifen. Objektiv ist das Problem nicht mehr so drängend", sagt Bollmann.

Der Wähler freue sich stattdessen, dass Merkel und Seehofer offenbar wieder "miteinander können", dass die Konjunktur stabil ist, dass es kleine Fortschritte im Klimaschutz gibt, dass auf Merkels Wahlkampfveranstaltungen die optimistischen, vertrauenserweckenden Botschaften vorherrschen.

Allerdings betont der Experte auch: "Merkel hat vor allem in Krisen Profil gewonnen." Das gelte für die Finanz-, Euro- oder Ukrainekrise und sogar für die Flüchtlingspolitik.

Urteile über Politiker, gibt er zu bedenken, unterlägen "immer auch gewissen Konjunkturen". Zu Jahresanfang sei Merkel fast schon abgeschrieben gewesen, jetzt gelte sie wieder als unbesiegbar.

Als 2010 Bundespräsident Horst Köhler völlig überraschend zurücktrat, die Union die Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen verlor und die Griechenland-Krise begann, sei Merkel "fast schon am Ende" gewesen, sagt Bollmann. "Damals hätte niemand sie 'Teflon-Kanzlerin' genannt."

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