Der Absturz des Martin Schulz: Von "Mister 100 Prozent" zur tragischen Figur

Die Euphorie war riesig. Die Enttäuschung ist es nun auch. In weniger als einem Jahr wurde aus dem großen SPD-Hoffnungsträger Martin Schulz ein Symbol für den desolaten Zustand der Partei. Ein Rückblick.

Als Europapolitiker hat sich Martin Schulz einen Namen gemacht und es bis zum Präsidenten des EU-Parlaments (ab 2012) gebracht. Im November 2016 kündigt der Sozialdemokrat seinen Wechsel in die Bundespolitik an. Er will SPD-Kanzlerkandidat werden.
Sigmar Gabriel, zu der Zeit Parteivorsitzender, lässt Martin Schulz den Vortritt und verzichtet auf eine Kandidatur. Ende Januar 2017 nominiert der SPD-Vorstand Schulz - und die Menschen sind begeistert. Binnen fünf Wochen verbucht die Partei über 10.000 Neumitglieder.
Der 19. März ist DER Tag des Martin Schulz: Mit fulminanten 100 Prozent wählen die Genossen ihn auf einem außerordentlichen Bundesparteitag zum neuen Parteivorsitzenden und machen ihn damit offiziell zum Kanzlerkandidaten.
In den folgenden Wochen rührt "Mister 100 Prozent" fleißig die Werbetrommel - für sich selbst und für seine Partei, die sich in diesem Frühjahr bei drei Landtagswahlen beweisen muss. Die SPD setzt große Hoffnungen in Schulz, doch ...
... die zerschlagen sich: Die SPD verliert die Landtagswahl in ihrer Herzkammer Nordrhein-Westfalen und fährt sowohl im Saarland als auch in Schleswig-Holstein Pleiten ein.
Martin Schulz kämpft weiter. Doch nur wenige trauen der SPD noch zu, die Union bei der Bundestagswahl tatsächlich überflügeln zu können.
So kommt es - und sogar noch schlimmer: Bei der Bundestagswahl am 24. September 2017 stürzt die SPD auf ihr schlechtestes Ergebnis der Nachkriegsgeschichte ab: Nur 20,5 Prozent der Wähler geben den Sozialdemokraten ihre Stimme.
Das Image des Verlierers haftet Schulz nun an, daran kann auch der ebenso überraschende wie deutliche Wahlsieg seiner Partei bei der Landtagswahl in Niedersachsen im Oktober 2017 nichts ändern.
Auf dem außerordentlichen Parteitag im Januar 2018 in Bonn wirbt Schulz für ein Ja der Genossen zu Sondierungsgesprächen mit CDU und CSU. Er bekommt den Segen der Mehrheit - doch die Abstimmung fällt äußerst knapp aus. Die zurückhaltende Reaktion der Delegierten auf die Rede des Parteichefs zeigt: Er reißt die Menschen nicht mehr mit.
Am 7. Februar 2018 verkündet Martin Schulz zusammen mit Angela Merkel den erfolgreichen Abschluss der Koalitionsverhandlungen. Die SPD hat überraschend viele ihrer Ziele durchgesetzt und sich Spitzenämter gesichert. Doch die parteiinterne Kritik an einer Wiederauflage der GroKo reißt nicht ab. Schulz muss ein Nein der Basis beim geplanten Mitgliederentscheid befürchten.
Vorläufiger negativer Höhepunkt ist der Streit ums Außenamt: Dass Schulz Anspruch auf den Posten erhebt, obwohl er diesen seinem Parteikollegen und kommissarischen Außenminister Sigmar Gabriel versprochen haben soll, quittiert Gabriel mit einer deftigen verbalen Abrechnung. Er wirft Schulz mangelnden Respekt und Wortbruch vor. Auf Druck der Partei hin erklärt Schulz am 9. Februar 2018 seinen Verzicht.
Das Amt des Parteivorsitzenden will Martin Schulz nach der Abstimmung der Parteibasis über den Koalitionsvertrag an Andrea Nahles übergeben. Wie es für ihn selbst weitergeht, ist unklar ...
Neue Themen
Top Themen