Vor 70 Jahren begann der Aufstand im Warschauer Ghetto. Fast einen Monat lang kämpften jüdische Widerstandsgruppen für die Freiheit und um das Leben der Bewohner. Zeitzeuge Stanislaw Zalewski, Jahrgang 1925, hat drei Jahre lang im Warschauer Ghetto gearbeitet und erzählt im Interview von den Geschehnissen des 19. April 1943 und seiner Tätigkeit im Widerstand.

Wie haben Sie den Aufstand im Warschauer Ghetto erlebt?

Zalewski: Persönlich war ich an dem Aufstand nicht beteiligt. Aber seit 1940, als das Ghetto errichtet wurde, arbeitete ich als polnischer Zivilarbeiter in einer Autowerkstatt auf dem Gebiet des Ghettos. Die Werkstatt wurde von der Wehrmacht übernommen, dort wurden Wagen repariert und später an die Ostfront geschickt.

Wo waren Sie an diesem 19. April 1943, als der Aufstand begann?

An diesem Tag habe ich in der Autowerkstatt gearbeitet, wie immer von 8 bis 16 Uhr. Das Ghetto war inzwischen verkleinert und geteilt worden, die Einwohner teilweise umgesiedelt. Daher befand sich die Werkstatt zu diesem Zeitpunkt nicht mehr auf dem Gelände des Ghettos, sondern außerhalb.

Haben Sie etwas von dem Aufstand mitbekommen?

Den Ausbruch an sich habe ich nicht bemerkt, da ich zu dem Zeitpunkt gearbeitet habe. Nachmittags bin ich aber zur Mauer des Ghettos gegangen, um nachzusehen, was los ist.

Was haben Sie gesehen?

Ich konnte nicht direkt sehen, was dort passierte. Die Mauer war drei Meter hoch, und ich hörte nur Schüsse und Explosionen. Aber ich sah brennende Häuser.

Und was haben Sie dann gemacht?

Nichts. Man konnte nichts machen.

Wie ging es in den nächsten Tagen weiter?

Die nächsten Tage waren für die Aufständischen sehr dramatisch. Nach den anfänglichen Erfolgen der Widerstandsgruppen änderten die Deutschen ihre Strategie. Ihre Taktik sah folgendermaßen aus: Die deutschen Truppen haben die Häuser umzingelt und angezündet, sodass diejenigen, die sich dort versteckt hatten, ins Freie fliehen mussten – oder in den Häusern ums Leben kamen. Die, die geflohen sind, wurden erschossen. Ich sah auch Menschen, die von höheren Stockwerken in den Tod gesprungen sind.

Wie war das Leben im Ghetto vor dem Aufstand?

Das Warschauer Ghetto kann man als Vorzimmer eines Vernichtungslagers bezeichnen. Auf den Straßen wimmelte es vor hungernden Menschen, viele starben dort auch. In dem Ghetto wurden 360.000 Warschauer Juden zusammengepfercht. Es war eine sehr große Menge an Menschen auf kleinem Gebiet. Diese Menschen haben dort um ihr Überleben gekämpft und ständig nach Nahrung gesucht. Andererseits gab es dort auch Restaurants, wo man gut essen konnte. Aber das war einer kleinen Gruppe vorbehalten. Das waren meist Leute, die Kontakte zu den Deutschen hatten und mit ihnen gehandelt haben. Es gab dort sogar kulturelles Leben: Theater, Zeitungen, Vorträge und andere Veranstaltungen. Es war ein Kampf ums Überleben, aber auch ein Kampf um menschliche Würde. Mitglieder der SS und der Wehrmacht haben mit den Ghetto-Bewohnern "gespielt". Zum Beispiel haben sie Männer mit langen Bärten festgenommen und ihre Bärte angezündet. Eines Tages war auch mal der Kompressor in der Autowerkstatt kaputt, und dann haben sie Passanten festgenommen, die die LKW-Reifen per Hand aufpumpen mussten. Manche sind dabei aus Erschöpfung zusammengebrochen.

Sie haben auf dem Gelände des Ghettos gearbeitet. Wie haben Sie diese Zeit persönlich erlebt?

Es war traurig und schockierend. Einerseits der Hunger, totale Armut und die schreckliche Situation der dort lebenden Menschen – und andererseits die Cafés und Restaurants, die die ganze Zeit funktioniert haben. Aber die meisten Bewohner haben vor Hunger wirklich gelitten. Historiker sagen, dass in den ersten Monaten 100.000 Menschen verhungert oder vor Erschöpfung gestorben sind.

Sie konnten jedoch auch helfen…

Wir haben Lebensmittel geschmuggelt. Meine Kollegen und ich, und auch andere polnische zivile Arbeiter, hatten Passierscheine und konnten die Grenze überqueren. Wir mussten sehr vorsichtig sein, da es an den Toren mehrere Kontrollposten gab: erst ein polnischer Polizist, dann ein SS-Posten und dann die jüdische Polizei. Alle, die von der "arischen" Seite ins Ghetto kamen, wurden kontrolliert. Wir konnten die Grenze auch mit dem Auto passieren, indem wir nach der Reparatur zu einer Prüfstelle fuhren. In den Fahrzeugen haben wir dann Lebensmittel versteckt. Ansonsten konnten wir uns von Zuhause immer eine Essensportion für die Pause mitnehmen. Unter meiner Mütze habe ich aber noch mehr Nahrung versteckt. Und: Die Autos, die in unserer Werkstatt repariert wurden, waren meist Militärfahrzeuge, die bei Kämpfen beschädigt wurden. Oft haben wir in den Fahrzeugen Munition und Granaten gefunden, die wir anschließend den Widerstandsgruppen im Ghetto gegeben haben.

Hatten Sie persönliche Verbindungen zu den Menschen, die in dem Ghetto gelebt haben?

Einige meiner jüdischen Kollegen in der Werkstatt haben auf dem Gelände gewohnt. Durch ihre Vermittlung haben wir den Menschen im Ghetto geholfen. In meiner Nachbarschaft haben vor der Errichtung des Ghettos mehrere jüdische Familien gewohnt. Ich habe sie später gesucht, konnte sie aber leider nicht finden.

Wie hat es die Menschen verändert, in dem Ghetto leben zu müssen?

Das lässt sich vielleicht an diesem Beispiel zeigen: Auf den Straßen wurde viel Handel betrieben, vor allem mit Lebensmitteln, und es gab auch Stände. Diese Stände waren durch Zäune geschützt, da Hungernde oft Lebensmittel geklaut haben. Die Lebensmittel waren sehr, sehr teuer und wurden in das Ghetto geschmuggelt. Oft waren es Kinder und Jugendliche, die die Lebensmittel von der "arischen" Seite ins Ghetto geschmuggelt haben. Dazu benutzten sie enge Tunnel unter der Ghettomauer.

Wie ging es nach dem Aufstand mit Ihnen weiter?

Im September 1943 wurde ich von den Deutschen wegen meiner Arbeit für den Widerstand festgenommen und nach Untersuchungen und Verhören durch die Gestapo in das Pawiak-Gefängnis in Warschau gebracht. Von dort aus wurde ich in die Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau, Mauthausen, Gusen I und zuletzt Gusen II deportiert. Im Mai 1945 wurde dieses Konzentrationslager auf dem Gebiet der heutigen Republik Österreich durch die Amerikaner befreit.

Sie haben Nahrung geschmuggelt und Munition beschafft. Was haben Sie noch für den Widerstand getan?

Ich gehörte im Rahmen der Heimatarmee zu einer Gruppe, die sich mit der sogenannten "kleinen Sabotage" beschäftigt hat. Das waren alle Maßnahmen, die den Geist der Bevölkerung aufrecht erhalten sollten. Wir haben Parolen und Symbole an Hauswände geschmiert, zum Beispiel "Kämpfendes Polen", "Wir werden das Pawiak-Gefängnis rächen" oder "Das Ghetto brennt!". Die Aktionen haben wir immer nachts geplant und kurz vor Sonnenaufgang durchgeführt. Von 1940 bis zu meiner Festnahme im September 1943 war ich dabei.

Wie sind Sie aufgeflogen?

Während einer Aktion wurden wir von einer deutschen Patrouille erwischt.

70 Jahre sind seit dem Aufstand im Warschauer Ghetto vergangen. Was hat die Menschheit aus den Geschehnissen dieser Zeit und dem Zweiten Weltkrieg gelernt?

Der Krieg hat tiefe Spuren in den Leben von Millionen von Menschen hinterlassen. Besonders tragisch war das Schicksal der Bevölkerung von Warschau. Zunächst Kämpfe um die Stadt 1939, danach der Aufstand im Ghetto 1943 und die Vernichtung der Juden, schließlich der Warschauer Aufstand 1944 und die Vernichtung der ganzen Stadt. Auch meine Familie wurde davon nicht verschont. Einen Bruder verlor ich während der Bombardierung der Stadt im Jahr 1939, ein zweiter Bruder war Mitglied des Widerstands und kam deswegen ins Konzentrationslager Stutthof, und meine Mutter starb 1944 bei einer Bombenexplosion.

Man könnte vermuten, dass die Menschheit aus solch einer Katastrophe lernen würde. Ich lebe jedoch schon 88 Jahre lang und sehe, dass wir nicht allzu viel gelernt haben. Beweis dafür sind die andauernden Militärkonflikte auf allen Kontinenten. Ich hoffe jedoch, dass die Polen und die Deutschen heutzutage ein gutes Beispiel für die gemeinsame Überwindung der tragischen Geschichte sind. Dass diese Aufgabe nicht leicht ist, sieht man an aktuellen Diskussionen, die von Historikern, Politikern und Journalisten geführt werden.

Mit herzlichem Dank an Jakub Deka von der Stiftung "Polnisch-Deutsche Aussöhnung", der das Gespräch vermittelt und gedolmetscht hat.
Interview: Sandra Löffler