Die Terroranschläge von Paris greifen tief ins öffentliche Leben ein - auch wenn man trotzig das Gegenteil behauptet. Ob im Stadion oder in öffentlichen Verkehrsmitteln: Das Gefühl von Unsicherheit ist da. Wie geht man mit dieser Angst um?

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Michael Krämer, Präsident des Berufsverbands Deutscher Psychologinnen und Psychologen, erklärt, wie man mit der Verunsicherung im Alltag und den Ängsten vor weiteren Terroranschlägen umgehen kann.

Prof. Krämer, was kann man tun, um das Geschehene zu verarbeiten?

Prof. Michael Krämer: Es gibt selbstbezogene und problembezogene Bewältigungsstrategien. Erstere beschäftigen sich eher mit der Frage, inwieweit man selbst gefährdet ist, zum Beispiel, wo das Risiko, selbst Anschlagsziel zu sein, geringer ist.

Sie richten das Augenmerk darauf, was man selbst machen kann, um sich und seine Angehörigen zu schützen.

Und problemorientierte Vorgehensweisen?

Problembezogene Ansätze versuchen die Ursache hinter den Anschlägen zu verstehen. Die Folge kann sein, dass man seinen Alltag wie gewohnt weiterlebt und anfängt, sich mit dem Thema intensiver auseinanderzusetzen.

Alle Bewältigungsvarianten haben das Ziel, einen nicht nur betroffen sein zu lassen, sondern für sich eine brauchbare Handlungskonsequenz abzuleiten. Es gibt keine für alle gleichermaßen vorteilhafte Bewältigungsstrategie.

Eine Chance in der aktuellen Krise kann darin liegen, dass Deutsche besser verstehen, warum vom Bürgerkrieg Betroffene ihre Heimat verlassen, wenn sie täglich von Bombenterror bedroht sind.

Wer sich zurückzieht, riskiert also seine Normalität?

Im Gesamtzusammenhang betrachtet, zielen Terroranschläge darauf, die öffentliche Ordnung zu destabilisieren. Durch Terroranschläge wird keine neue Ordnung etabliert, sondern nur das gestört, was sowieso schon existiert.

Wenn aber das öffentliche Leben zum Erliegen kommt, wäre das aus Sicht der Attentäter gewünschte Ergebnis erreicht.

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An Großveranstaltungen teilzunehmen, kostet in diesen Zeiten einiges an Überwindung. Wie kann man sich behelfen?

Angst ist etwas sehr Subjektives. Zu öffentlichen Ereignissen von anderen Personen begleitet zu werden, mag Ängste verringern. Dass aber andere einen Schutz bieten, ist eigentlich nicht rational.

Trotzdem kann man sich gegenseitig Mut machen, sich Unterstützung holen.

Das Risiko wird dadurch ja nicht verringert.

Nein. Die Abwägung, die jeder für sich treffen muss, lautet: Ist dieses Ereignis eine Möglichkeit, um sein Leben weiterhin positiv zu gestalten oder ist es verzichtbar?

Zum Arbeitsplatz zu gehen, ist ein anderer Anlass als ein Konzert. Sicher ist, den größeren Ärger handele ich mir ein, wenn ich nicht zur Arbeit erscheine.

Ist hier nicht die Öffentlichkeit gefragt, Verständnis zu zeigen?

Es ist wichtig, den Bürgern das Gefühl zu vermitteln, dass man sich kümmert. Der dann gezeigte Aktionismus verringert auch nicht unbedingt das Risiko.

Aber es wäre schlimmer, sich vorwerfen lassen zu müssen, man tue nichts. Gerade Politiker kommen in Handlungszwang.

Welche Rolle kommt dem sozialen Umfeld zu?

Wenn man keine Lösung für ein Problem finden kann, neigen manche schnell dazu, das Ganze zu verdrängen, oder zu verharmlosen, um sich nicht damit beschäftigen zu müssen.

Das sind Wege, um mit unserem Alltag zurecht zu kommen. Häufig wird auch der soziale Kontakt zu Gleichgesinnten gesucht, um das Problem zu teilen und Bestätigung zu finden.

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Was bleibt Künstlern, Sportlern, Menschen, die sich der Öffentlichkeit nur schwer entziehen können?

Personen im Rampenlicht haben genauso wie alle anderen ihre individuellen Ängste. Aber sie leben mit verschiedenen Rollenerwartungen. Ihre Entscheidungen sind durch viele weitere Einflussfaktoren bedingt.

Zum Beispiel, ob sie ein Vorbild sein wollen. Oder es geht um kommerzielle Interessen. Letztlich glaube ich, dass Personen des öffentlichen Lebens die Entscheidung, ob sie sich zurückziehen oder auftreten, gar nicht alleine treffen.

Und wir als Publikum werden nicht unbedingt die wahren Beweggründe erfahren.

Wie lange kann ein solcher Zustand anhalten?

Themen wie Terror haben Konjunktur. Wenn in den nächsten zwei Wochen nicht wieder etwas derart Gravierendes passiert, wird das Thema bald von anderen Schlagzeilen verdrängt.


Diese Abnutzung von Themen ist auch dann zu beobachten, wenn ihre Bedeutung keinesfalls nachgelassen hat.

Ist das gut oder schlecht?

Vielleicht täte es unserer Gesellschaft ganz gut, wenn sich Einige nicht immer mitreißen ließen. Also Ruhe bewahren, wenn sie am dringendsten gebraucht wird.

Aber gleichzeitig auch wichtige Themen weiterhin hochhalten, wenn sie aus dem öffentlichen Interesse zu fallen drohen.

Dazu gehört, dass man einen eigenen Standpunkt erarbeitet und lernt diesen zu vertreten, auch wenn andere abweisend reagieren und es nicht mehr hören wollen.

Professor Michael Krämer ist Präsident des Berufsverbands Deutscher Psychologinnen und Psychologen.