Michael Wolff, Autor von "Fire and Fury", spricht über seinen Bestseller und Donald Trump: Wird der Präsident die Russlandaffäre politisch überleben? Und warum stehen in seinem Schlafzimmer drei Fernseher?

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Der Autor des Donald-Trump-Buchs "Fire and Fury", Michael Wolff, rechnet damit, dass es im Zuge der Russlandaffäre zu einem Amtsenthebungsverfahren gegen US-Präsident Donald Trump kommen wird. Er halte dies für "wahrscheinlich", sagte Wolff in einem Interview mit "Spiegel Online".

"Wenn ich Vorhersagen treffen müsste, würde ich sagen, dass dies ein Zug ist, der auf eine Mauer zurast. Wir wissen nur nicht, wann die Mauer kommt, aber wir wissen, dass da eine Mauer ist, und wir wissen, dass es krachen wird."

Seit das kontroverse Enthüllungsbuch "Fire and Fury" über das Innenleben im Weißen Haus und Donald Trumps Chaos-Präsidentschaft in den USA herauskam, hat Starjournalist Wolff keine ruhige Minute gehabt: Die einen huldigen ihm als Enthüller erschütternder Wahrheiten über die Vorgänge im Weißen Haus. Die anderen halten ihn für einen Scharlatan im Dienste düsterer Mächte, die Trump stürzen wollen.

Inzwischen in 35 Sprachen übersetzt, hält sich "Fire and Fury" seit seiner US-Premiere auf Platz eins der Bestsellerliste der "New York Times". "Es traf einen Nerv", sagt Wolff, der selbst davon überrascht scheint, wie seine Enthüllungen einschlugen. Am 16. Februar erscheint das Buch unter dem Titel "Feuer und Zorn" auch auf Deutsch.

Nachrichten sind langweilig und dröge? Es kommt auf den Blickwinkel an.

Spiegel Online sprach mit Wolff, 64, in seinem Townhouse im New Yorker Greenwich Village. Sein Arbeitszimmer ist hell und hoch, an den Wänden Kunst, Fotos und Bücher. Auf dem Couchtisch liegt sein Buch, neben seinem Computer das Klatschblatt "National Enquirer" mit der grellen Schlagzeile "Lügenbuch!"

Lesen Sie hier das ganze Interview mit Michael Wolff.

Spiegel Online: Herr Wolff, "Fire and Fury" ist Ihr bisher größtes Ding, oder?

Wolff: Es ist nicht nur mein größtes Ding, sondern anscheinend das größte Ding. Niemals zuvor wurde ein Sachbuch in so kurzer Zeit so oft verkauft.

Spiegel Online: Wie viele Exemplare sind es bisher?

Wolff: In den USA mehr als zwei Millionen, und das in vier Wochen.

Spiegel Online: In Ihrem Buch gibt es ein prägnantes Zitat über den Präsidenten und seine Mitarbeiter. Trump sei ein "Idiot, umgeben von Clowns". Wer regiert denn die USA? Der Präsident oder diese Leute um ihn herum?

Wolff: Grundsätzlich wird die Exekutive vom Präsidenten geleitet. Dieser Präsident ist weder in der Lage, das zu tun, noch intellektuell kompetent genug, um zu verstehen, was zu tun ist. Auch hat er nicht die emotionale Reife, die für diesen Job notwendig ist. Trotzdem ist er immer noch der Mann am Ruder, und das ist das Problem. So hat es mir fast jeder aus seinem Umfeld auf die eine oder andere Weise erklärt: Trump ist einer, der diesen Job buchstäblich nicht erledigen kann.

Spiegel Online: Was ist denn seine größte Schwäche?

Wolff: Na ja, Intelligenz, Temperament und Wissen. Seine größte Einschränkung ist, dass er einfach nur von Moment zu Moment lebt. Fast alle um ihn herum sagen, dass er wie ein Kind sei. Ein 16-Jähriger, ein Elfjähriger, ein Zweijähriger. Es geht ihm nur um das Bedürfnis nach sofortiger Befriedigung.

Spiegel Online: Nachdem Ihr Buch veröffentlicht wurde, sah Trump sich zu einer Untersuchung beim Arzt gezwungen. Es stand die Frage im Raum, ob er überhaupt zurechnungsfähig ist. Demnach scheint bei ihm aber alles in Ordnung zu sein.

Wolff: Nun ja. Den Test zur geistigen Fähigkeit, den er absolviert hat, können Sie im Internet nachschlagen.

Spiegel Online: Er besteht aus Fragen wie: "Welcher Tag ist heute?"

Wolff: Das ist ein sehr niedriges Niveau. Und so lässt sich sicherlich nicht annähernd herausfinden, ob jemand in der Lage ist, tatsächlich Präsident zu sein. Das ist ein außerordentlich komplizierter Job, den wahrscheinlich nur wenige erfüllen können. Er ist einfach zu intensiv. Die Anforderungen, Informationen zu verarbeiten, sind enorm. Die Anforderungen an die analytischen Fähigkeiten und an die persönliche Reife könnten nicht größer sein. In Donald Trump haben Sie einen Mann, der da nichts mitbringt.

Spiegel Online: Wie funktioniert denn dann die Entscheidungsfindung im Weißen Haus? Ist er nur eine Marionette, ein Strohmann von anderen Interessen?

Wolff: Viele Leute haben das so erwartet. Steve Bannon nannte ihn "mein Gefäß". Mitch McConnell, der Mehrheitsführer im Senat, sagte, Trump werde alles unterschreiben, was man ihm vorlegt. Ich denke, dass das auch wahr ist, aber diese Leute erkennen nicht, dass dieser Mann unkontrollierbar ist. Er ist kein Mann der Ideen, wie ihn Bannon brauchte, und in McConnells Fall unterschreibt er sicher alles, was man ihm vorsetzt, aber auf dem Weg dorthin stört er und richtet überall ein Durcheinander an und verkorkst alles. Das ist das grundlegende Problem, dass er jemand ist, den andere Menschen formen, aber gleichzeitig nicht kontrollieren können.

Spiegel Online: Viele sagen, dass Trump die US-Demokratie an ihre Grenzen führt, dass er sich zum Diktator aufspielt, zum Autokraten. Ist das nur sein Ego oder steckt da etwas Schlimmeres dahinter?

Wolff: Ich denke nicht, dass da etwas Schlimmes oder Düsteres vor sich geht. Ich glaube nicht, dass Donald Trump in irgendwelche Verschwörungen verwickelt ist. Er ist zu dumm, um sich zu verschwören. Ich glaube, er macht einfach, was ihm gerade in den Sinn kommt. Aber das ist noch viel gefährlicher.

Spiegel Online: In Ihrem Buch entwickeln Sie die These, Trump und seine Leute seien in die Russlandaffäre gerasselt, weil sie nicht wussten, was da vor sich ging.

Wolff: Ja. Ich halte es für wahrscheinlich, dass der Russland-Sonderermittler Robert Mueller keine Anklage gegen Trump erheben wird, weil es so schwer sein wird, einen Vorsatz zu belegen. Vorsatz ist schwer nachzuweisen, wenn man einen Idioten vor sich hat. Wenn man dumm ist, hat man keinen Vorsatz. Man tut es einfach.

Spiegel Online: Gilt das auch für den Vorwurf der nachträglichen Justizbehinderung durch den Präsidenten, um die Sache zu vertuschen?

Wolff: Ja. Sicher ist die Schwelle da niedriger. Aber es ist eindeutig etwas, mit dem sich Mueller auseinandersetzen muss. Keiner weiß, was hier passieren wird. Diese Geschichte fesselt einen doch so, weil niemand weiß, was passieren wird. Wenn ich Vorhersagen treffen müsste, würde ich sagen, dass dies ein Zug ist, der auf eine Mauer zurast. Wir wissen nur nicht, wann die Mauer kommt, aber wir wissen, dass da eine Mauer ist, und wir wissen, dass es krachen wird. Wir wissen nur nicht wann.

Spiegel Online: Sie glauben also nicht, dass Mueller der große Retter für diejenigen wird, die Trump loswerden wollen?

Wolff: Nein. Ich schätze, dass er den Präsidenten nicht anklagt, aber dass er dem Kongress einen verheerenden Bericht vorlegt und dass der im Frühsommer kommt. Deshalb wird alles auf die Kongresswahlen im November ankommen: Die Demokraten werden argumentieren, dass Trump amtsunfähig ist. Die Republikaner werden argumentieren, dass es ein Amtsenthebungsverfahren ("Impeachment") geben wird, wenn die Demokraten die Mehrheit im Kongress bekommen, und deshalb dürfe man die nicht wählen. Es wird eine extrem klare Entscheidung sein. Und ich glaube, dass die Demokraten gewinnen werden und dass es dann wahrscheinlich zu einem Impeachment-Verfahren kommt.

Spiegel Online: Sie hatten mehrere Monate lang einen Sonderstatus im Weißen Haus, konnten mit vielen Leuten reden. Wie ist es dazu gekommen? Haben Sie Trump vorher um Erlaubnis gefragt?

Wolff: Ich habe ihm gesagt: "Ich würde gerne kommen und ein Beobachter sein." Er dachte, ich würde ihn um einen Job bitten. Und dann sagte ich: "Nein, ich möchte ein Buch schreiben", und er sagte: "Ach ja, ein Buch. Ja, klar. Okay." Es war völlige Desorganisation. Sie müssen wissen: Ich bin eine andere Art von Reporter als diese traditionellen politischen Reporter. Ich bin nicht da, um aufzuschreiben, was die Agenda des Präsidenten ist. Ich bin nicht da, um Fragen zu stellen. Ich bin nur da, um zu beobachten und zuzuhören. Ich war für die Leute im Weißen Haus irgendwie nicht sehr bedrohlich, und alle wollten plaudern.

Spiegel Online: Sie haben also in der kleinen Lobby im West Wing auf der Couch gesessen? Wie muss man sich das vorstellen?

Wolff: Ja. Ich habe Termine mit Gesprächspartnern im Weißen Haus gemacht, und dann musste ich dort warten, weil sie so viel anderes zu tun hatten. Manchmal habe ich stundenlang gewartet. Weil alle ständig an mir vorbeikamen, habe ich so buchstäblich alle kennengelernt. Ich war irgendwann Teil des Mobiliars.

Spiegel Online: Sie beschreiben es so, als habe es zu dieser Zeit drei Fraktionen im Weißen Haus gegeben, die sich gegenseitig bekämpften.

Wolff: Ich wurde zu einer Art Nachrichtenträger zwischen diesen Gruppen. Als die Fraktion um Ivanka Trump (Trumps Tochter) und Jared Kushner (Trumps Schwiegersohn) mit mir sprach, wollten sie wirklich wissen, was Steve Bannon auf der anderen Seite zu mir sagte, und dasselbe passierte mit (dem damaligen Stabschef) Rience Priebus. Ich gab Informationen weiter, was meiner Meinung nach hilfreich für sie war, aber es war für mich sicherlich auch hilfreich.

Spiegel Online: Wenn jede Seite Sie so mit Informationen versorgte, wie haben Sie herausgefunden, was die Wahrheit ist?

Wolff: Ich weiß nicht, was die Wahrheit ist, und das ist einer der interessanten Aspekte. Woher weiß man, was wahr ist? Sie hören unterschiedliche Versionen einer Geschichte und treffen eine Entscheidung, welche Version der Realität wohl am nächsten kommt. Es gibt natürlich Quellen, von denen man weiß, dass die vertrauenswürdiger sind als andere, weil sich Dinge, die sie mir früher erzählt haben, als wahr herausgestellt haben.

Spiegel Online: Es gibt eine vieldiskutierte Stelle in dem Buch, aus der man angeblich herauslesen kann, dass der Präsident eine Affäre mit Uno-Botschafterin Nikki Haley haben könnte. Sie sind dafür in den USA scharf kritisiert worden. Warum schreiben Sie das, wenn Sie keine Belege haben?

Wolff: Ich weiß es nicht, und ich habe auch wirklich niemanden beschuldigt. Trump war sein ganzes Leben lang ein zwanghafter Frauenheld. Es gibt viele Gerüchte, aber ich konnte einfach nichts Konkretes in dieser Hinsicht belegen.

Spiegel Online: Das Buch endet mit dem Abgang Bannons als Chefstratege im August 2017 und dem Beginn der Ära des neuen Stabschefs General John Kelly. Der wankt nun selbst. Wird sich das Chaos jemals legen?

Wolff: Nein. Denn Trump ist immer noch der Typ, der alles bestimmt. Jeder andere ist irrelevant. Es geht nur um Donald Trump.

Spiegel Online: Welches Ziel hat Trump jetzt noch?

Wolff: Seine Ziele sind: "Ich möchte, dass die Leute mich lieben. Ich möchte etwas gewinnen. Es ist mir egal, was es ist."

Spiegel Online: Er möchte vielleicht als ganz besonderer Präsident in die Geschichte eingehen?

Wolff: Das glaube ich nicht einmal.

SPIEGEL ONLINE: Aber wenn es nur um Narzissmus und das Ego geht, endet das doch nie - seine Ziele werden nie erreicht sein.

Wolff: Richtig. Während des Wahlkampfs habe ich ihn einmal interviewt. Er wollte nicht darüber reden, wie es wäre, Präsident zu sein. Er wollte nicht über Politik reden. Er wollte nur darüber reden, wie berühmt er ist. Das ging ungefähr so: "Ich denke, ich bin jetzt die berühmteste Person der Welt", sagte er zu mir. Er drehte sich zu seinem Schwiegersohn um: "Jared, bin ich die berühmteste Person der Welt?" Jared sagt: "Ja, ich denke schon." So lief das. Er hat kein inhaltliches Interesse.

Spiegel Online: In Ihrem Buch beschreiben Sie, dass Trump abends in seinem Bett sitzt, Hamburger isst und auf drei Bildschirmen gleichzeitig Fernsehen schaut. Ist das möglich?

Wolff: Ja, ich bin mir sicher. Total. Niemand bestreitet die Tatsache, dass er Hamburger isst. Er hat dort die drei Fernseher. Er geht um 18.30 Uhr nach oben in die Residenz im Weißen Haus. Das ist sein Leben.

Spiegel Online: Was denken Sie? Wie lange wird er noch Präsident sein?

Wolff: Da nutze ich die Formel von Steve Bannon. Es besteht zu einem Drittel die Chance, dass er angeklagt wird, zu einem weiteren Drittel die Chance, dass er im Rahmen des 25. Verfassungszusatzes zurücktreten wird, weil er gesundheitlich nicht mehr in der Lage ist, das Amt auszuüben. Und dann gibt es zu einem Drittel die Chance, dass er sich irgendwie bis zum Ende der Amtszeit schleppt. Die Chance, dass er eine zweite Amtszeit bekommen oder überhaupt nochmals antreten wird, liegt bei null Prozent.

Spiegel Online: Sind Sie sich da wirklich sicher?

Wolff: Er ist 71 Jahre alt. Ich denke, das ist alles viel schwieriger für ihn, als er je gedacht hätte, physisch, geistig. Was hätte er davon, noch mal Präsident zu sein?  © SPIEGEL ONLINE