Donald Trump hat angekündigt, seine umstrittene Grenzmauer zur Not auch ohne Zustimmung durch den Kongress zu bauen. Nun macht der US-Präsident offenbar Ernst: Er will einen Notstand an der Grenze zu Mexiko ausrufen, um seine "heilige Pflicht" zu erfüllen. Darf er das überhaupt? Die wichtigsten Fragen und Antworten.

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Wenn der US-Senat zusammenkommt, geht der Sitzung traditionell das Gebet eines Geistlichen voraus. Am Donnerstag fügte der vorsitzende Senator, der Republikaner Chuck Grassley, noch ein eigenes Stoßgebet hinzu: "Lasst uns alle beten, dass der Präsident die Weisheit haben wird, das Gesetz zu unterzeichnen, damit die Regierung nicht schließt."

Der 85-Jährige meinte das Haushaltsgesetz, es ist ein Kompromiss zwischen Republikanern und Demokraten, um einen erneuten "Shutdown" zu verhindern. Grassleys Gebet wurde zwar erhört. Zugleich kündigte US-Präsident Donald Trump aber eine Maßnahme an, die den Streit über die von ihm geforderte Grenzmauer eskalieren lässt.

Mehr als die Hälfte von Trumps Amtszeit ist inzwischen vorbei und bei seinem wichtigsten Wahlkampfversprechen hat er nichts vorzuweisen. Ursprünglich hatte Trump gesagt, dass Mexiko die Mauer zahlt, mit der der US-Präsident Migranten stoppen will.

Der südliche Nachbar denkt aber gar nicht daran. Also braucht Trump Geld für den Mauerbau, das der Kongress bewilligen muss. Ohne die Stimmen der Demokraten läuft da nichts - und die lehnen die Mauer ab.

Nun will Trump seine Gegner mithilfe eines nationalen Notstands umgehen und stößt dabei auf heftige Kritik. Wir haben die wichtigsten Fragen und Antworten zum Streit um Trumps Grenzmauer gesammelt.

Donald Trump: Was hat der "Shutdown" mit der Mauer zu tun?

Zuletzt wollte Donald Trump den Widerstand der Demokraten mit einem "Shutdown" brechen. Fünf Wochen lang standen Teile der Regierung still, weil ihre Finanzierung auslief. 800.000 Bundesbedienstete bekamen kein Gehalt mehr. Bilder machten die Runde, wie sich Regierungsmitarbeiter mit Gratis-Lebensmitteln bei Tafeln eindeckten, um über die Runden zu kommen.

Dass der "Shutdown" so lange anhielt, lag vor allem daran, dass Trump keinem Haushaltsgesetz zustimmen wollte, das keine Gelder für die Mauer vorsah. Sein Plan: Die Demokraten mithilfe des Regierungsstillstands dazu zu bewegen, die geforderten 5,7 Milliarden Dollar für die Mauer zu bewilligen. Doch das ging nach hinten los.

In Umfragen machte eine Mehrheit nicht die Demokraten, sondern Trump für den "Shutdown" verantwortlich. Seine ohnehin schlechten Zustimmungswerte gingen weiter in den Keller.

Worum geht es bei der aktuellen Diskussion?

Unter wachsendem Druck unterzeichnete Trump schließlich einen Übergangshaushalt, der die Regierung für nur drei Wochen öffnete. In dieser Zeit - die in der Nacht zu Samstag ausgelaufen wäre - sollten Republikaner und Demokraten einen Kompromiss zur Mauerfinanzierung ausarbeiten.

Das gelang in letzter Minute. Allerdings sieht die Einigung nur 1,375 Milliarden Dollar für den Bau einer "physischen Barriere" vor. Den Präsidenten brachte der Kompromiss deshalb in eine Zwickmühle.

Mit der Unterzeichnung des Gesetzes hätte er eine Niederlage eingestehen und seine ursprünglichen Pläne für die Grenzmauer zu Mexiko beerdigen müssen. Ein Veto gegen die Einigung hätte einen erneuten "Shutdown" verursacht, den Trump alleine zu verantworten gehabt hätte.

Der Präsident will nun einen dritten, hoch umstrittenen Weg wählen: Das Weiße Haus kündigte an, Trump werde das Gesetz unterzeichnen, zugleich aber einen nationalen Notstand an der Grenze ausrufen.

Nach Trumps Überzeugung kann er damit den Kongress umgehen und sich ohne dessen Zustimmung aus anderen Töpfen bedienen, um die Mauer zu bauen. Er könnte beispielsweise versuchen, auf Mittel des Pentagons für militärische Bauvorhaben zuzugreifen, die aus Sicht von Kritikern damit aber zweckentfremdet würden.

Was bedeutet der nationale Notstand?

Der nationale Notstand, den Trump ausrufen will, ist kein Ausnahmezustand, wie er etwa in der Türkei nach dem Putschversuch im Juli 2016 verhängt wurde und bei dem landesweit Grundrechte eingeschränkt wurden.

Allerdings verleiht eine Notstandserklärung dem US-Präsidenten bestimmte Vollmachten. Trump ist längst nicht der erste Präsident, der davon Gebrauch macht.

31 frühere Notstandserklärungen sind derzeit noch in Kraft, die älteste datiert aus dem Jahr 1979: Mit ihr fror der damalige Präsident Jimmy Carter iranisches Regierungseigentum im Einflussbereich der USA ein.

Bei den meisten Notstandserklärungen ging es um Maßnahmen, die ein US-Präsident bei Konflikten mit anderen Staaten oder bei Krisen und Katastrophen ergriff. Worum es nicht ging: Um die Finanzierung von Wahlkampfversprechen, weil der Kongress die Mittel verweigert.

Der Kongress hat die Budgethoheit, das heißt: Das Parlament bestimmt, wofür Geld ausgegeben wird. Trump argumentiert freilich nicht damit, dass er Geld braucht, um seine vollmundigen Versprechen einzulösen. Er spricht seit Monaten von einer "Krise" an der Grenze zu Mexiko.

Wie schlimm ist die Lage an der Grenze wirklich?

Ob es diese Krise wirklich gibt, ist umstritten. Die Daten, mit denen der zu Übertreibungen neigende Präsident das belegen möchte, halten genauerer Überprüfung oft nicht stand.

Trumps Gegenspielerin Nancy Pelosi, die demokratische Vorsitzende des Abgeordnetenhauses, sagte am Donnerstag: "Es ist kein Notstand, was an der Grenze passiert."

Darf Trump den Notstand zum Zweck des Mauerbaus ausrufen?

Pelosi und der Fraktionschef der Demokraten im Senat, Chuck Schumer, nannten die angekündigte Notstandserklärung nicht nur gesetzeswidrig, sondern "einen schwerwiegenden Machtmissbrauch".

Auch aus den Reihen von Trumps Republikanern regt sich Widerstand, mehrere Senatoren wandten sich gegen eine Notstandserklärung.

Die republikanische Senatorin Susan Collins sprach von einem "schlechten Präzedenzfall für künftige Präsidenten - sowohl demokratische als republikanische -, die versuchen könnten, mit demselben Manöver den Kongress zu umgehen, um ihre politischen Ziele voranzubringen".

Collins stellte auch infrage, ob die Maßnahme vor diesem Hintergrund überhaupt in Einklang mit der Verfassung steht - und sie warnte, dass der Schritt so gut wie sicher vor Gericht angefochten werden würde.

Tatsächlich teilte die Nichtregierungsorganisation Public Citizen umgehend mit, gegen eine solche Notstandserklärung des "zunehmend autokratischen Präsidenten Trump" zu klagen. Public Citizen will außerdem den Kongress zu einer Resolution gegen die Notstandserklärung bewegen.

Mit ihrer Mehrheit im Abgeordnetenhaus könnten die Demokraten die Maßnahme zwar anfechten. Ob das aber reicht, ist fraglich: Nicht nur müsste der republikanisch kontrollierte Senat einer solchen Resolution zustimmen, sondern auch Trump selbst. Würde er sein Veto einlegen, könnten ihn beide Kammern nur mit einer Zweidrittelmehrheit überstimmen.

Wie geht es nun weiter?

Der Präsident hat signalisiert, dass er sich von seinem Vorhaben nicht abbringen lassen will. Er werde seine "heilige Pflicht" erfüllen und die Nation verteidigen, sagte er erst am Mittwoch.

Die Mauer werde ein Bollwerk, "das die Menschen nicht sehr leicht überwinden können". Und Trump fügte hinzu: "Ich denke, sie könnten viel leichter den Mount Everest besteigen."

Wie es nun aber mit dem Mauerbau genau weitergeht, ist ebenso offen wie die Frage, woher genau Trump das Geld nehmen möchte. (thp/dpa)

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