Trumps Reise in die Höhle des Löwen verläuft glimpflich. Die von ihm häufig gegeißelte Wirtschafts- und Finanzelite in Davos applaudiert ihm höflich für seine Steuerreform. Viele enge Freundschaften sind jedoch nicht zu befürchten.

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Wie hat Donald Trump geschimpft, über die elitären Zirkel, die sich alljährlich in Davos zum Weltwirtschaftsforum treffen. Alles Jünger der Globalisierung, die sich auf Kosten des amerikanischen Arbeiters die Taschen füllten, wetterte er von Wahlkampfbühnen herab.

Der Auftritt von US-Präsident Donald Trumps hat unter der Wirtschaftselite in Davos nur für verhaltenen Applaus gesorgt. "Trumps Auftritt war zurückhaltender und gedämpfter als in der Vergangenheit", sagte Karl Braun, Vorstandsmitglied der Beratungsgesellschaft KPMG, am Freitag der Deutschen Presse-Agentur. "Gegenüber der Inaugurationsrede ist die Handschrift Bannons verschwunden". Der einstige Chefstratege und Wahlkampfleiter Steve Bannon war im Sommer abgetreten.

Erster US-Präsident seit 17 Jahren

Nach zwei Tagen im idyllisch verschneiten Alpenparadies ist Trump scheinbar ganz zahm geworden - und die bösen Globalisierer klatschen dem Wirtschaftsnationalisten aus Washington sogar höflich Beifall.

"Der Präsident, der sich als Kämpfer für die vergessenen Frauen und Männer ausgibt, sucht in Wahrheit die Zustimmung der Eliten", kritisierte die Chefin der Hilfsorganisation Oxfam, Winnie Byanyima.

Auch wenn der Beifall gemessen an den Ovationen für den französischen Präsidenten Emmanuel Macron eher verhalten ausfiel und der eine oder andere schon aus Davos abgereist war, als Trump die Bühne betrat: Er bekam sie, die Zustimmung.

"Ihre Steuerreform reduziert die Steuerlast erheblich und bedeutet einen großen Anschub für die Weltwirtschaft", sagte Klaus Schwab, Gründer des Weltwirtschaftforums, am Freitag in Davos an Trump gerichtet.

Und: Der US-Präsident könne sich gar nicht vorstellen, wie sehr sich alle auf seine Rede freuten, meinte Schwab. Anders als alle anderen Staats- und Regierungschefs in Davos bekam Trump sogar seinen eigenen Spielmannszug: Die Landwehr aus Fribourg (Freiburg) blies ihm auf der Bühne den "Coburger Marsch".

"America First" heißt nicht "America alone"

Die Rede selbst verlief dann weitgehend unfallfrei, vor allem aber unspektakulär. Ein bisschen Medienschelte, das musste sein, schließlich könnte ja auch die Wählerbasis in der Heimat zuhören.

Dann: "Wir können keinen fairen und freien Handel betreiben, wenn es Länder gibt, die die Regeln brechen, auf Kosten anderer." Handel müsse stets fair und gleichberechtigt sein. Und: "America First" bedeute selbstverständlich nicht "America alone".

Ansonsten war wenig zu hören von Trumps Angriffslust, die er noch kurz vor der Abreise nach Davos mit der Ankündigung von Strafzöllen demonstriert hatte, die in der deutschen Industrie Empörung auslösten.

Rückkehr zum Freihandelsabkommen?

Sogar eine Rückkehr zum Freihandel stellte Trump vage in Aussicht. "Wir haben Vereinbarungen mit einigen und wir ziehen das mit dem Rest auch in Erwägung, entweder individuell oder vielleicht als Gruppe, wenn es im Interesse aller ist", sagte er mit Blick auf das pazifische Freihandelsabkommen TPP, das elf Länder nun ohne die USA unterzeichnen wollen. Zu konkret wollte Trump offenbar nicht werden.

Nur ein kurzer Schlenker zu außenpolitischen Konfliktthemen wie Nordkorea, kein Wort zu Europa, das in Davos als politisch-ökonomische Kraft mit neuem Selbstvertrauen gerade eine Art Auferstehung gefeiert hatte.

Trumps Rede eher enttäuschend

Gemessen am Erkenntnisgewinn war der gut 15-minütige Redeauftritt enttäuschend, gemessen an der vorher geschürten Erwartungshaltung allemal. Trump bot Erwartbares.

"Er lobt sich gern selbst, also wird er über steigende Aktienkurse reden, über die Steuerreform, über Wirtschaftswachstum", hatte ein ranghoher US-Politiker schmunzelnd vorausgesagt.

Dabei war die Atmosphäre gespannt im prall gefüllten Saal, als Trump kurz vor 14.00 Uhr die Bühne betrat, gemeinsam mit Forumsgründer Schwab. 1100 Menschen, darunter Vertreter der Wirtschafts- und Finanzelite, sitzen eng zusammen, beim Einlass kommt es zu dichtem Gedränge; einige mussten draußen bleiben.

Dass es - erwartungsgemäß - kein normaler Auftritt auf dem WEF sein wird, merkt der 79-jährige Schwab, der mit seiner Organisation zum Ziel hat, "den Zustand der Welt zu verbessern", schon bald.

Als er Trumps "starke Führung" verteidigt, die anfällig sei für Missverständnisse und Vorurteile, kommt hörbar Unmut auf im Saal. Die Show auf der Bühne läuft nicht ganz parallel zu dem, was ein guter Teil der Forumsteilnehmer empfindet.

Nationen müssen "Seite an Seite" zusammenarbeiten

Das Beispiel Siemens zeigt, wie heikel die Nähe zu Trump auch für die Konzernchefs werden kann. Joe Kaeser, bei einem Abendessen am Donnerstag Trumps Tischnachbar in Davos, kündigte dank der immensen Steuererleichterungen Investitionen in ein Gasturbinen-Werk in North Carolina an.

Es dauerte nicht lang, bis ihm in Deutschland die Gewerkschaft auf den Füßen stand und nachfragte, wie das denn mit Arbeitsplätzen in Deutschland sei.

Ja, die von Trump mitverantwortete Steuerreform mit einer drastischen Senkung der Unternehmenssteuern spült viel Geld in die Kassen von Konzernen. Siemens etwa macht ein Viertel seines Umsatzes in den USA.

Doch die zunehmende Abschottung beim Handel, die sture Haltung der Amerikaner zu Strafzöllen und vor allem der Ton, in dem das oft vorgetragen wird, stimmen viele nachdenklich.

Wirtschaftsexperten befürchten schon allein deswegen Kollateralschäden, weil Trump den internationalen Dialog störe. Selbst Klaus Schwab, der so übertrieben freundlich war gegenüber Trump, schrieb diesem ins Stammbuch: "Starke, souveräne Nationen koexistieren nicht nur, sie arbeiten Seite an Seite zusammen."  © dpa