• Die US-Notenbank Fed hat die Amerikaner auf die erste Zinswende seit Ende 2018 eingestimmt.
  • Wie kamen die Notenbanker zu ihrer Entscheidung? Welche Folgen hat die Zinswende für Wirtschaft und Investoren?
  • Und wird Europa in den kommenden Monaten nachziehen?

Mehr Wirtschaftsthemen finden Sie hier

Was ist der Leitzins?

Leitzinsen geben an, unter welchen Bedingungen sich Kreditinstitute (zum Beispiel Geschäftsbanken) bei einer Zentralbank Geld leihen können. Bei einer Geldpolitik, die darauf gerichtet ist, den Leitzins dauernd niedrig zu halten, wird von Niedrigzinspolitik gesprochen, verhält sie sich umgekehrt, ist von Hochzinspolitik die Rede. Der Leitzins ist damit das wichtigste Instrument der Währungshüter, um auf wirtschaftliche Veränderungen zu reagieren, die Inflation zu bekämpfen und die Geldmenge indirekt zu beeinflussen.

Ein Beispiel: Erhöht die Zentralbank in einer wirtschaftlichen Hochphase die Zinsen, werden die Geschäftsbanken die Zinsen für ihre Kunden ebenfalls erhöhen. Höhere Zinsen bewirken eine geringere Nachfrage nach Krediten – das Preisniveau stabilisiert sich, die Wirtschaft kühlt ab. Sinken dagegen die Zinsen, können die Geschäftsbanken zu günstigeren Konditionen Kredite an Konsumenten und Unternehmen vergeben. Die wachsende Nachfrage nach Geld fördert das Wirtschaftswachstum und belebt den Aktienmarkt - gleichzeitig steigt die Gefahr einer erhöhten Inflation. Als Faustregel gilt: Zinsänderungen wirken mit einer Verzögerung von etwa einem Jahr auf Wirtschaftswachstum und Inflation.

In der Realität gehört es zu den schwierigsten Aufgaben der Notenbanken, ein sinnvolles Verhältnis zwischen Inflationsbekämpfung und Konjunkturförderung zu finden. Zwischen beidem liegen meist nur wenige Zinspunkte. Beachten muss die Notenbank auch die Nebeneffekte, die das Drehen an der Zinsschraube hat: Ein höherer Leitzins lässt beispielsweise die eigene Währung aufwerten, was Exportwaren verteuert und für Exportländer zum Problem werden kann. Zu beachten ist auch, dass hohe Zinssätze bei stark verschuldeten Staaten die Investitionsquote drücken können, weil die Regierung mehr Geld in die Refinanzierung investieren muss. All diese Faktoren machen insbesondere die Arbeit der Europäischen Zentralbank (EZB) komplex, die einen einheitliche Leitzins für den gesamten europäischen Währungsraum festlegt.

Was genau hat die US-Notenbank Fed vor?

Die Entscheidung der Fed ist nicht weniger als der Anfang einer neuen geldpolitischen Strategie – denn seit 2018 kannte die Richtung der US-Leitzinsen nur eine Richtung: Nach unten. Um die Folgen der Corona-Pandemie abzufedern, hatte die Fed den Leitzins auf das bisherige Niveau gesenkt, war jedoch durch die steigende Inflation in den USA zum Handeln gezwungen worden. Allein im Februar kletterten die Verbraucherpreise um 7,9 Prozent auf ein 40-Jahres-Hoch, was für einkommensschwache Haushalte zu einem wachsenden Problem wird.

Aus Sorge davor, die sich langsam von der Coronakrise erholende Wirtschaft abzuwürgen, hatte die Fed mehrere bereits erwartete Zinserhöhungen ausfallen lassen. Laut Notenbankchef Jerome Powell haben der Ukraine-Krieg und die dadurch steigenden Energiepreise die Fed nun aber zum Handeln gezwungen: "Der Krieg sorgt für weiteren Inflationsdruck, und wird die Wirtschaft auf vielfältige Weise treffen", erklärte Powell.

Konkret will die Notenbank den Zins um 0,25 Prozentpunkte erhöhen und gleichzeitig die Zahl ihrer Wertpapierbestände senken. Diese waren im Zuge der Pandemie auf gut neun Billionen Dollar angewachsen, auslaufende Anleihen sollen vorerst nicht mehr ersetzt werden. Dadurch soll den Finanzmärkten Liquidität entzogen werden, was ähnlich wie eine Zinserhöhung dämpfende Wirkung auf das Preisniveau entfalten soll.

All das zeigt: Die Fed steckt in einem Dilemma. Einerseits lasten steigende Inflationsraten auf den amerikanischen Verbrauchern – das spricht für eine Zinserhöhung. Andererseits dürfte der Krieg in der Ukraine negativ auf der amerikanischen Konjunktur lasten, wenngleich dieser Effekt geringer sein dürfte als in Europa. Das wiederum spricht gegen eine Zinserhöhung. Den Ausschlag für den Ausstieg aus der Niedrigzinsphase – der ja in homöopathischen Dosen erfolgt – dürfte letztlich die Sorge vor einer Lohn-Preis-Spirale gegeben haben, in der angesichts steigender Inflationserwartungen Preise, Löhne oder Mieten immer weiter ansteigen.

Überraschend ist, dass die Geldpolitiker für die Jahre 2023 und 2024 im Mittel mit einem Leitzins von 2,8 Prozent rechnen. Damit wäre der Leitzins über dem sogenannten neutralen Zinssatz, der die Wirtschaft weder stimuliert noch dämpft. Dieser wird derzeit auf rund 2,4 Prozent geschätzt. Damit deutet die Fed an, dass sie ihr Inflationsziel von zwei Prozent nicht nur in diesem, sondern auch in den beiden folgenden Jahren verfehlen wird.

Welche Folgen hat die Entscheidung für die Wirtschaft?

Die Amerikaner selbst rechnen nicht mit großen realwirtschaftlichen Effekten ihrer Entscheidung. Der Schritt war ja erwartet worden. Die Nachfrage nach Arbeitsplätzen etwa sei „sehr stark“, doch Preisstabilität sei eine wesentliche Voraussetzung dafür, sagte Fed-Chef Powell in diesem Zusammenhang. Die Sorge der Experten geht eher in die Richtung, dass die Zinsanhebung noch zu gering ausfallen könnte und den Einstieg in einen längerfristigen Inflationsprozess nicht verhindern könne. Denn verglichen zu historischen Ständen, bleiben die Zinsen auch in den kommenden Monaten tief.

Ganz anders ist die Lage in den Schwellenländern. "Schnellere Zinserhöhungen der Fed könnten die Finanzmärkte erschüttern und weltweit zu einer Straffung der Finanzierungsbedingungen führen", warnte der Internationale Währungsfonds (IWF) kürzlich in einem Blog-Beitrag. Diese Warnung gelte insbesondere für die Auswirkungen auf Schwellenländer, denen Kapitalabflüsse und Abwertungen ihrer Währungen drohten. Kapitalanlagen in diesen Ländern sind meist höher verzinst als in Europa, weil ihr Ausfallrisiko höher ist. Solange die Zinsen in den USA nahe Null waren, lohnte sich das Risiko.

Nun könnten Anleger ihre Gelder aber umschichten, weil sich auch in risikoschwächeren Umgebungen Geld verdienen lässt. Diese Sicht dürfte allerdings vor allem auf Staaten wie Kolumbien oder Venezuela zutreffen, die einen hohen Außenfinanzierungsbedarf, häufig in harter Währung, haben. Staaten wie China oder Taiwan mit gesundem Devisenhaushalt dürften von der Fed-Entscheidung weniger stark betroffen sein.

Dazu kommt: Anders als die Amerikaner haben die chinesischen Notenbanker die Wirtschaft zuletzt auf einen lockeren Geldpolitikkurs eingestimmt. In den vergangenen Monaten hat etwa die People’s Bank of China (PBoC) die Leitzinsen graduell gesenkt und die Finanzierungsbedingungen für Hypotheken gelockert.

Was macht Europa und die EZB?

In Europa ist die Lage noch komplexer als in den USA. Zum einen hat sich die Wirtschaft im Euro-Raum bei weitem nicht so stark erholt wie in Amerika. Außerdem gibt es zwischen den EU-Ländern teils massive Unterschiede in der Wachstumsentwicklung. Dazu kommt, dass die Risiken des Ukraine-Konflikts aufgrund der geographischen Nähe zu Russland höher sind als in den USA. Die EZB muss deshalb aufpassen, die zarten Aufwärtsbewegung mit einer Zinserhöhung nicht abzuwürgen. Gut möglich also, dass das EZB-Direktorium rund um Chefin Christine Lagarde mit einer Zinsanhebung noch Monate wartet – wie sie es bislang tut.

Welche Folgen hat der Entscheid für Anleger?

Steigende Zinsen gelten als ungünstig für Aktien, weil weniger Investitionen und abschwächendes Wirtschaftswachstum die Gewinnaussichten für Unternehmen senken. Dazu kommt, dass bei steigenden Zinsen die Attraktivität von festverzinslichen Anlagen (wie zum Beispiel Anleihen) steigt, und Anleger in alternative Titel umschichten. So zumindest die Theorie.

In der Praxis zeigen Studien, dass Ausschläge an den Aktienmärkten nach Leitzinsentscheidungen nicht von langer Dauer sind und erst Recht keine Trendwenden herbeiführen. Das gilt insbesondere jetzt, wo eine Straffung der Geldpolitik schon lange erwartet wurde und in vielen Papieren bereits eingepreist ist. Bewegungen lassen sich deshalb eher als Bestätigung oder Nichtbestätigung einer Erwartungshaltung interpretieren und nicht als Reaktion auf die Anhebung selbst.

Tendenziell lässt sich sagen, dass von einer Zinsanhebung vor allem jene Unternehmen betroffen sind, die ein vielversprechendes Geschäftsmodell haben, aber noch keine Gewinne erwirtschaften. Zum Beispiel stark wachsende Tech-Firmen. Mathematisch lässt sich das einfach erklären: Höhere Zinsen führen bei einer Berechnung des Unternehmenswertes dazu, dass die künftigen Gewinne aus heutiger Sicht weniger wert sind. Je höher die in Zukunft erwarteten Gewinnsteigerungen eines Unternehmens, desto stärker schlägt die Zinserhöhung auf den Gegenwartswert durch.

Der Theorie nach dürften darunter vor allem Tech-Unternehmen leiden, die sich durch eine hohe Investitionsquote auszeichnen und oft erst viele Jahre nach ihrer Gründung Gewinne abwerfen. Dazu zählen zum Beispiel junge Unternehmen wie Delivery Hero oder Uber, aber auch Biotech-Firmen, die an vielversprechenden Medikamenten arbeiten, die erst mit der behördlichen Zulassung Einnahmen generieren können. Im Vergleich dazu ist die Fallhöhe bei sogenannten Value-Werten geringer. Ihre Geschäftsmodelle sind weniger spektakulär – ihr Bewertungsverlust bei Zinserhöhungen aber entsprechend niedriger. Das trifft zum Beispiel für Unternehmen aus dem Banken-, Industrie oder Energiesektor zu.

Verwendete Quellen

  • IWF Blog - Emerging Economies Must Prepare for Fed Policy Tightening
  • Bloomberg - Powell Is Ready to Back Half-Point Hike in May If It’s Necessar
  • Deutsche Bundesbank – EZB-Zinssätze
  • Bundesfinanzministerium – Leitzinsen
Interessiert Sie, wie unsere Redaktion arbeitet? In unserer Rubrik "Einblick" finden Sie unter anderem Informationen dazu, wann und worüber wir berichten, wie wir mit Fehlern umgehen und woher unsere Inhalte kommen. Unsere Berichterstattung findet in Übereinstimmung mit den JTI-Standards der Journalism Trust Initiative statt.
Geld der Oligarchen

Russische Oligarchen horten Milliarden in der Schweiz

Der Schweizer Bankenverband spricht von 150 bis 200 Milliarden Franken.