Nach der Verhaftung von Separatisten in Katalonien verhärten sich die Fronten. Während die Regionalregierung weiter am umstrittenen Referendum über die Abspaltung von Spanien festhält, zeigt Madrid Härte. Ein Überblick über die Region - und den Konflikt.

Mehr als 40 Razzien, vierzehn verhaftete Politiker, rund 9,8 Millionen beschlagnahme Wahlzettel: Spaniens Regierung geht mit aller Härte gegen das umstrittene Referendum vor.

Aus Protest gingen tausende Menschen in Barcelona auf die Straßen. Sie blockierten die Verkehrsader Gran Vía im Zentrum der Stadt und demonstrierten mit katalanischen Flaggen vor Ministeriums- und Parteigebäuden.

Medienberichten zufolge gab es Ausschreitungen gegen die Guardia Civil. Sie wurde für die jüngsten Verhaftungen und Beschlagnahmungen eingesetzt. Die Guardia Civil ist der Zentralregierung unterstellt.

Die Gründe für das gefährliche Chaos in Katalonien sind komplex, genauso wie der Ursprung der Autonomiebewegung.

Katalonien - woher der Separatismus kommt

Katalonien liegt im Nord-Osten Spaniens.

Katalonien liegt im Nordosten Spaniens an der französischen Grenze. Dort leben rund 7,5 Millionen Einwohner, von denen mehr als zwei Drittel in der Stadt oder der Region Barcelona leben.

Katalonien gilt als eine der wirtschaftlich fortschrittlichsten und reichsten Provinzen Spaniens. Amtssprache ist Spanisch (Castellano) und Catalan, eine mit dem spanischen und französischem verwandte Sprache. Für viele Katalanen ist sie die Muttersprache.

Besonders unter der Diktatur Francisco Francos (1939-1974) litt Katalonien unter dem strengen nationalistischen Zentralismus. Sprachliche und kulturelle Autonomie war so gut wie verboten.

Das änderte sich nach dem Tod des Diktators. Seit 1978 besitzt das Land, ähnlich wie zum Beispiel das Baskenland, weitreichende eigene Rechte.

Mit den Mossos d’Esquadra verfügt das Land beispielsweise über eine eigene Polizei. Auch in der Bildungs-, der Gesundheits- und der Wirtschaftspolitik hat Katalonien weitgehende Entscheidungsbefugnis unabhängig von der Zentralregierung in Madrid.

Dennoch streben Parteien, wie die Katalanische Europäische Demokratische Partei (PDEC), eine komplette Eigenständigkeit Kataloniens als Nation an.

Was die Unabhängigkeitsbewegung will

Die Katalanen stören sich vor allem an den hohen Abgaben an die Zentralregierung in Madrid.

Der spanische "Länderfinanzausgleich" kostet Katalonien acht Prozent der Wirtschaftsleistung. Das Gebiet erwirtschaftet 20 Prozent des Bruttoinlandsprodukts Spaniens.

Einer der zentralen Kämpfer für die Unabhängigkeit ist Carles Puigdemont, Präsident des katalanischen Regierung. Der ehemalige Bürgermeister der Stadt Tarragona übernahm 2016 mit der PDEC die Macht.

Über die Verhaftungswelle und die beschlagnahmten Stimmzettel sagte er in einer landesweiten Fernsehansprache: "Die Regierung hat die rote Linie überschritten, die sie noch von einem totalitären Regime getrennt hatte, und sich in eine Schande für die Demokratie verwandelt."

Worum es in der aktuellen Auseinandersetzung geht

Aktuell entzündet sich der Streit vor allem an juristischen Fragen. Das Verfassungsgericht hat eine Abspaltung Kataloniens von Spanien verboten.

Das heißt, dass das für den 1. Oktober geplante Referendum über die Unabhängigkeit nach spanischem Recht illegal ist.

"Jede illegale Aktion und jeder Gesetzesbruch wird entsprechend beantwortet werden – und das stark, angemessen und rigoros", äußerte sich Rajoy.

Die Separatisten verurteilen diese Aussage, denn nach "jahrelangen Kämpfen für das Recht werden wir nicht einen Schritt zurückgehen", sagte Puidgemont.

"Koordinierte Aktion von Polizeikräften"

Die offizielle Erklärung spricht von einer "koordinierten Aktion von Polizeikräften des Innenministerium, mit dem Ziel eine friedliche und freiheitliche Versammlung der Katalanen am 1. Oktober zu verhindern."

Ähnlich äußern sich Kommentatoren spanischer Medien. Die spanische Zeitung "El País" meint: "Die Zentralregierung, und das ist auch die Meinung demokratischer Richter, missbraucht staatliche Institutionen und juristische Schritte, um ein eigentlich politisches Problem zu lösen."

Wie hoch ist die Chance auf eine Abspaltung?

Ob ein Referendum und eine Abspaltung Kataloniens erfolgt, ist äußerst fraglich. Experten vermuten, dass die Regierung in Barcelona mit dem angedrohten Referendum lediglich weitere Rechte, wie eine eigene Finanzhoheit, erhalten möchte.

Aktuellen Umfragen zufolge befürworten etwas mehr als 40 Prozent der Katalanen eine Unabhängigkeit, die Mehrheit ist aber dagegen.

Der Rest Spaniens steht einer Unabhängigkeit äußerst kritisch gegenüber. Prominenter Kritiker der Autonomie-Bewegung Kataloniens ist Literaturnobelpreisträger Mario Vargas Llosa.

Er sagte der Zeitung "El País": "Der Separatismus ist eine Krankheit, die schändlicherweise in Katalonien entstanden ist. Ich liebe Katalonien sehr, wo ich fünf Jahre gewohnt habe. Doch ich erkenne Barcelona nicht wieder."

Katalonien will die Unabhängigkeit. Dafür plant die Regionalregierung ein umstrittenes Referendum. Madrid will das verhindern und geht mittlerweile hart dagegen vor. Nun formt sich Protest. Wird die Lage eskalieren? Wir haben mit Politik-Experte Günther Maihold gesprochen. Er warnt vor gewaltsamen Auseinandersetzungen.