Moskaus Streitkräfte würden ausreichen, um in der Ukraine Unruhe zu stiften. Eine Bedrohung für Europa sind sie aber nicht. Glauben Experten.

In Amerika spricht man von einem neuen Kalten Krieg - mit dem Unterschied, dass die Fronten diesmal nicht in Berlin, sondern direkt an der russischen Grenze liegen. Der US-Politikwissenschaftler Stephen Cohen ist beileibe nicht der einzige, der so denkt. Doch wer einen dritten Weltkrieg heraufbeschwört, übertreibt. Denn mit dem einstigen Kräftemessen zwischen den Vereinigten Staaten und der früheren Sowjetunion hat der heutige Konflikt zwischen dem Westen und Moskau kaum etwas gemein. Die Glanzzeiten des russischen Militärs sind lange vorbei.

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Zwar steht die Föderation laut dem Global Fire Index - einer Webseite, die die militärische Stärker aller Nationen vergleicht - auf Rang zwei unmittelbar hinter den USA, doch das sagt wenig über seine tatsächliche militärische Stärke aus. Der Index vernachlässigt, in welchem Zustand die militärische Ausrüstung ist und inwieweit sie überhaupt einsatzbereit wäre. Laut Karl-Heinz Kamp, Direktor der Bundesakademie für Sicherheitspolitik, ist heute noch schwerer einzuschätzen, mit welcher militärischen Stärke Russland tatsächlich drohen kann, als während des Kalten Krieges.

Russland hat dazugelernt

Ein Szenario, in dem Russland einen Angriff auf Europa startet, hält der Experte für abwegig. "Das hätte Russland schon damals nicht gekonnt", sagt Kamp im Gespräch mit unserem Portal. "Und heute erst recht nicht". Dazu sei das Land wirtschaftlich viel zu marode. Stattdessen sieht die Informationsstelle der Bundesregierung eine ganz andere Gefahr, die Kamp "Sorgen macht": Russland habe aus seiner Georgien-Offensive gelernt.

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Damals habe die Föderation "militärisch ganz schlecht operiert", erklärt Kamp. Seither habe der Kreml angefangen, "im Rahmen seiner Möglichkeiten Teile der Streitkräfte zu modernisieren" – und vor allem schneller zu machen, in sogenannten "Snap exercices" (snap englisch für mit dem Finger schnippen). Tatsächlich sei Moskau heute in der Lage, bis zu 40.000 Mann "mit einem Fingerschnipsen" in Stellung zu bringen. Allerdings nur an einem bestimmten Punkt: Für die ganze ukrainische Grenze reiche dies keinesfalls aus, betont Kamp. Und schon gar nicht, um das "Baltikum zu überrennen".

Moskau hat ganz andere Ziele

Der Strategieexperte ist sich allerdings sicher, dass das auch gar nicht das Ziel Moskaus ist. Vielmehr könne die Streitmacht an den Grenzen als Drohgebärde dienen, während anderswo verdeckte Operationen - etwa durch "Soldaten ohne Hoheitsabzeichen" - lokal Unruhe stiften können. "Das ist schon mit einer relativ kleinen Streitmacht zu erreichen", sagt Kamp.

Langfristig könnte Moskau aber auch mit dieser Taktik nichts gewinnen. "Den Konflikt mit dem Westen kann Russland nur verlieren", urteilt der Experte. Schon jetzt zahle die Föderation einen hohen wirtschaftlichen und politischen Preis. Die verhängten Sanktionen kosten das Land Milliarden. Das Beunruhigende: Offenbar ist der Kreml bereit, dies in Kauf zu nehmen.

Doch wozu? Kamp fällt es schwer, Putins Strategie zu durchschauen. Er ist sich nicht sicher, ob der offenbar wachsende innenpolitische Druck auf Putin ihn zu vermeintlichen "ex-sowjetischen Großmachtbestreben" verleiten. Dabei muss Russland klar sein, dass es militärisch nicht in der Lage ist, einen Krieg gegen die Nato zu führen: "Das weiß Russland auch."

Zeit spielt Wladimir Putin in die Hände

Putins einzige Waffe ist daher die Zeit: Mit seinem Snap-Training hat er das russische Militär dazu gebracht, schnell mehrere zehntausend Soldaten zusammenzutrommeln. "Diese Fähigkeiten hat die Nato nicht mehr", erklärt Kamp. So hat sich die Bundeswehr dazu verpflichtet, im Fall eines Angriffs eines anderen Nato-Staats mehrere tausend Soldaten bereitzustellen. "Das dauert aber 180 Tage." Selbst die schnelle Einsatztruppe der Nato bestehe eher auf dem Papier: Tatsächlich brauche sie 30 Tage, bis sie einsatzbereit sei. "Russland schafft das innerhalb von drei Tagen", sagt Kamp.

Die vergangene Woche angestoßene Speerspitze, für die Deutschland allein in diesem Jahr 2.700 Soldaten, insgesamt aber bis zu 5.000 zur Verfügung stellt, soll insgesamt auf 20.000 bis 25.000 Streitkräfte anwachsen. Laut Kamp eine "sehr optimistische Annahme", da die Nato-Mitgliedsstaaten ihr Militär freiwillig entsenden. Dennoch sei die schnelle Eingreiftruppe der Nato nicht zu unterschätzen. Zwar sei Vieles in der Schwebe, aber eines sei sicher: "Es wird eine signifikante Streitkraft sein" – mit mehreren tausend Mann, schätzt Kamp.

Nato-Eingriff in Ukraine steht nicht zur Debatte

Dass die Nato auf dem Hoheitsgebiet der Ukraine eingreift, hält der Militärexperte allerdings für ausgeschlossen: "Das steht nicht zur Debatte", stellt er klar. Dafür bräuchte es schon eine "smoking gun" – also einen klaren Beweis, dass das Militär unter russischer Flagge dort einmarschiert ist. Dass die Separatisten von Russland unterstützt würden, sei zwar völlig klar, "aber es rechtfertigt keine völkerrechtliche Intervention". Bliebe noch Russlands letzte Karte: seine Atomwaffen. Immer wieder warnte Putin den Westen: "Vergesst nicht, dass wir eine Nuklearmacht sind."

"Wir im Westen sagen: Na und", konterte Kamp. Zwar probt der Kreml bei seiner alljährlichen Militärübung - der "zapad" (russisch für "Westen") - Nuklearschläge auf Warschau. Und in der neuen Militärstrategie werden Atomwaffen als "Mittel der Deeskalation" beschrieben. Kamp wiegelt jedoch ab: "Für Russland ist das immer noch eine Machtwährung". Doch auch der Kreml wisse, dass ein Nuklearschlag unweigerlich einen mindestens ebenso verheerenden Gegenangriff zur Folge hätte. "Mit Atomwaffen kann man keinen Krieg gewinnen", schließt der Experte. Dennoch setze Putin mit seinen Andeutungen ein "Bedrohungssignal, das die Menschen im Baltikum beunruhigt".

Rein kräftemäßig würde Russland der Nato in jedem Fall unterliegen: Gegen eine Million Streitkräfte, die Moskau mobilisieren könnte, stehen 3,5 Millionen des westlichen Bündnisses. Ganz ausschließen will Kamp eine konventionelle militärische Auseinandersetzung dennoch nicht: Ein Konflikt bleibe immer eine "mobile Sache".