Überraschende Entwicklung im deutsch-türkischen Streit: Die türkische Regierung zieht die Terrorliste, auf der 681 Firmen und Einzelpersonen standen, zurück. Es habe sich um ein Missverständnis gehandelt, heißt es aus Ankara.

Die Türkei geht im Streit mit Deutschland einen Schritt auf Berlin zu. Wie das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" als erstes berichtete, hat die türkische Regierung eine Liste mit 681 Unternehmen und Einzelpersonen am Wochenende förmlich zurückgezogen. Dies wurde von einem Sprecher des Bundesinnenministeriums bestätigt.

Zudem habe die Interpol-Stelle in Ankara am vergangenen Samstag die ursprüngliche Bitte an das BKA "förmlich zurückgezogen", zu diesen Unternehmen verschiedene Informationen zuzuliefern. "Das nehmen wir als Klarstellung zur Kenntnis", sagte ein Sprecher von Innenminister Thomas de Maizière.

Nachrichten sind langweilig und dröge? Es kommt auf den Blickwinkel an.

Auf der Terrorliste befanden sich unter anderem BASF und Daimler. Auch den beiden Industrieriesen wurde vorgeworfen, terroristische Organisationen zu unterstützen. Konkret ging es um die Bewegung des türkischen Predigers Fetthulah Gülen.

Der türkische Innenminister Süleyman Soylu soll dem "Spiegel" zufolge auf eigenen Wunsch mit seinem deutschen Amtskollegen de Maizière telefoniert und von einem Missverständnis gesprochen haben. Soylu stellte in diesem klar, dass es keine Ermittlungen gegen deutsche Unternehmen gebe.

Steudtner-Anwälte legen Einspruch ein

Neuigkeiten gibt es ebenso vom in der Türkei inhaftierten deutschen Menschenrechtler Peter Steudtner und dessen schwedischem Kollegen Ali Gharavi.

Deren Anwälte legten Einspruch gegen die Untersuchungshaft ein. Anwalt Murat Boduroglu vom zuständigen Kanzleiteam sagte der Deutschen Presse-Agentur am Montag, er rechne mit einer Entscheidung des Istanbuler Strafgerichts spätestens an diesem Dienstag.

Erstmals hätten am Montag Vertreter des deutschen und des schwedischen Generalkonsulats Zugang zu Steudtner und Gharavi in der U-Haft im Gefängnis im Istanbuler Stadtteil Maltepe bekommen.

Boduroglu gehört zum Kanzleiteam, das Steudtner und Gharavi vertritt. Der Anwalt wollte keine Prognose darüber abgeben, wie das Gericht über den Einspruch entscheiden könnte. "Es ist ein schwerer Fall, ein sehr politischer Fall", sagte der Anwalt.

Er bemängelte, das Gericht habe die Akten der Geheimhaltung unterworfen und erlaube den Anwälten nicht, diese einzusehen. "Wir haben Akteneinsichtverbot."

Steudtner soll Terrororganisation unterstützt haben

Die Staatsanwaltschaft werfe Steudtner, Gharavi und den beschuldigten türkischen Menschenrechtlern Unterstützung einer Terrororganisation vor. Außerdem ermittele sie wegen Spionagevorwürfen.

Steudtner, Gharavi und acht türkische Menschenrechtler waren am 5. Juli festgenommen worden. Acht der insgesamt zehn Beschuldigten sitzen in Untersuchungshaft, darunter neben den beiden Ausländern auch Amnesty-Landesdirektorin Idil Eser. (tfr/dpa)