Eine Zweidrittelmehrheit der in Deutschland lebenden Türken hat beim Referendum für das Präsidialsystem von Erdogan gestimmt - deutlich mehr, als in der Türkei. Besonders viele Befürworter fand die Verfassungsreform im Ruhrgebiet, die größte Ablehnung in Berlin.

Wahlbeobachter: Unregelmäßigkeiten bei Türkei-Referendum.

Von den 1,43 Millionen wahlberechtigten Türken in Deutschland gaben nur knapp 50 Prozent ihre Stimme ab - davon entfielen allerdings 63,1 Prozent auf das "Ja".

Die Zustimmung in Deutschland ist damit weitaus höher als in der Türkei: Nach dem vorläufigen Ergebnis der Wahlkommissionen fielen dort insgesamt nur 51,3 Prozent aller Stimmen auf "Ja".

In allen 13 Generalkonsulaten, denen die Wahlberechtigten in Deutschland zugeordnet sind, gab es mehr "Ja"- als "Nein"-Stimmen.

Höchster "Ja"-Anteil im Ruhrgebiet

Der höchste "Ja"-Anteil wurde nach einer Übersicht der türkischen Zeitung "Daily Sabah" mit 75,9 Prozent im Ruhrgebiet (Generalkonsulat Essen) verzeichnet. Die meisten "Nein"-Stimmen kamen mit 49,9 Prozent im Generalkonsulat Berlin zusammen, wo das "Ja"-Lager dennoch mit 50,1 Prozent einen hauchdünnen Sieg davontrug.

Die Ergebnisse der Generalkonsulate und ihres jeweiligen Einzugbereiches im Einzelnen:

  • Berlin: 50,1 Prozent "Ja", 49,9 Prozent "Nein"
  • Düsseldorf: 69,6 Prozent "Ja", 30,4 Prozent "Nein"
  • Essen: 75,9 Prozent "Ja", 24,1 Prozent "Nein"
  • Frankfurt: 57,8 Prozent "Ja", 42,2 Prozent "Nein"
  • Hamburg: 57,0 Prozent "Ja", 43,0 Prozent "Nein"
  • Hannover: 58,6 Prozent "Ja", 41,4 Prozent "Nein"
  • Karlsruhe: 61,6 Prozent "Ja", 38,4 Prozent "Nein"
  • Köln: 64,1 Prozent "Ja", 35,9 Prozent "Nein"
  • Mainz: 64,5 Prozent "Ja", 35,5 Prozent "Nein"
  • München: 62,7 Prozent "Ja", 37,3 Prozent "Nein"
  • Münster: 64,0 Prozent "Ja", 36,0 Prozent "Nein"
  • Nürnberg: 55,4 Prozent "Ja", 44,6 Prozent "Nein"
  • Stuttgart: 66,3 Prozent "Ja", 33,7 Prozent "Nein"

Türkische Gemeinde in Deutschland besorgt

So reagieren türkische und internationale Medien auf Ausgang des Referendums.

Die Türkische Gemeinde in Deutschland zeigte sich besorgt über die große Zustimmung der umstrittenen Verfassungsreform unter Deutschtürken.

"Wir - also die Parteien und Organisationen - müssen das Ergebnis genau analysieren und Wege finden, wie man diese Menschen besser erreicht, die in Deutschland in Freiheit leben, aber sich für die Menschen in der Türkei die Autokratie wünschen", sagte der Vorsitzende Gökay Sofuoglu der "Heilbronner Stimme" und dem "Mannheimer Morgen".

Der Vorsitzende der Islamischen Gemeinschaft Milli Görus (IGMG), Kemal Ergün, erklärte, das türkische Volk habe in einer demokratischen Wahl entschieden. "Jetzt gilt es, diese Wahl zu respektieren und gemeinsam nach vorne zuschauen."

Er wünsche sich, dass das Ergebnis "zur ersehnten politischen und gesellschaftlichen Harmonisierung" beitrage. Die IGMG ist die zweitgrößte muslimische Religionsgemeinschaft in Deutschland.

Özdemir erwartet Bekenntnis zum Grundgesetz

Grünen-Chef Cem Özdemir fordert nach dem Referendum in der Türkei von Deutsch-Türken in der Bundesrepublik ein klareres Bekenntnis zum Grundgesetz.

"Die Auseinandersetzung um Herz und Verstand der Türkeistämmigen muss endlich aufgenommen werden", sagte Özdemir der Deutschen Presse-Agentur. "Künftig muss stärker darauf bestanden werden, dass auf Dauer in Deutschland Lebende nicht nur mit den Zehenspitzen auf dem Boden des Grundgesetzes stehen, sondern mit beiden Füßen."

Das Wahlergebnis zeige "in einem Brennglas" die Versäumnisse in der Integrationspolitik, sagte er weiter. Auf die Türken, die "gegen die orientalische Despotie" gestimmt hätten, kämen wohl schwere Zeiten zu, sagte Özdemir. "Die Menschen, die sich für Demokratie eingesetzt haben, brauchen unsere Unterstützung gerade jetzt."

Zustimmung in Belgien am höchsten

In einigen anderen Ländern lag die Zustimmung zum geplanten Präsidialsystem noch über dem "Ja"-Anteil der Türken in Deutschland:

  • Belgien: 75,0 Prozent "Ja", 25,0 Prozent "Nein"
  • Österreich: 73,2 Prozent "Ja", 26,7 Prozent "Nein"
  • Niederlande: 71,0 Prozent "Ja", 29,0 Prozent "Nein"
  • Frankreich: 64,85 Prozent "Ja", 35,15 Prozent "Nein"

Das "Nein" unter Auslandstürken überwog in folgenden Ländern (Auswahl):

  • Tschechien: 87,5 Prozent "Nein", 12,5 Prozent "Ja"
  • Vereinigte Arabische Emirate: 86,7 Prozent "Nein", 13,3 Prozent "Ja"
  • Bahrain: 86,4 Prozent "Nein", 13,6 Prozent "Ja"
  • USA: 83,8 Prozent "Nein", 16,2 Prozent "Ja"
  • Großbritannien: 79,8 Prozent "Nein", 20,3 Prozent "Ja"
  • Bulgarien: 71,35 Prozent "Nein", 28,65 Prozent "Ja"
  • Aserbaidschan: 61,7 Prozent "Nein", 38,3 Prozent "Ja"
  • Australien: 58,2 Prozent "Nein", 41,8 Prozent "Ja"

Yeneroglu begrüßt Zustimmung der Auslandstürken

Der Leiter der AKP-Wahlkampagne im Ausland, der türkische Abgeordnete Mustafa Yeneroglu, hat die große Zustimmung der Auslandstürken beim Verfassungsreferendum begrüßt. "Trotz zahlloser Hindernisse und massiver Behinderungen haben wir als Ak-Partei einen erfolgreichen Wahlkampf geführt", teilte er am Montag mit.

Kritik von CDU-Vizechefin Julia Klöckner an "Türken, die in Deutschland für Ja gestimmt haben, aber das theoretische Nein hier genießen" wies Yeneroglu scharf zurück. Auf Twitter schrieb er: "Diese Arroganz, die denkt, die Demokratie für sich gepachtet zuhaben, ist nicht nur elitistisch, sondern im Denken auch kolonialistisch."

Wahlkampfauftritte von türkischen Regierungsvertretern in der EU hatten zu schweren Spannungen geführt. "Es bleibt zu hoffen, dass Politik, Wissenschaft und Medien in diesen Ländern den Ausgang der Wahlen neubewerten", hieß es in der Mitteilung Yeneroglus. (dpa / jwo)

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