Recep Tayyip Erdogan hat an Musliminnen appelliert, zu heiraten und Kinder zu bekommen. Damit knüpft der türkische Staatspräsident an eine Forderung vom Frühjahr an, als er "nicht drei, sondern fünf Kinder" als Ziel ausgab, um den Einfluss der Türkei in Europa auszuweiten.

"Was sagen mein Gott und unser Prophet? Der Befehl ist klar und deutlich. Vermählt Euch, heiratet und vermehrt Euch", sagte Erdogan am Freitag im Präsidentenpalast in Ankara vor jungen Frauen aus 50 muslimischen Staaten. "Es ist Pflicht eines Muslims, sich zu vermehren."

Erdogan: Politikerin, Lehrerin, Kriegerin"

"Der Staatschef betonte aber zugleich, dass muslimische Frauen nicht notwendigerweise auf die Mutterrolle beschränkt sein sollten.

"Natürlich ist die Mutterschaft das größte Geschenk Gottes an die Frauen", sagte Erdogan.

"Die Mutterschaft zu leugnen heißt, die Natur, also die Schöpfung zu leugnen. Aber die muslimische Frau ist nicht nur eine gute Mutter, sondern wenn nötig auch eine bahnbrechende Wissenschaftlerin, Politikerin, Lehrerin und sogar eine kühne Kriegerin."

Im Frühjahr hatte Erdogan Türken in Europa dazu aufgerufen, ihren Einfluss auszuweiten und mehr Kinder zu zeugen. "Macht nicht drei, sondern fünf Kinder, denn Ihr seid die Zukunft Europas", hatte er gesagt.

Hintergrund war ein Streit vor allem mit Deutschland und den Niederlanden über Auftrittsverbote für türkische Regierungsvertreter.

Zuletzt war Bewegung in die Familienpolitik in der Türkei gekommen. So dürfen künftig auch islamische Rechtsgelehrte zivile Eheschließungen durchführen.

Kritik an neuem Gesetz: Kinderheirat Tür und Tor geöffnet

Das Gesetz war am vergangenen Freitag in Kraft getreten. Präsident Recep Tayyip Erdogan hatte es unterschrieben. Bisher hatten nur bestimmte Staatsbeamte die Befugnis zur zivilen Eheschließung.

Das türkische Parlament hatte dem entsprechenden Gesetzesentwurf der islamisch-konservativen Regierungspartei AKP am 19. Oktober zugestimmt. Der Entwurf war auf scharfe Kritik der Opposition gestoßen.

Die Mitte-Links-Partei CHP bemängelte, das Gesetz untergrabe den laizistischen Staat und sei verfassungswidrig. Zudem werde es Kinderheirat Tür und Tor öffnen.

In der pro-kurdischen HDP warf man der AKP vor, die Gesellschaft islamisieren zu wollen.

Justizminister Abdulhamit Gül hatte den Beschluss des Parlaments verteidigt. Gesetze müssten auf die gesellschaftlichen Gegebenheiten eingehen, so Gül. In ländlichen Gebieten würde damit die Registrierung von Ehen erleichtert.

Vor den Jamaika-Sondierungsgesprächen zur Außenpolitik hat Grünen-Chef Cem Özdemir gefordert, die deutschen Häftlinge in der Türkei zur Priorität der Diskussionen zu machen.


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