Zehntausende Ausländer ohne Behördenkontakt sollen untergetaucht sein. Frühere Schätzungen vermuten weitaus mehr. Wie hoch die Zahl tatsächlich ist, weiß allerdings niemand. Denn seit Beginn der Flüchtlingskrise sind wichtige Daten durcheinandergeraten.

Mit Beginn der Flüchtlingskrise 2015 kamen hundertausende Menschen nach Deutschland, um Schutz zu suchen. Vor Krieg, Vertreibung, politischer Verfolgung.

Bis Ende 2016 zählte das Ausländerzentralregister (AZR) 1,6 Millionen Schutzsuchende. Damit stieg die Anzahl seit Ende 2014 um 113 Prozent.

Bei etwa einem Drittel ist der Schutzstatus noch offen, 158.000 erhielten dagegen keinen. Damit befindet sich jeder sechste Ausländer aus humanitären Gründen in Deutschland.

Wer mit seinem Asylantrag keinen Erfolg hat, muss das Land grundsätzlich wieder verlassen. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes wurde die Ausreisepflicht jedoch bei 118.000 Menschen aufgrund einer Duldung vorübergehend ausgesetzt.

Zweifel an den Zahlen

Die "Bild"-Zeitung berichtete nun, dass 30.000 abgelehnte Asylbewerber einfach verschwunden seien - untergetaucht oder ausgereist. Die Behörden hätten keinen Kontakt zu diesen Personen.

Die Zeitung bezieht sich dabei auf Zahlen aus dem Asylbewerberleistungsgesetz. Die Rechnung: Ende Dezember 2016 seien im Ausländerzentralregister (AZR) rund 54.000 Personen als ausreisepflichtig gemeldet gewesen. Dem Statistischen Bundesamt zufolge hätten 2016 aber nur rund 24.000 dieser Personen Asylbewerberleistungen bezogen. Die Differenz aus beiden Zahlen ergibt die angeblich verschwundenen Ausländer.

Eine Rechnung, die so nicht stimmen kann. Das Bundesinnenministerium und das Amt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) kritisieren sie scharf.

Der Artikel verkenne grundsätzlich, dass die im AZR als ausreisepflichtig gelistete Personen nur zur Hälfte abgelehnte Asylbewerber seien. Das heißt: Unter den Ausreisepflichtigen gibt es auch Ausländer, die nie einen Asylantrag gestellt haben. Zu berücksichtigen sei, dass auch Menschen mit abgelaufenen Visen erfasst seien. Urlauber zum Beispiel.

Weder alle Ausreisepflichtigen noch die Gruppe der ausreisepflichtigen abgelehnten Asylbewerber bezögen entsprechende Leistungen.

Darüber hinaus könne "durch eine automatisierte Abfrage nicht unterschieden werden, ob die dort registrierte Ablehnung ursächlich für die derzeit bestehende Ausreisepflicht ist", teilte das BAMF unserer Redaktion auf Nachfrage mit.

Denn Ablehnungen blieben dauerhaft gespeichert und würden allenfalls bei einem erneuten Asylantrag überschrieben. "Demzufolge kann im Einzelfall die Ablehnung bereits jahrzehntelang zurückliegen", so das BAMF weiter.

Das Innenministerium räumt allerdings ein: Nicht in jedem Fall sei auszuschließen, dass ein Ausreisepflichtiger ohne Kenntnis der Behörden das Land verlasse oder untertauche und weiter im Ausländerzentralregister gelistet sei.

Einen genauen Überblick darüber, wer wieder ausreist, haben Bund und Länder, wenn sie die Rückführung selber organisieren – also abschieben. Bei freiwilligen Ausreisen ist das komplizierter. Erfasst werden Menschen, die finanzielle Hilfe für die Ausreise beantragen.

Wer dagegen auf eigene Faust loszieht, wird nicht unbedingt registriert. Nur wenn die abgelehnten Asylbewerber die sogenannte Grenzübertrittsbescheinigung abgeben. Wird dies versäumt, wissen die Behörden nicht, ob sie das Land schon verlassen haben oder ob sie gar untergetaucht sind.

Keine Schätzungen möglich

Die Kritik an der Berechnung der "Bild" heißt im Umkehrschluss nicht, dass weniger Menschen untergetaucht sind. Sie offenbart aber ein generelles Problem, das Deutschland seit 2015 hat: Verlässliche aktuelle Daten, aufgrund derer Schätzungen erfolgen könnten, gibt es nicht. Denn allein das Register weist teils erhebliche Defizite auf.

So wurden 392.000 Ausländer im AZR nicht berücksichtigt - weil man nicht weiß, ob es sich um Schutzsuchende handelt.

Außerdem existiert eine unbekannte Zahl von mehrfach erfassten Ausländerinnen und Ausländern.

Für die Jahre 2010 bis 2014 hatte die Migrationsforscherin Dita Vogel geschätzt, wie viele "irregulär aufhältige" Ausländer (untergetauchte Personen) in Deutschland lebten. Für die Jahre 2010 bis 2014 ergab sich eine stete Zunahme. Vogel schätzt, dass es 2014 zwischen 180.000 und 520.000 Menschen waren.

Für ihre Berechnungen zog die Expertin damals die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) heran. Im Gespräch mit unserer Redaktion sagte Vogel, dass diese Methode für 2016 aufgrund des Datendilemmas nicht mehr tauge.

"Die Daten der PKS für das Jahr 2015 sind nicht für Schätzungen geeignet, weil Asylverwaltung und Polizei zum Teil überlastet waren und Daten anders oder gar nicht erfasst haben."

Wie hoch die Anzahl der untergetauchten Ausländer ohne Behördenkontakt tatsächlich ist, lässt sich momentan also nicht genau schätzen.

Einige Trendindikatoren könnten allerdings Hinweise geben. "Es kann davon ausgegangen werden, dass ein Teil der abgelehnten Asylbewerber in Deutschland bleibt. Wenn die Zahl der Asylablehnungen steigt, ist daher auch mit einem Anstieg der Zahl der Menschen ohne jeden Aufenthaltsstatus zu rechnen."

Die Zahl der untergetauchten Personen müsse über die Jahre aber nicht konstant sein.

Dass die Datensammlung strukturelle Mängel hat, geben die Behörden offen zu. Bund und Länder hätten sich bereits Anfang dieses Jahres bereiterklärt, für eine zeitnahe Erfassung und kontinuierliche Pflege der Daten Sorge zu tragen.

Seit Mitte Mai führt das BAMF deshalb Workshops in den Bundesländern durch. Zudem würden Daten bereinigt und nacherfasst, teilte die Behörde mit. (fab)

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