Der luxemburgische Außenminister Jean Asselborn hat sich entsetzt über Berichte über einen Chemiewaffeneinsatz in der umkämpften Rebellenprovinz Ost-Ghuta gezeigt. In der Region werde gegen die elementarsten Regeln der Menschlichkeit verstoßen, sagte Asselborn am Montag am Rande eines EU-Außenministertreffens in Brüssel.

Die Gewaltexzesse im syrischen Ost-Ghuta sorgen bei Jean Asselborn für Fassungslosigkeit. Der Außenminister Luxemburgs fordert die in Syrien involvierten Parteien auf, dem Töten und Sterben Einhalt zu gebieten.

Asselborn: "Gewalt, nur Gewalt"

Es sei eine Schande, wie dort mit den Menschen umgegangen werde. "Wir sind wieder im Mittelalter, im tiefen Mittelalter", sagte Asselborn. Es gebe "Gewalt, nur Gewalt".

Asselborn forderte den Iran und Russland, aber auch die USA und die Türkei auf, ihre Möglichkeiten und ihren Einfluss zu nutzen, um die "Barbarei" in Syrien zu stoppen.

Die am Samstag verabschiedete Resolution des UN-Sicherheitsrats für eine Waffenruhe sehe ja keine Sanktionsmöglichkeiten vor, sagte Asselborn.

Die Berichte über einen Chemiewaffeneinsatz in Ost-Ghuta stammen von Aktivisten und Oppositionellen.

Ihren Angaben zufolge soll bei einem Beschuss des Ortes Al-Schafuniah mit Chlorgas am Sonntagabend ein Kind ums Leben gekommen sein. 18 weitere Menschen seien verletzt worden.

Für den Angriff werden von den Rebellen syrische Regierungstruppen verantwortlich gemacht.

Schlimmste Angriffswelle seit sieben Jahren

Das seit 2013 von Regierungstruppen belagerte Gebiet Ost-Ghuta nordöstlich von Damaskus erlebt seit einer Woche die schlimmste Angriffswelle seit Beginn des Bürgerkriegs vor fast sieben Jahren.

In Wochenfrist wurden über 500 Zivilisten getötet, darunter mehr als 120 Kinder, wie die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte berichtete.

Zudem seien mehr als 2.400 Menschen verletzt worden, Krankenhäuser mussten den Betrieb einstellen. In Ost-Ghutasollen etwa 400.000 Menschen eingeschlossen sein.

Die 15 Mitglieder des UN-Sicherheitsrates hatten am Samstag für eine Resolution gestimmt, die die dramatische Lage in dem Bürgerkriegsland mit einer zunächst 30 Tage geltenden Waffenruhe für ganz Syrien entschärfen soll.

Völkerrechtlich nicht bindend

Völkerrechtlich bindende Druckmittel enthält der Resolutionstext allerdings nicht. Und der Kampf gegen bestimmte Islamistengruppen darf weitergehen. Die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) und Al-Kaida-nahe Organisationen sind von der Resolution ausgenommen.

Daher ist unklar, ob sich die Konfliktparteien an die Waffenruhe halten werden.

Bundeskanzlerin Angela Merkel und der französische Präsident Emmanuel Macron drängten in Moskau auf Hilfe bei einer Waffenruhe in Ost-Ghouta.

In einem Telefonat mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin riefen sie Russland auf, "maximalen Druck auf das syrische Regime auszuüben, um eine sofortige Einstellung ‎der Luftangriffe und Kämpfe zu erreichen". Moskau ist einer der engsten Verbündeten des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad.

Russlands Präsident Putin wies Merkel und Macron nach Kreml-Angaben darauf hin, dass es der UN-Resolution zufolge im Kampf gegen terroristische Gruppen keine Feuerpause gebe.

Die Rebellengruppen in Ost-Ghuta werden von Islamisten dominiert - auch etwa 600 Kämpfer eines Ablegers des Terrornetzwerkes Al-Kaida sollen sich dort befinden.

Papst Franziskus übt scharfe Kritik

Nach einer relativ ruhigen Nacht in Ost-Ghuta gingen am Sonntag weiter Luftangriffe und Artilleriefeuer auf das Gebiet nieder, wie die Beobachtungsstelle berichtete.

Auch Fassbomben seien aus Helikoptern abgeworfen worden. Von den Außengrenzen der Rebellenhochburg wurden Gefechte zwischen Aufständischen und Regierungstruppen gemeldet.

Papst Franziskus forderte am Sonntag ein sofortiges Ende der Gewalt in Syrien. "Hunderte, Tausende zivile Opfer, Kinder, Frauen, alte Menschen sind betroffen", sagte er nach dem Angelus-Gebet auf dem Petersplatz. "Brüder und Schwester, all das ist unmenschlich. Man kann nicht das Böse mit dem Bösen bekämpfen."

UN-Generalsekretär: "Höchste Zeit, Hölle auf Erden zu beenden"

Auch von UN-Seite setzte es Kritik. Sowohl UN-Generalsekretär António Guterres als auch der UN-Hochkommissar für Menschenrechte, Said Raad al-Hussein, riefen die syrische Regierung am Montag in Genf auf, die Feuerpause umgehend umzusetzen.

Jüngste Berichte über einen neuen Giftgaseinsatz in Ost-Ghuta erwähnten die UN-Vertreter in Genf zunächst nicht. Auch am Montag kamen bei Angriffen auf Ost-Ghuta nach einem Bericht der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte mindestens zehn Menschen um.

"Es ist höchste Zeit, die Hölle auf Erden dort zu beenden", sagte Guterres. Konfliktparteien hätten grundsätzlich die Verpflichtung, die Menschenrechte der Zivilbevölkerung zu achten: "Auch der Kampf gegen den Terrorismus macht diese Verpflichtung nicht überflüssig."

Al-Hussein kritisierte die Vetomächte im UN-Sicherheitsrat, die wichtige Resolutionen zum Schutz der Zivilbevölkerung verhinderten. "Sie müssen sich letztlich vor den Opfern verantworten", sagte er. Das mit Syrien verbündete Russland hatte im Sicherheitsrat eine härtere Version der Resolution verhindert. (dpa/mwo/ank)

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Ost-Ghuta in Syrien von blutiger Angriffswelle erschüttert

Die Truppen des syrischen Machthabers Baschar al-Assad überziehen Ost-Ghuta mit einer massiven Angriffswelle. Die Situation der rund 400.000 Menschen in der Region ist verheerend, Worte und dramatische Bilder können das Leid der Bevölkerung kaum ermessen.