• Im Sommerinterview mit Robert Habeck, Co-Chef der Grünen, verschenkt Journalistin Shakuntala Banerjee wertvolle Gelegenheiten.
  • Lieber hängt sie sich an Querelen im Wahlkampf auf, als nach den politischen Plänen der Partei zu fragen.
  • Als es um die Frage geht, wie dringende Investitionen finanziert werden sollen, ist bereits wieder Schluss.
Christian Vock.
Eine Kritik

Mehr aktuelle News finden Sie hier

Am Strand von Wassersleben, einer Siedlung nördlich von Flensburg, trifft Shakuntala Banerjee den Co-Vorsitzenden der Grünen, Robert Habeck. Ein idyllisches Plätzchen und dementsprechend passend, um erst einmal sanft ins Gespräch zu kommen. Doch Banerjee geht mit ihrer ersten Frage direkt in die Vollen. Wie oft er diese Atmosphäre seiner Heimat brauche, um nicht zu verzweifeln über den „vermurksten“ Wahlkampf der Grünen, will Banerjee wissen.

„Der grüne Wahlkampf hatte ein paar Probleme, aber er ist das Gegenteil von dem, was Sie gesagt haben und ich freue mich auf den August und den September“, antwortet Habeck. Worüber er sich nicht freut, sei die Lage im Saarland, wo die Grünen mit der Landesliste nicht mehr zur Bundestagswahl antreten dürfen. „Das ist wirklich eine bescheidene Situation“, äußert Habeck seinen Unmut. Er will die Stimmen, die dort verloren gehen, woanders wettmachen.

Banerjee hakt an dieser Stelle immer wieder nach, während Habeck klarzumachen versucht, dass es aufgrund der aktuellen Dramatik der Klimakrise wichtiger sei, nach vorne zu blicken: „Die Entscheidung, dass das Saarland nicht die Grünen wählen kann, ist zeitgleich gewesen mit der Nachricht, dass der Golfstrom kollabiert.“

Robert Habeck sieht die Grünen dicht an der Union: "Alles ist möglich"

Doch Banerjee will statt über Inhalte weiterhin lieber über Wahlkampfstrategien sprechen, zum Beispiel darüber, wer die Verantwortung trage, dass die Grünen in Umfragen nicht mehr gleichauf mit der Union liegen. Es habe ein Zwischenhoch gegen, aber „wir haben immer noch eine sehr gute Ausgangsposition. Die Union hat eigene Probleme. Wir sind so weit nicht auseinander. Alles ist möglich“, antwortet Habeck und versucht erneut, über Inhalte zu reden – mit einem Wink über diese Art von Interviews: „Wir müssen jetzt sehen, dass wir deutlich machen - und das scheint, wenn ich an Interviews denke, die ich diese Woche gegeben habe, noch nicht einmal bei informiertem Journalismus angekommen zu sein, was die Dringlichkeit ist -, wie sich das Wetter immer extremer gebiert, wie Leben und Freiheit von Menschen in Gefahr sind und dass wir jetzt handeln müssen.“

Das ZDF und Banerjee scheinen aber erst einmal weiter nicht an Inhalten, sondern lieber an persönlichem Klein-Klein interessiert zu sein. Ein 60-Sekunden-Einspieler rollt noch einmal vergangene Fehler im Wahlkampf auf, damit Banerjee sich auf die nächste Irrelevanz stürzen kann: „Wie schwer ist es eigentlich für Sie, der Frau, der Sie unterlegen sind, jetzt beim Scheitern zuzuschauen?“ Genauso gut hätte Banerjee Habeck fragen können, was er von Baerbocks Kleiderwahl hält – für eine Entscheidungsfindung der Bürger, wen sie wählen sollen, hat jedenfalls beides keinerlei Bedeutung.

Das versucht Habeck seiner Interviewerin auch durch die Blume zu sagen. Ihn fülle seine Rolle aus, aber: „Es geht gar nicht um die Grünen in diesem Wahlkampf. Es geht darum, dass die Gesellschaft entlang der Analysen der Wirklichkeit handlungsfähig wird. Und das sind wir nicht.“ Übersetzt bedeutet das: Es ist völlig egal, ob jemand im Wahlkampf irgendwo eine Zeile abgeschrieben oder an unpassender Stelle gelacht hat. Die Probleme, die wir haben, sind so groß, dass sie endlich angegangen werden müssen.

Robert Habeck über Impfungen, Coronatests und Migration

„Bei Ihnen geht’s buchstäblich ums Überleben der Menschheit": Banerjee scheint erst nach knapp der Hälfte der Interviewzeit ein Gespür dafür zu bekommen, worauf ihr Interviewpartner die ganze Zeit hinauswill, degradiert diese Erkenntnis aber wieder zu einer Personalie: „Müssen Sie dann nicht sagen: Es ist jedes Mittel recht, um ins Kanzleramt zu kommen, auch der Austausch der Kanzlerkandidatin Baerbock gegen einen Kanzlerkandidaten Habeck?“

Man muss es wirklich nicht mit den Grünen halten oder Mitleid mit Habeck haben, aber es ist ein journalistisches Trauerspiel, dass Banerjee erst nach zehn von zwanzig Minuten die erste inhaltliche Frage stellt und bis dahin lieber mit Umfrage- und Beliebtheitswerten hantiert. Dementsprechend wenig Zeit bleibt dem Zuschauer, etwas über die Pläne der Grünen zu erfahren. Über den Ausschluss von Ungeimpften von gewissen Aktivitäten sagt Habeck etwa: „Es geht nicht darum, Ungeimpfte auszuschließen. Es geht darum, Geimpften ihre Grundrechte und freies Leben zurückzugeben.“

Bei den Impfungen will Habeck die Quote durch niedrigschwellige Angebote erhöhen, Coronatests sollten auch weiterhin kostenlos sein: „Es geht ja darum zu erkennen, wo das Virus ist.“ Zur Situation in Litauen befragt, wo aus Weißrussland Geflüchtete Richtung EU geschickt würden, antwortet Habeck: „Litauen und Europa haben das Recht und die Notwendigkeit, ihre Außengrenzen zu schützen. Wir müssen wissen, wer zu uns auf den Kontinent kommt. Umgekehrt haben Geflüchtete, die einen Anspruch auf Asyl haben, das Recht, diesen Asylantrag zu stellen.“

ZDF-Sommerinterview: Als es konkret wird, ist Schluss

Kurz vor Schluss kommt Banerjee dann noch kurz auf die Pläne der Grünen zum Schutz der Menschen vor den Folgen der Klimakrise zu sprechen: „Da kommen unglaubliche Summen zusammen. Trügt da der Schein oder sagen Sie tatsächlich: Wenn’s ums Klima geht, spielt Geld gar keine Rolle mehr?“ Habeck erklärt: „Das ist eine andere Logik. Wir haben die Notwendigkeit, zu investieren. (…) Das reiche Deutschland hat nicht genügend investiert. Nicht genug für Wachstum, Beschäftigung und eben in zukünftige Techniken und in den Industriestandort getan.“ Für die Investitionen wolle er „die Zinssituation nutzen“, erklärt Habeck und ergänzt: „Ich will ein Geheimnis verraten: Irgendjemand muss es bezahlen. Und das verschweigen Union, SPD und FDP.“

Es ist bezeichnend für die gesamte Art dieses Sommer-Interviews, dass Banerjee genau in dem Moment, in dem das Gespräch inhaltlich Fahrt aufnimmt und Habeck erklären will, was in den vergangenen 16 Jahren von der Regierung alles an wichtigen Themen liegen gelassen wurde, das Interview beendet: „Den Ausflug können wir jetzt leider nicht mehr machen aus Zeitgründen.“ Für den Zuschauer ist das ein Schlag ins Gesicht.

Armin Laschet wurde und wird immer wieder auch von Medien vorgeworfen, sich auf nichts festlegen zu wollen. Nun hat man in den Sommerinterviews eine gute Gelegenheit, die Gäste auf genau diese Inhalte festnageln zu können - auch, damit der Zuschauer sich vor der Wahl ein besseres Bild von der Auswahl machen kann. Wenn diese Gelegenheit dann bei einem Gast, der von sich aus über Inhalte reden möchte – egal, ob man sie teilt oder nicht –, derart mit Nebensächlichkeiten vertan wird, dann hat der Zuschauer rein gar nichts von solchen Interviews.